7. August 2026

"Brent Hinds' Tod war ein heftiger Schlag in die Magengrube"

Interview geführt von

Der Sensenmann scheint sie zu verfolgen: Mastodon haben ein Album über den Tod geschrieben, wohlgemerkt nicht ihr erstes. Schon auf "Crack The Skye" betrauerten sie die Schwester des Drummers Brann Dailor, auch "Emperor Of Sand" und "Hushed & Grim" folgten Schicksalsschlägen. "Marrow Deep" schmerzt jedoch doppelt: Innerhalb nur weniger Monate starben sowohl Brann Dailors Mutter (an Krebs) als auch Mastodons Ex-Gitarrist Brent Hinds (bei einem Motorradunfall) – ein Mann, der für viele das Gesicht war, das man vor Augen hatte, wenn der Name Mastodon fiel.

Mit zwei neuen Mitgliedern und altbekannten Gästen, mit komplexen Strukturen und einigen ihrer persönlichsten Songs verarbeiten Mastodon all das auf "Marrow Deep". Dailor und Sanders singen von Schmerz, aber auch von Reue: Nicht mal ein halbes Jahr vor seinem Tod hatte Brent Hinds die Band verlassen und das war alles andere als ein rosiges Ende. Im Interview erzählt uns Brann Dailor, wie die letzten Jahre mit Hinds in der Band verliefen. Auf die Emotionalität, Ehrlichkeit und Vielfältigkeit der daraus entstandenen Platte können Mastodon wirklich stolz sein – doch der traurige Beigeschmack bleibt. Wie Dailor selbst erklärt: "Niemand wollte, dass es ... das hier wird."

Hi Brann! Das neue Album kam mir wieder progressiver vor. Falls du das auch so siehst: Wieso seid ihr in diese Richtung gegangen?

Ich denke, das müssen andere beurteilen. Wir folgen einfach der Musik, wohin auch immer sie uns führt, und konzentrieren uns auf das, was uns in dem jeweiligen Moment begeistert – eben auf die Songs, die wir gerade gut finden. Aber ja, wir investieren immer so viel Zeit wie möglich in das Material. Wenn es uns gefällt, dann ist es genau das, was uns in diesem Moment interessiert.

Beispielsweise haben einige Songs viele verschiedene Abschnitte, die sich hinsichtlich Intensität, Dynamik und dergleichen stark voneinander unterscheiden. Waren das einfach viele Ideen, die schon herumlagen? Oder wurden die alle gleichzeitig, spezifisch für die Songs ausgearbeitet?

Nein, ich würde sagen, man fängt mit ein paar Riffs an – zwei oder drei Teilen für diverse Songs – und über einen Zeitraum von einigen Jahren hinweg pflegt man diese Ideen einfach weiter und arbeitet an ihnen. Jeder Song ist wie ein Granitblock: Man muss anfangen, daran herumzumeißeln, um zu sehen, welche Form er schließlich annehmen wird. Es dauert eine Weile, bis man an dem jetzigen Punkt ankommt. Aber ich muss sagen: Es war cool, auf Momente wie "In The Ruins" zu stoßen, in denen es sehr ruhig ist, aber plötzlich richtig knallt – da bekommt der Song dann Double-Bass und wird bisschen verrückt. Ich glaube, diese Kontraste haben wir sehr genossen, denn unerwartete Wendungen machen immer Spaß. Man denkt, es läuft in eine bestimmte Richtung, und dann schlägt es plötzlich eine 180-Grad-Wende ein. Es macht einfach Spaß, die Leute zu überraschen. Wir bauen gerne in jeden Song eine kleine Überraschung ein und davon gibt es auf dem Album reichlich.

"Es fiel mir schwer, morgens aus dem Bett zu kommen"

Diese wechselnde Dynamik hat mich ein wenig an "Crack The Skye" erinnert. Textlich gab es auch einige Motive, die mich an das Album denken ließen; wie ihr mit Trauer umgeht und welche Symbolik ihr für manche Songs gewählt habt.

Ja, das ist ein schweres Thema. Niemand wollte, dass es ... das hier wird, aber nun ist es eben so. Man kann solche Dinge nicht einfach beiseiteschieben und ignorieren. Zumindest können wir das nicht. Es war also ständig präsent: Der Tod meiner Mutter, kurz darauf Brents Tod und dazwischen gab es jede Menge Aufruhr. In den Songtexten versuchen wir, das alles zu verarbeiten. Darin arbeiten wir uns durch diese Beziehungen und dröseln sie auf: die Dinge, die einen bedrücken, diese unerfüllbaren Sehnsüchte; Dinge, die man gerne gesagt hätte, Dinge, die man vielleicht lieber nicht gesagt hätte. Beim Tod eines Menschen, der einem nahestand, gibt es immer diesen Gedanken: "Ich wünschte, ich hätte die Gelegenheit gehabt, dies oder jenes zu sagen oder etwas nochmal anders zu machen."

