laut.de-Kritik

Erstklassiges Rap-Kino für Hartgesottene.

Review von

Volkan T. bildet in der tosenden Brandung der deutsch-türkischen Rap-Szene den sprichwörtlichen Fels. Wenngleich nicht wegzudenken, operierte er bisher eher abseits des Rampenlichts. Er zog hinter den Kulissen bündelweise die Fäden, produzierte für Kollegen, stand ihnen als Featurepartner zur Seite und lieferte allenfalls Beiträge für den einen oder anderen Sampler. Höchste Zeit für einen Alleingang?

Diese Frage beantwortet Volkan T. mit seinem vorliegenden Album höchstselbst. Jawoll! Ein Schwinger dieser Sorte war längst überfällig. Der bei "Speak English Or Die" der Stormtroopers of Death entliehene Titel und ein Blick auf Volkans ungebrochenes Engagement im Metal- und Hardcore-Bereich lassen es bereits ahnen: Samthandschuhe entsprechen nicht dem Dresscode. Hier wird die Axt ausgepackt.

Wer also Angst vor Stromgitarren hegt oder dreckige Riffs mit Abscheu betrachtet, wird gleich im "Progressiven Intro" unmissverständlich wieder hinaus komplimentiert. Das ist auch wirklich besser so: Die Beats, für die größtenteils Toby Dope und Volkan T. selbst verantwortlich zeichnen, verlangen lauthals nach einer gewissen Aufgeschlossenheit gegenüber metallenen und elektronischen Klängen. Diese belohnen sie dafür aber mit satt wuppenden Bässen und einer finsteren Ästhetik, wie ich sie sonst vor Jahren nur auf Veröffentlichungen des New Yorker Labels WordSound fand.

Durch die dunklen Kulissen marodiert mit einzigartigem Flow ein Rapper, der nicht zum kleinsten Zugeständnis bereit scheint: "Keine Märchen, keine Sagen, kein Gerede, keine Schwächen, keine Fragen, keine Gebete!" Volkan T. hat die Faxen dicke, er kommt im Verbund mit dem türkische Wortschwälle vor sich her schiebenden Alaturka Mavzer wahrhaft "Unaufhaltsam" daher.

"Keine Schwächen", das möchte ich so allerdings nicht unterschreiben. Durchaus mangelt es Volkan auf Albumlänge betrachtet an stilistischer Abwechslung. Dem einen oder anderen Reim hätte darüber hinaus problemlos eine Behandlung mit der Feile mehr gedient als der offenbar verwendete Vorschlaghammer. Trotzdem: "Sprich Deutsch Oder Stirb" bietet erstklassiges Rap-Kino für Hartgesottene.

Zart besaiteten Zeitgenossen dürfte schon der "Amoklauf" zu schaffen machen. Mit dem unappetitlichen Zombie-Szenario im Nachschlag "Menschenfresser" brauchen wir da gar nicht erst anzufangen. Als bekennender Splatterfilmfreund ziehe ich aus derlei jedoch durchaus Vergnügen und freu' mich an der Erkenntnis, dass sogar in härteren Hip Hop-Gefilden die Storyteller noch nicht ganz ausgerottet wurden.

"Jeden Tag eine neue Geschichte" - das hat Volkan T. in der Tat drauf. Ob durchgeknallter Machetenschwinger ("Amoklauf"), Geschäftemacherei auf der Straße ("Durch Den Nebel" mit türkischem Chorus, beigesteuert von Kumpel Killa Hakan) oder die schräge Beleuchtung der eigenen Abhängigkeit (vom Hip Hop nämlich, in "Sucht"): Ich empfinde als überaus wohltuend, einmal wirklich gespannt zuhören zu dürfen, ohne - wie bei zu vielen anderen - die nächsten drei bis sieben Zeilen schon im Voraus zu erahnen.

Auch knallharten Battleansagen veredelt Volkan T. so zu gediegenem Entertainment. Er pisst in hohem Bogen dem Medienzirkus im Allgemeinen ans Bein und brüllt bei den "Nutten von Fernsehen und Radio" nach Gleichberechtigung und vor allem Airplay. Im Remix legt Bazooka auf "Hart Zart Gefährlich Ehrlich" noch 'ne Schippe drauf: Als Drum'n'Bass-Track frisch aufgegossen, dürfte diese Nummer die Gangster nicht nur zum Kopfnicken, sondern zum völligen Durchdrehen treiben.

