12. Juli 2000

Zerstört das System! Kein Leben ohne Kampf!

Interview geführt von

Brachialer Metal mit engagiertem Rap und hohem Melodieanteil - das ist das widersprüchliche Markenzeichen einer wandlungsfähigen Band. Derzeit sind Such A Surge auf großer Deutschland-Tour. Vor ihrem Auftritt beim Zeltfestival in Konstanz konnte Laut-Redakteur Florian Schade mit Olliver Schneider und Dennis Graef ein kurzes Interview führen. Sie trafen sich backstage vor den Tourbussen.

Hallo guten Tag.

Olliver Schneider: Komm wir gehen in den Bandcontainer, da können wir Weiber ficken und Schampus saufen.

Macht ihr das öfters?

Olliver Schneider: Ständig. (Wir betreten eine fünf Quadratmeter große Kammer) Hier finden nach der Show immer die wilden Parties statt. (grinst) Mit zwanzig nackten Tänzerinnen. Die sind alle schon nackt, wenn wir verschwitzt ankommen.

Wie läuft denn eure neue Single "Gib mir mehr"?

Olliver Schneider: Schlecht. Da geht so gut wie gar nichts. Ganz miese Verkaufszahlen.
Dennis Graef: Echt? Bist Du sicher?
Olliver Schneider: Ja, ein echter Ladenhüter.

Woran liegt das?

Dennis Graef: Ich glaube, wir sind keine Band für Singles. Wozu sollte man sich eigentlich überhaupt Singles kaufen? Auf dem Album ist doch eh alles drauf. Unsere Fans kaufen sich das aktuelle Album und sind damit zufrieden. Das hat halt mit unserer Fangemeinde zu tun. Das sind keine Singlekäufer. Eigentlich ist das auch gut so. Ich kaufe mir auch keine Singles.

Aber da sind doch Live-Versionen und Multimedia drauf. Eine Einstimmung auf die kommende "Der Surge Effekt Part 2" - Tour?

Olliver Schneider: Nein, ich denke, man muss Singles generell attraktiv machen, um den Leuten etwas zu bieten. Deshalb haben wir für die paar Leute, die sich die CD eben doch kaufen, viele Live-Tracks und ein Video drauf gepackt. Das sind fast 25 Minuten geworden, also fast eine EP.

Bei eurer Tour im September ist als Special Guest die spanische Band Dover dabei. Habt ihr die schon kennengelernt?

Dennis Graef: Nein, aber wir kennen die CD (fängt an, ein Lied zu singen). Und die Sängerin sieht echt spitze aus.

Sucht ihr euch die Supportbands selber aus oder werden die euch zugeteilt?

Dennis Graef: (lacht) Wir suchen uns die natürlich selber aus. Würden wir von Sony irgendwelche Bands zugeteilt bekommen, gäbe es mit Sicherheit Mord und Totschlag. Da würde Blut fließen. Das nennt man Tourkoller.
Olliver Schneider: Dover gefällt uns und Flow-Fy, die bei der letzten Tour dabei waren, mögen wir persönlich. Sie sind eine Braunschweiger Kapelle genau wie wir, und wir wollten ihnen die Möglichkeit geben, nicht nur regional, sondern auch auf anderen Bühnen aufzutreten.

Habt ihr Pläne auch andere Newcomer zu unterstützen?

Olliver Schneider: Nein, Flow-Fy waren die absolute Ausnahme.
Dennis Graef: Definitiv nicht.

Auf eurem aktuellen Album sind deutliche Pop-Einflüsse zu vernehmen. Lasst ihr euch von Trends, wie z.B. dem 80er-Revival, beeinflussen?

Olliver Schneider: Wir legen es nicht darauf an, Trends hinterher zu laufen. Wir haben zwar unsere Linie, aber wenn uns etwas gut gefällt, dann machen wir das auch, bauen es in unsere Musik ein. Wir unterziehen unsere Musik aber keiner bewussten Veränderung. Wir gehen wie eine Schülerband, die wir ja auch mal waren, in den Proberaum und fangen an zu spielen, was uns gerade in den Sinn kommt. Hinten kommt dann Musik dabei raus. Da steckt keine penible Planung dahinter.

Wie fühlt sich eine Band, der man nachsagt, sozialkritisch zu sein, in der neuen Medienwelt der Zlatkos und der Stefan Raabs?