Davon steckt eine ganze Menge in den Songs, aber es schwingt auch viel Dankbarkeit für diese Beziehungen mit, besonders bei meiner Mutter. Wir wollten zeigen, wie stark sie als Persönlichkeit war und was sie alles durchgemacht hat. Auch über meine Schwester kam wieder viel hoch. Es war also eine Menge zu bewältigen. Aber ich glaube, wir haben aus etwas Tragischem etwas geschaffen, das wir als schön empfinden.

Entschuldige bitte, wenn ich zu viel über Brent oder deine Mutter rede, dann sag gerne Bescheid.

(Lächelt)

Wie viele der Songs wurden geschrieben, bevor Brent starb?

Nun, bei uns steht die Musik an erster Stelle. Wir haben also oft schon musikalische Grundgerüste parat. Erst dann beginnen wir damit, Texte und Gesangsmelodien zu entwickeln. Manchmal sind das zunächst nur Melodien ohne richtigen Text oder mit Platzhaltern. Der Großteil der Songs auf dem Album – eigentlich alle bis auf "Barbarian's Blood" – war musikalisch schon vor Brents Tod fertig. Aber es gab noch keine Texte, abgesehen von vielleicht drei oder vier. "Out Like a Lamb" war der erste Song, den ich geschrieben hatte, er handelt von meiner Mutter.

Wir waren letzten Sommer auf Europatournee, also waren wir von Juli bis Anfang August hier. Danach ging es nach Alaska und wir standen kurz davor, dort zum ersten Mal aufzutreten. Es war die letzte Show im "Hushed And Grim"-Zyklus. Eine Woche später wollten wir ins Studio gehen, um mit der Vorproduktion für das neue Album und direkt im Anschluss mit den Aufnahmen zu beginnen. Wir waren ja gerade erst vom Touren aus Europa zurückgekehrt. Schon vor dem Studiobesuch arbeiteten wir an den Arrangements für das neue Material, feilten an allen Details, holten João [Nogueira (Keys)] und Nick [Johnston (Leadgitarre)] mit ins Boot und brachten alles auf Vordermann. Die Jungs waren eine große Hilfe, besonders bei den Übergängen – sie haben dafür gesorgt, dass die Akkordwechsel so interessant wie möglich klangen –, sowie bei Nicks Soli und solchen Dingen. Wir waren gerade an der Gepäckausgabe für die Show in Alaska, als wir die Nachricht von seinem Tod erhielten. Das war natürlich ein heftiger Schlag in die Magengrube und ein ziemlicher Schock. Unsere Pläne änderte das zwar nicht – wir sind direkt ins Studio gegangen –, aber die Stimmung wandelte sich. Es entstand eine eigenartige emotionale Atmosphäre, die das Album stark geprägt hat.

Hat sich der Umgang mit diesen Gefühlen im Verlauf der Songs weiterentwickelt? Spiegeln die Lieder verschiedene Phasen der Bewältigung wider?

Absolut. Es gibt wütende Songs, andere drücken Dankbarkeit aus, andere Trauer – all die verschiedenen Phasen, die man durchlebt, wenn man einen nahestehenden Menschen verliert und daraus Kunst macht, quasi unmittelbar im Anschluss an das Ereignis. Es blieb also kaum Zeit zum Nachdenken, es sind eher die unmittelbaren Reaktionen. In einem Jahr sehen wir das vielleicht anders, aber so haben wir es in dem Moment erlebt und festgehalten.

Du hast die Integration der neuen Mitglieder angesprochen, wie verlief das?

Das fühlte sich gut an! Wir hatten es gebraucht, ich hatte es gebraucht. Ich brauchte eine frische Einstellung und Leute, die wirklich begeistert waren, dort zu sein. Das tat gut, denn es fiel mir schwer, morgens aus dem Bett zu kommen. Ich fühlte mich schwer unter der Last von allem und fühlte mich nicht wie ich selbst. Es war toll, mit den Jungs ins Studio zu gehen, denn sie waren sofort voll bei der Sache. Allein schon ihre Begeisterung für alles hat mir sehr geholfen, selbst richtig Lust darauf zu bekommen, dieses Material zu spielen und aufzunehmen. Es war klasse.