Auf das Rap-Game im Besonderen setzt "Alles Lügen" einen dampfenden Haufen: "Jeder ist der Beste, immer die gleiche Leier. Du bist ein Gangster? Huch, au weia! ... Dein Erfolg ist empörend. Warum verkauft sich Scheiße schon immer?" Zeilen, die mir, ähnlich wie das gemeinsam mit No Remorzes Crak geforderte "Sprich Deutsch Oder Stirb", direkt aus der Seele gekratzt wurden. Denn, sieh an: "Der Türke kann besseres Deutsch als du Penner!"

Die immer noch brandaktuelle Integrations-Thematik, derentwegen einst schon die Mitglieder von Advanced Chemistry die grünen Pässe mit goldenen Adlern drauf schwenkten, beackern Volkan T., Deso Dogg und Dissput in "N.D.O.". Der prägnante Beat ohne jeden Schnickschnack lenkt den Fokus direkt auf die Aussage, die da lautet: "Auch wir sind Deutschland!"

Neben kritischen Tönen gestattet, nein, befiehlt Volkan T. aber auch das hemmungslose Durchdrehen. "Tanz Dich Tot" bedient sich, solchem begegnet man in Rap-Kontexten auch eher selten, bei Bolt Throwers "Inside The Wire". Da wird der Tanzboden zum Moshpit. Wer Jiggy-Hip Hop mit Silikontitten und fetten, eingeölten Ärschen sucht, ist hier definitiv im falschen Club.

Trackliste

  1. 1. Das Progressive Intro
  2. 2. Amoklauf
  3. 3. Durch Den Nebel
  4. 4. Sucht
  5. 5. Sprich Deutsch Oder Stirb
  6. 6. Das Ist Volkan
  7. 7. Alle Gegen Alle
  8. 8. Hart Zart Gefährlich Ehrlich
  9. 9. Tanz Dich Tot
  10. 10. Skit
  11. 11. N.D.O.
  12. 12. Unaufhaltsam
  13. 13. Terror Bomben Blut Tote
  14. 14. Alles Lügen
  15. 15. Das Apokalyptische Outro
  16. 16. Hart Zart Gefährlich Ehrlich (Bazooka RMX)
  17. 17. Menschenfresser

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6 Kommentare

  • Vor 16 Jahren

    :)

    Ich hätte nicht gedacht, dass das Album noch jemandem gefällt, außer mir. Die Kritik triffts eigentlich ziemlich genau. Sehr hoher Entertainmentfaktor.
    Ist aber sicher nicht jedermanns Sache.

  • Vor 16 Jahren

    "einzigartiger flow" hmm ja...irgendwo zwischen taktloss und def benski ´97 (war damals schon kein flowwunder)...textlich gibts technisch nicht viel schlechteres, so dass ich geneigt bin ihm nahezulegen türkisch zu sprechen oder zu sterben! naja, wird wohl geschmackssache sein und der titeltrack ist wirklich lässig

  • Vor 16 Jahren

    @Dracula (« "einzigartiger flow" hmm ja...irgendwo zwischen taktloss und def benski ´97 (war damals schon kein flowwunder)...textlich gibts technisch nicht viel schlechteres, so dass ich geneigt bin ihm nahezulegen türkisch zu sprechen oder zu sterben! naja, wird wohl geschmackssache sein und der titeltrack ist wirklich lässig »):

    Jemanden mit Taktlo$$ zu vergleichen ist in meinen Augen ein sehr großes Lob. Ich find seinen Rapstil cool, ungewöhnlich und manchmal denkt man sich auch, wieso, das hätte sogar meine Oma besser gekonnt, aber das find ich eigentlich ganz passend so. Er hat ne coole Stimme und der Inhalt ist auch interessant, zusammen mit den guten Beats ergibt das für mich ein mehr als passables Album. Aber wie schon gesagt, natürlich Geschmackssache (wie alles :koks: ).

  • Vor 16 Jahren

    is auf jeden harte kost. mir ein rätsel wie einem des gefallen kann...

  • Vor 16 Jahren

    Live sind die Beiden jedenfalls 'n großer Spaß. Album muss ich mir mal anhören...

  • Vor 16 Jahren

    Lyrisch nicht gerade der Oberhammer, aber vom Style her einfach mal was anderes, und auch darum sehr geil.

    Könnte ich mir zwar nicht jeden Tag geben, dafür ist mir das ganze zu durchgehend deprimiert, trotzdem gefällt mir die Platte gut. Und diese Beats!!! :illphone: