laut.de-Kritik

Mit der Billo-808 wie Bob Ross gemalt.

Review von

Man könnte Jlin mit einem kurzen Blick in eine Schublade stecken: Electronica-Artist mit nicht so vielen Klicks, sehr klink-klank-klonk-ig, ein bisschen abstrakt. Wirkt wie einer von tausend Artists, denen Pitchfork eine 7.7 geben würde. Und dann gibt es den Szene-internen Blick: Da ist Jlin in den letzten Jahren zum großen elektronischen Wunderkind avanciert, vor dessen Tod Schützling von Chicagos legendärem Footwork-Säulenheiligen DJ Rashad, macht Features mit Aphex Twin, William Basinski und Steve Reich. Wird schon in Reihe mit Größen wie Burial oder Arca genannt. Was hat die Musik denn nun an sich, dass die Intellektuellen so darauf abfahren?

Von hier aus gäbe es zwei Wege, die diese Review beschreiten könnte. Einmal könnte ich mit bestem Halbwissen und allen bisherigen Interviews versuchen, die technischen Elemente nachzuzeichnen. Versuchen, die Referenzen zum Post-Minimalismus zu identifizieren, die Percussions aus aller Welt zu verstehen, meine deutsche Schlager-Mitklatsch-Veranlagung auf die relativ komplexen Polyrhythmen anzuwenden. Aber ich glaube ehrlich, dass ich das nicht in mir habe. Dieses Album ist ein hin und her konzeptualisiertes Spiel zwischen ihr und den Grammy-Preisträger-Avantgardisten von Third Coast Percussion und außerdem für die Komposition mit einem Pulitzer-Preis nominiert. Ich schlafe gut damit, dass ich nicht schlauer als das bin.

Versuchen wir deswegen lieber, dieses Album aus Laienperspektive zu bändigen. Denn trotz aller Verkopftheit ist da etwas in diesen abstrakten Klangirrgärten, das mir etwas gibt. Was passiert hier? Erstmal: Für etwas, das oft in Tradition mit dem eigentlich sehr intuitiven amerikanischen Club-Genre des Footworks gelesen wird, ist das nicht sehr tanzbar. Also, vielleicht bin ich auch einfach kein begnadeter Tänzer, aber wäre ich auf ambitionierten Berlin- oder LA-Partys, würde ich je nach Tagesform fünf Minuten dastehen und versuchen zu wackeln, bis ich aufgegeben hätte. Und ich bin mir relativ sicher, so ging es 98% aller Leute ohne Hilfsmittel.

Ein schönes Wort, das Jlin im Interview mit Sonemic verwendet hat, lautet "Rhytmelodies". Das ist wohl die feingeistigere Art, mein Beschreibungsversuch "klink-klank-klonkig" aus der Einleitung zu fassen. Vielleicht ist hier auch der beste Zugangspunkt zu "Perspective": Wenn man genau hinhört, tut sich ein ganzes, ausgefeiltes Ökosystem an kleinen Percussions auf. Zum Beispiel auf dem Closer "Duality", da hat man ganz tief unten eine treibende, recht normale Drums, aber darüber leben dann wie in den verschiedenen Schichten eines Waldes alles Mögliche von Marimbas über Glockenspiel bis hin zu Triangeln.

Gewissermaßen ist Jlin eine Mandalamalerin. Sie nimmt nämlich all diese simplen Linien und Formen, viele von ihnen ohne große Manipulation oder Reverb oder Delay, und arrangiert sie so aufwändig und detailliert, dass sie ein gewisses Eigenleben annehmen. "Derivative" zum Beispiel nimmt einen ganzen Haufen Sounds, die klingen wie direkt und unbearbeitet aus dem billigsten Kit zum Trap-Beats-Bauen auf dem Markt. Keiner dieser Sounds ist an sich besonders sexy. Aber Jlin malt mit Billo-808 wie Bob Ross.

Dann entstehen auf Songs wie "Fourth Dimension" diese Motive, die sich anfühlen, als würden sie sich konstant bewegen. Es ist ein bisschen, als würde man Visuals schieben. Ganz leicht rotiert der Loop links und rechts aus dem Sichtfeld heraus und urplötzlich ist man ganz woanders, als wäre das gar kein Loop, auch wenn es sich noch so sehr nach Loop anfühlt. Es ist Musik, die man nicht verstehen muss, sondern in die man hineinfallen muss, die trotz ihres schroffen Äußeren doch ein genaueres Hineinhören belohnt. Und jetzt, wo ich wirklich zum fünften Mal durch den selben Song kreisele, da zuckt es mir doch ein bisschen durch die Hüfte. Was it tanzbar after all?

Natürlich ist es das, nur eben auf nicht sehr orthodoxen Wegen. "Perspective" ist ein Album für die Hipster, wie es im Buche steht. Und für Kenner*innen von elektronischer Musik geht in diesem Album wahrscheinlich auf einem theoretischen Level nur noch die Post ab. Ich würde trotzdem gern dafür einstehen, dass das Musik ist, für die man nicht zu blöd sein kann, nur zu unaufmerksam. Wie Jlin aus simpelsten Bausteinen diese grandiosen und exzentrischen Kompositionen zusammenschraubt, das verdient alle Anerkennung der Welt.

Trackliste

  1. 1. Paradigm
  2. 2. Obscure
  3. 3. Fourth Perspective
  4. 4. Derivative
  5. 5. Dissonance
  6. 6. Duality

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