Sogar Ben Eller [Gitarren-YouTuber] hat bei einer Show mit euch gespielt. Das fand ich interessant, denn ich habe mir früher seine Videos angesehen. Wie kam das?

Wir hatten diese eine gebuchte Show, "Tool in the Sand", und brauchten einen Gitarristen, weil wir uns zu der Zeit von Brent getrennt hatten. Ben Eller war für diesen Auftritt eine gute Wahl: Er stand in Kontakt mit Bill [Kelliher (Rhythmusgitarre)], war ein unglaublich talentierter Musiker und kannte bereits einen Großteil des Materials. Der Auftritt war klasse, und es hat Spaß gemacht, mit ihm zu jammen.

"Brent hat seinen Lebensstil aus den Zwanzigern beibehalten"

Wie hat sich die Dynamik zwischen den Bandmitgliedern im Laufe der Jahre gewandelt, etwa beim Songwriting oder bei der Aufteilung des Gesangs?

Ich habe schon immer versucht, mich beim Texten einzubringen und meine Zeilen im Studio aufzunehmen. Brent setzte dann seinen Gesang über das, was ich zuvor aufgenommen hatte. Erst bei "Crack The Skye" habe ich selbst angefangen zu singen, und danach wurde es immer mehr.

Früher haben wir uns spätabends im Proberaum getroffen, um neues Material durchzugehen und Songs zu schreiben. Später hatten wir dann ein Pro-Tools-Setup sowohl im Studio als auch im Proberaum, mit dem wir Riffs und andere Ideen direkt aufnehmen konnten. Ich glaube, Brent war von der ganzen Sache irgendwann ausgebrannt. Er wollte nicht mehr zu den Proben kommen und nicht mehr Teil des Ganzen sein – wobei ich gar nicht genau weiß, ob er nicht wollte oder ob er einfach so viele andere Dinge am Laufen hatte, denen er nachgehen wollte. Er ist ein ziemlich spontaner Typ, der gerne lange aufbleibt. Er hat quasi dauerhaft seinen Lebensstil aus den Zwanzigern beibehalten, während wir anderen, als wir auf die Vierzig zugingen, längst Kinder hatten und Mastodon eher so angehen wollten: Lasst uns tagsüber proben und Songs schreiben, damit wir danach zu unseren Familien heimgehen, zu Abend essen und schlafen können. Brent hingegen hat bis in seine frühen Fünfziger einfach weiter in vollen Zügen gelebt und gefeiert. Das passte also nicht wirklich zu dem, was wir brauchten.

Bei den letzten paar Alben sind wir immer so vorgegangen: Bill und ich treffen uns bei ihm im Keller – er wohnt ganz in meiner Nähe –, wir setzen uns bei einer Tasse Kaffee zusammen und arbeiten an den Sachen. Man muss es einfach wollen. Man muss den Drang verspüren, es zu tun, weißt du? Und ab einem gewissen Punkt dreht sich alles um diesen Willen, Musik zu schreiben, Riffs rauszuhauen und sich dafür zu begeistern. Für mich ist das immer spannend zu sehen, was als Nächstes ansteht, und neue Songs in Angriff zu nehmen. Aber nicht jeder tickt da gleich. Und man kann niemanden dazu zwingen, sich für etwas zu begeistern. Wer auch immer Lust hat, zu jammen, mit dem jamme ich gern.

Dazu passend muss ich abschließend noch eines wissen: Ihr habt auf euren Alben ja auch immer wieder Gastmusiker:innen. Ich war mir nicht sicher, weil mir [zum Zeitpunkt des Interviews] die Credits fehlten, aber war das Josh Homme von Queens of the Stone Age, der in "Snakes For Dinner" mitsingt?

Ja!

Ich dachte mir schon, dass mir die Stimme sehr bekannt vorkommt.

Und Neil [Fallon] von Clutch singt den Mittelteil von "Three Fates", dem letzten Song.

Ah, dieser Spoken-Word-Teil?

Genau. Und dann singt Joe [Duplantier] von Gojira am Ende von "The Vanishing". Er macht so: "Ahhh!"… ach ja, und Geezer Butler. Er spielt das Intro zu "The Vanishing".

Oh, wow! Ich dachte mir schon, es klang total nach Geezer Butler, aber ich wusste nicht, dass er es tatsächlich war.

Jepp, das ist er!

Krass. Vielen Dank für deine Zeit und Antworten!

Natürlich! Danke für die Gelegenheit!

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