laut.de-Kritik

Psychedelischer Solotrip des Interpol-Sängers.

Review von

Der Albumtitel führt mich zurück in eine stürmische Frühjahrsnacht im Windows on the World-Restaurant im Nordturm des New Yorker World Trade Centers. Der heftige Wind in dieser Höhe brachte das Gebäude tatsächlich spürbar zum Schwanken. Für Landeier wie mich ein völlig unerwartetes Erlebnis, weil man das einem Riesen wie diesem Gebäude einfach nicht zugetraut hätte.

Auf den Sofas mit Blick Richtung nächtliches Uptown Manhattan fühlte sich das an, als würde eine allmächtige Hand an einer übergroßen Wiege schaukeln. Nicht bedrohlich, aber trotzdem unheimlich.

Man sollte sich, wenn möglich, wirklich in einen Wolkenkratzer begeben, um das gesamte Album von Julian Plenti oder zumindest den Titelsong "Skyscraper" zu ergründen. So stehe ich am Fenster meiner Wohnung im 9. Stock meines zwölfstöckigen Plattenbaus und warte auf das nächste Unwetter, das dieses Babyhochhaus durchschütteln könnte, um die Refrainzeile "Shake me Skyscraper" am eigenen Leibe zu erfahren. Aber nichts passiert.

Ich muss eben doch die Parallele zu einem anderen Titelsong ziehen: "Pornography" von The Cure. Eine formale Ähnlichkeit besteht im treibend-psychedelischen Arrangement und den darin verwobenen Geräusch- und Stimmen-Samples. Wenn auch nur in Nuancen. Trotzdem erinnert "Skyscraper" in seiner Dramaturgie und der durchdringenden Stimmkraft an dieses apokalyptische Kapitel der 80er Jahre.

Banks ist nicht nur die Stimme von Interpol, sondern auch deren Gitarre. Das stellt er mit "Games For Days" unter Beweis. Wüsste man nicht, dass es sich hier um ein Bandmitlgied handelt, so müsste man spätestens beim Refrain instinktiv "Diebstahl!" schreien. Denn diese Gitarre ist das allseits bekannte treibende und schwermütige Element unter dem markanten Gesang voller Erhabenheit.

Auch die rhythmisch unkonventionelle Hymne "Fly As You Might" scheint im Refrain so nah an der Vorlage, dass dieser Wiedererkennungswert von Stimme und Gitarre in Kombination nur in Gold aufgewogen werden kann. Um immer noch beim Titel der Platte zu bleiben: Die Erwartungen dürften bei einer derartigen Konstellation mindestens bis zur Art Déco-Spitze des Chrysler-Buildings gereicht haben.

Denn die Fans interessiert eh nur, ob die Scheibe jetzt wie "Our Love To Admire" klingt oder nicht. Um es kurz zu machen: Jein. Man hört jedenfalls sofort, welchen Stellenwert Paul Banks im Songwriting-Prozess seiner Band einnimmt: Er hat die Hosen an! Für diese Platte soll er fleißig alle Schnipsel und Entwürfe der Songs gesammelt, katalogisiert und archiviert haben, die es nicht in ein Interpol-Stück geschafft haben.

So zaubert dieser Mann auf der akustischen Gitarre mit "On The Esplanade" quasi en passant eine ungewohnt leichtfüßige Ballade herbei. Wahrscheinlich handelt es sich hier um eine der erwähnten Songskizzen in ihrer ursprünglichsten Form. Ohne Schnörkel und Politur. Unbehandelt und unaufgebläht, wie es für ein Akustik-Set in kleinen Clubs gedacht sein könnte.

Banks neigt aber auch zu sperrigen Samples. Bei "Only If You Run" oder "Unwind" schreckt er vor dem Einsatz synthetischer Instrumentierung nicht zurück, was dem Album die nötige Frische und auch Distanz zur großen Vorlage verleiht. Doch erst wenn man sich mehrmals in dieses Dickicht an Songs verirrt hat, beginnt sich die Detailversessenheit und die lyrische Kraft hinter den Stücken zu erschließen.

Was bleibt, ist ein erstaunliches Solodebüt mit der von Interpol bekannten atmosphärischen Dichte. Allerdings mit mehr Spieltrieb und Freude am Experiment. So funktioniert diese Platte wie die erwähnte Hand an der großen Wiege, und aus dem dunklen Himmel voller Wolkenkratzer haucht es einem mantragleich entgegen: "Es ist alles nicht so schlimm."

Trackliste

  1. 1. Only If You Run
  2. 2. Fun That We Have
  3. 3. Skyscraper
  4. 4. Games For Days
  5. 5. Madrid Song
  6. 6. No Chance Survival
  7. 7. Unwind
  8. 8. Girl On The Sporting News
  9. 9. On The Esplanade
  10. 10. Fly As You Might
  11. 11. H

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