laut.de-Kritik

Leider nicht nur unbewaffnet, sondern auch noch zahnlos.

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Helloween feiern ihren 25. Hochzeitstag. Das hat sich die 1984 in Hamburg gegründete Band auch redlich verdient. Etliche Millionen verkaufte Tonträger und das immense Ansehen bei Metalheads und Kollegen wie Iron Maiden katapultieren sie in die Riege bekannt deutscher Exportschlager wie Scorpions oder Rammstein. Dennoch wurden die sympathischen Kürbisse von Massenmedien und Feuilleton unverdient zumeist eher stiefmütterlich behandelt und entweder ignoriert oder ein wenig belächelt.

Das interessiert das Quintett zu Recht einen feuchten Kehricht, zum Jubiläum lässt man es krachen und zaubert sich und den Fans eine angemessene Party. Letztere fällt uns in Form von "Unarmed" in den Schoß. Die CD ist selbstverständlich keine schnöde Best Of, sondern eine Neueinspielung beliebter Klassiker. Doch wie so oft bei Silberhochzeiten: Das Fest ist für die Gäste keine gänzlich ungetrübte Freude.

Da ist zum einen die Trackauswahl. Klar, man kann es nicht jedem Recht machen. Dennoch stellt sich die Frage, warum man auf den seinerzeit noch provokanten und bis in die Punkszene Anerkennung genießenden künstlerischen Durchbruch "Walls Of Jericho" von 1985 komplett verzichtet hat. Die Pioniere des speedigen Powermetal verzichten auf ihre innovativste Phase? Nicht so nachvollziehbar!

"Dr Stein" klingt nach mehr als 20 Jahren sehr erfrischt als angedeutete Ska-Nummer mit explodierendem Saxophon. "Eagle Fly Free" profitiert enorm von der - wie immer - umwerfenden Gastsängerin Harriet Ohlsson von den Hellsongs. Das starke atmosphärische Arrangement – erkennbar an die Schweden angelehnt – ist die gewohnte Mischung aus Locker- und melancholischer Gedankenverlorenheit.

Das war es dann aber auch schon mit den Highlights. "If I Could Fly" lässt alles Genannte schmerzlich vermissen. Sogar das auffällig perlende Piano rettet die Nummer nicht vor dem Absturz in ungewohnte Schlager-Affinität. "The Keeper's Trilogy" ist sicherlich der Höhepunkt der Missverständnisse. Mehr als 17 Minuten lang serviert uns die Truppe "Halloween", "Keeper Of The Seven Keys" und "The King for A 1000 Years" als eine Art Mini-Sinfonie-Medley mit der Unterstützung des Prager Symphonic Orchestra.

Letztere machen ihre Sache handwerklich toll. Der wenig inspirierte Ritt durch die Klassik liefert trotzdem leider nur die typischen 'man mag es heroisch wagnerianisch bis zähneklappernd musicalhaft'-Klischees, wie man es schon bei zahllosen Metalcombos und Sakro-Pop Projekten als wenig magenfreundlich empfindet. Das alles wirkt leider nicht unbewaffnet, sondern zahnlos.

Auch der Rest der Songs pendelt bedenklich zwischen – vor allem gesanglich – angezogener Handbremse und charmantem Partygag. Natürlich profitieren auch die weniger gelungenen Experimente auf der Platte von ihrer ursprünglich songwriterisch gelungenen Natur. Einen ollen Metalklassiker haut eben so leicht nichts aus den Puschen. Doch genau hierin liegt die verpasste Chance. Aus einer tollen Sache etwas gerade mal Erträgliches zu machen, ist nicht gerade die optimale Ausbeute der vorhandenen musikalischen Möglichkeiten. Hoffen wir also demnächst wieder auf einen Hammer, der den Fans energetisch so richtig aufs Maul gibt und mir das meinige stopft.

Trackliste

  1. 1. Dr. Stein
  2. 2. Future World
  3. 3. If I Could Fly
  4. 4. Where The Rain Grows
  5. 5. The King For A 1000 Years - Part 3
  6. 6. Eagle Fly Free
  7. 7. Perfect Gentleman
  8. 8. Forever & One
  9. 9. I Want Out
  10. 10. Fallen To Pieces

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