laut.de-Kritik

How To: Das Flugzeug in den Sand setzen.

Review von

Kasimir1441 kämpft wieder einmal schreiend um seine Relevanz, die seit dem Charterfolg mit Badmómzjay konstant zurückgeht. Man möchte dem 23-Jährigen das Potential seiner innovativen Vocal-Performance nicht absprechen, aber sie macht die offensichtlichen Schwächen seiner Songs halt nicht wett. Wie auch die vorherigen Projekte ist "Kamikasi" ein Mischmasch aus zahllosen Ansätzen, die Kasimir mit einer dürftigen, halbgaren Umsetzung an die Wand fliegt. Er bleibt im Schatten seines ungehemmten Stimmeinsatzes zurück, und endet über weite Strecken zwischen mittelmäßigem Street Rap und glattgebügeltem Trap-Pop, garniert mit eingestreuten Trash-Samples und lyrischem Nichts.

Denn inhaltlich ist hier natürlich überhaupt nichts mitzunehmen. "Kamikasi" ist eines dieser Alben, die man vier Mal durchhören kann, und sich an keine einzige Line erinnert, entsprechend wenig geht über unteres Freestyle-Niveau heraus: "Ich hab' viele Hoes wie Santa / Ich war in Domingo in Santa (In Domingo) / Ich stapel' Papiere wie Banker / Und sie gibt mir Neck hinterm Lenkrad". Naja. Das ist nicht direkt problematisch, schließlich werden gerade beim Trap häufig wacke Texte mit einem überzeugenden Soundbild kompensiert. Der Sound des vorliegenden Projekts ist aber sicher nicht überzeugend, höchstens überbordend.

Auf die typisch generische Straßenrapper-Attitüde treffen pseudonachdenkliche Songs wie "Teufelskreis", "Durch Die Nacht" oder auch "Dance Forever", das mit dem Jersey-Club Beat und einer melancholischen Pophook bei allen Deutschrap-Trends gleichzeitig anbeißt.

Die Sample-Loops von "Nicht Pünktlich" und "Dirty Diana" kommen derweil direkt aus der Hölle. Beim einen scheppern trashige Rock-Akkorde, das andere liefert eine leicht abgewandelte Version von "Somewhere Over The Rainbow". Das Chaos wird perfekt, wenn das Ukulelespiel auf einen Drillbeat trifft und Kasimir gleichzeitig anfängt, gegen das gesamte Instrumental zu kämpfen. Das sollte eigentlich überhaupt nicht funktionieren, und es funktioniert auch nicht. Die beiden Songs klingen weniger wie ernstgemeinte Tracks, sondern vielmehr nach den "Ehrenlosen Remixen", die vor etwa zwei Jahren viral gingen. Man kann die Experimentierfreude loben, man muss sich aber auch fragen, wie unkritisch so ein Produkt von Produzent zu Label weitergereicht wird.

Kasimir-typisch hat das Album auch ein paar hellere Augenblicke. "Nicht Zu Retten" ist ein solider Ausflug ins Rage-Terrain, mit der Unterstützung von Kwam.E zeigt sich Kasimir von seiner besten Seite und flowt sogar auf den Beat. "Es Ist hart" mit den BHZ-Jungs Monk und Ion Miles liefert einen nicen, unterkühlten Vibe; Nichts besonderes, aber ein weiterer, willkommener Ausbruch aus den ganzen vorherigen Stress-Flows. "Position" mit den Labelkollegen Lauin und 6Mille ist ebenfalls ganz okay, das schnelle Trapgewitter passt besser auf Kasimirs überhastete Delivery.

Allgemein ist der Flow von Kasimir ein zweischneidiges Schwert, so wie es im Grunde alle Offbeat-Flows sind. Als Stilmittel dezidiert eingesetzt können sie rhythmische Komplexität verleihen, so exzessiv wie auf "Kamikasi" sorgen sie nur noch für Kopfschütteln und einen erhöhten Stresspegel beim Hören. Es klingt so, als hätte man einen Take aufgenommen und dann mit dem nächsten Song weitergemacht. Das ist nicht raw oder authentisch, sondern resultiert in einer vollkommen unfertigen Produktion. Kasimir flowt auf seiner Kamikaze-Mission an allen Zielen vorbei, und setzt seinen provisorischen Trap-Plane letztendlich in den Sand.

Man will den Glauben einfach nicht aufgeben, dass irgendwo tief in seiner zugerauchten Seele ein innovativer, erfrischender Rapper schlummert. Die seltenen Highlights lassen den Gedanken zu, dass der Junge möglicherweise doch etwas können könnte. Allerdings werden alle halbwegs guten Ansätze von den größtenteils trashigen Beats, den lahmen Pop-Trap Balladen und Kasimirs Nonsense-Lyrik und Offbeat-Flows so weit überschattet, dass "Kamikasi" am Ende ein chaotisches Projekt ohne jede größere Vision oder Ausarbeitung bleibt, in dem jeder halbwegs gute Song mit vier Bullshit-Tracks ausgeglichen wird.

Trackliste

  1. 1. Klimakleber
  2. 2. Excalibur
  3. 3. Teufelskreis
  4. 4. Erinnere Mich An Gestern
  5. 5. Trap Und Trap
  6. 6. Nicht Pünktlich
  7. 7. Dirty Diana
  8. 8. Nicht Zu Retten
  9. 9. Durch Die Nacht
  10. 10. Kamikasi
  11. 11. Es Ist Hart
  12. 12. Immer Für Mich Da
  13. 13. Dance Forever
  14. 14. Metal Lee
  15. 15. Position
  16. 16. Heute Gut Drauf
  17. 17. Paris

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