Dennis Graef: Das ist ja nichts Neues. Solche Erscheinungen wie diesen ganzen Fernsehmüll gibt es immer wieder. Wir sind eben auf dem Weg in die 80 - 20 Gesellschaft. 20 Prozent der Menschen bestimmen und gestalten, während 80 Prozent die Arbeit verrichten. So ist das System. Um die 80 Prozent bei Laune zu halten werden sie mit billigem Tittytainment versorgt. Ich hoffe, daß ich niemals zu diesen 80 Prozent gehören werde, sondern zu den Leuten, die für die 80 Prozent kämpfen. Es gibt kein Leben ohne Kampf.

Habt ihr Big Brother gesehen?

Dennis Graef: Nein, ich habe gar keinen Fernseher.
Olliver Schneider: Ja, ich habe mir das sogar ziemlich oft angesehen. Es war faszinierend mitzuerleben, wie da ein Ereignis aus dem Boden gestampft wird, wie so ein Hype ganz klein anfängt und dann in den Himmel wächst. Allerdings bin ich kein Fan. Ich habe mich einfach dafür interessiert. Eine sozialwissenschaftliche Studie quasi. Ob aber Jürgen oder John oder wer auch immer letztendlich gewinnt, war mir scheißegal.

Auch neuere HipHop-Acts wie EinsZwo haben als Message nicht mehr viel anzubieten. Dafür entwickeln sich Styles und Techniken immer schneller. Versucht ihr an dieser Entwicklung teilzunehmen?

Dennis Graef: (scherzt) Wir bekommen unser gesamtes Material inklusive Texte immer von Sony gestellt und müssen es dann nur noch nachspielen.
Olliver Schneider: Überhaupt nicht. Ich schreibe meine Texte frei nach Schnauze und kümmere mich nicht um den aktuellen Style. Aber wir arbeiten ja auch immer wieder mit HipHop-Acts wie Ferris MC oder Thomas D zusammen. Wenn Ferris aber trotz geilen Styles in seinen Texten nur über‘s Abdichten und den nächsten Suff reimt, brauch ich das doch nicht zu kopieren. Ich will gar nicht erst versuchen, den Newcomern irgend etwas nachzumachen, weil ich das gar nicht könnte. Außerdem wäre ich mir damit nicht mehr treu und das ist mir wichtiger.

Seid ihr eigentlich Internetnutzer? Hat der Computer in euer Alltagsleben Einzug gehalten?

Dennis Graef: Ja, klar. Aber ich habe ein echt schlechtes Gewissen, weil ich mir ziemlich oft Bücher und Musik online bestelle. Eigentlich sollte man das ja gar nicht machen, weil dadurch der Einzelhandel kaputt geht. Die alte Oma im Buchladen an der Ecke geht pleite und die großen Konzerne verdienen immer mehr und mehr. (schweift ab) Schau Dir doch mal Mannesmann an, was die für ein Schweinegeld an meinem Handy verdienen. Früher habe ich das gar nicht realisiert und wie blöd rumtelefoniert. Jetzt versuche ich, nur noch so selten wie möglich zu telefonieren. Die verkaufen doch sogar Waffen in irgendwelche Länder, da brauchen sie mein Geld nicht auch noch. Kein Leben ohne Kampf.

Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, neue Songs exklusiv als mp3 im Netz zu veröffentlichen?

Olliver Schneider: Nein, das dürfen wir wegen Sony nicht. Das sind harte Verträge. Wir sind aber zum Beispiel die erste und einzige Band, die ein aktuelles Video in voller Länge auf der Homepage hat. Das haben wir durchgeboxt. Normalerweise ist nämlich nur ein Ausschnitt von 30 Sekunden erlaubt.
Dennis Graef: Ich habe einem Fanclub mit eigener Homepage mal ein paar mp3s zukommen lassen. Die haben sich letztendlich aber auch nicht getraut, das im Netz zu veröffentlichen. Unsere Platten sind übrigens die einzigen bei Sony, die kein CopyKillsMusic-Label aufgedruckt haben. Das unterstützen wir nicht. Kein Leben ohne Kampf eben.

Wollt ihr den Laut-Lesern zum Schluss noch eine Botschaft mit auf den Weg geben?

Dennis Graef: Macht kaputt was euch kaputt macht. Zerstört das System. Kein Leben ohne Kampf.

Olliver, Dennis, vielen Dank für das Interview.

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