laut.de-Kritik

Schöne Hommage an die Calypso-Szene Trinidads.

Review von

Wer bei Calypso ausschließlich an Harry Belafonte und seinen "Banana Boat Song" denkt, hat eine ganze Menge nachzuholen. "Calypso @ Dirty Jim's" liefert Interessierten den perfekten Kompaktkurs zu den Klängen aus Trinidad. Lebende Chantwell-Legenden interpretieren, begleitet vom letzten traditionellen Calypso-Orchester der Insel, ausgewählte Klassiker. Das liebevoll gestaltete Booklet verrät immensen Sachverstand, legt aber dennoch angenehm unaufdringlich Ursprünge und Geschichten der einzelnen Songs dar. Rudimentäre Französischkenntnisse sind allerdings von Vorteil.

Das Konzept erscheint vertraut: Ein längst in die Geschichte eingegangener Nachtclub auf einer karibischen Insel wird Thema eines Films. Wer hat nicht sofort den Buena Vista Social Club im Kopf? Nur hat Pascale Obodo für seine Hommage (die Bonus-DVD enthält Auszüge aus Obiedos Film) ein anderes Objekt gewählt: Eröffnet von einem ehemaligen US-Soldaten in einer stillgelegten Rumbrennerei avanciert der "Dirty Jim's Swizzle Club" in der Hauptstadt Port of Spain in den 50er Jahren zum Treffpunkt der Calypso-Szene Trinidads. Hier begegneten sich Soldaten, Touristen und Einheimische. Heute künden lediglich wenige Fotos und einige Liedtexte von vergangener Pracht.

"Calypso @ Dirty Jim's" vereint nun die erste Garde der noch lebenden Calypso-Stars. "Memories" von 1973 stellt zwar den jüngsten Song der Compilation, Interpret Mighty Sparrow jedoch, selbst Jahrgang 1935, ist wahres Urgestein. Seiner wunderbar warmen Stimme sind die Jahre zwar anzuhören, das schadet jedoch keineswegs. "Memories" ist verstorbenen Freunden und Kollegen gewidmet; der leichte, fröhliche Sound steht in spannendem Kontrast zur Melancholie des Textes. Mighty Sparrow gewann 1956 den "Carnival Road March", den bedeutendsten Calypso-Wettbewerb überhaupt, der dem Sieger den Titel "Calypso King" einträgt. Siegertitel damals: "Jean And Dinah", das, gesungen von Lord Superior, ebenfalls vertreten ist.

"Jean And Dinah" zeigt, dass Calypso nicht nur Volksbelustigung sondern auch politische Ausdrucksmöglichkeit darstellte. Der Text feiert den Abzug amerikanischer Soldaten aus Trinidad: "Yankees gone and Sparrow take over now." Ungeachtet der brisanten Thematik tönt die Nummer, nicht zuletzt dank der luftigen Bläsereinsätze, ein wenig nach Big-Band-Swing. Ebenso derbe Sozialkritik steckt in "Rum And Coca Cola". Komponiert 1943 von Lord Invador, fand der Song in einer Coverversion der Andrew Sisters weltweite Verbreitung. Calypso Rose (übrigens die Dame, die 1977 den Anlass lieferte, den Titel "Calypso King" in "Calypso Monarch" umzuwandeln) bringt sowohl die entschärfte US-amerikanische Fassung als auch die ursprünglichen Lyrics zu Gehör; darüber hinaus wartet die Compilation mit einer Instrumentalversion auf.

Mit "Mathilda" dürfte der wohl meistgespielte Calypso der Welt vertreten sein. Die Geschichte der treulosen Dame, die samt Ersparnissen und venezolanischem Nachbarn durchbrennt, wurde bereits in den 50er Jahren, unter anderen von Harry Belafonte, nacherzählt. Beim Original handelt es sich um einen Klassiker aus den 30ern, hier dargeboten von Relator. Relator interpretiert daneben mit seiner stellenweise überraschend hohen Stimme Lord Kitcheners Heimwehnummer "Nora" sowie "Shame And Scandal In The Family", eine humoristische Darstellung hochgradig verworrener Familienverhältnisse, die, um nur einige zu nennen, von Sascha Distel, Joe Dassin und Bob Marley gecovert wurde.

"Bam Bam", ursprünglich von Toots and The Maytals, ist das einzige Stück, dessen Wurzeln außerhalb Trinidads liegen. Dass es sich hier ursprünglich um eine Reggae-Nummer und nicht um einen Calypso handelte, hört man in der Fassung von Bomber allerdings kaum noch. Auch seiner hörbar angejahrten Stimme konnte die Zeit nichts von ihrem Charisma nehmen. Ein wenig dünn ist allerdings der Backgroundgesang geraten, schade darum.

Charakteristische Gitarrenläufe, leichtes Pianogeklimper und flockig dahin groovende Basslinien sorgen für fröhliche Südsee-Stimmung. Syl Dopsons Orchester ist seit Jahrzehnten im Geschäft und bringt reichlich Routine und Lebenserfahrung auf die Bühne. Relator und Lord Superior greifen selbst zur Gitarre, daneben kommt Unterstützung von der Bläsersektion des Polizeiorchesters von Port of Spain. Das Ergebnis: Alte Männer machen swingende karibische Tanzmusik mit bissigen Texten. Wunderbar.

Jetzt ein Gläschen Planter's Punch, wenn nicht zur Hand, tut's auch Rum und Coca Cola. Augen zu, Welcome to the Caribbean! Never ever worry! Always remember: Somebody's suffering more than you.

Trackliste

  1. 1. White Man Wife - Lord Superior
  2. 2. Shame And Scandal In The Family - Relator
  3. 3. Ugly Woman - Bomber
  4. 4. Rum And Coca Cola - Calypso Rose
  5. 5. Interlude
  6. 6. Jean And Dinah - Lord Superior
  7. 7. Bam Bam - Bomber
  8. 8. Nora - Relator
  9. 9. Interlude
  10. 10. Life In London - Mighty Terror
  11. 11. Matilda - Relator
  12. 12. Doctor Kitch - Bomber
  13. 13. Never Ever Worry - Lord Superior
  14. 14. Memories - Mighty Sparrow
  15. 15. Rum And Coca Cola (Instrumental)

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