Zweiter Teil der indischen Elektrogeschichte I: Goa-Trance: Exportmarke, aber ambivalent indisch
Wenn man über elektronische Musik in Indien spricht, steht ein Wort sofort im Raum: Goa. Das ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist "Goa Trance" bis heute eine der wenigen elektronischen Stilmarken, die überhaupt einen indischen Ortsnamen im Genrepass trägt. Andererseits erzählt dieser Name nur bedingt die Geschichte indischer Elektronik. Er erzählt zunächst die Geschichte eines Ortes, der in den späten 1980ern und frühen 1990ern zum Labor einer transnationalen Traveller-Kultur wurde.
Anjuna, Vagator, Strandpartys, Kassetten, DATs, Hippie-Reste, europäische DJs, israelische Reisende, Acid, EBM, Industrial, frühe Trance-Formen: Goa war weniger eine klassische lokale Szene als ein Durchlauferhitzer. Musik kam mit Reisenden, wurde kopiert, verlängert, verschoben, in Nächten getestet und wieder weitergetragen. Aus dieser Mischung entstand allmählich ein Sound, der weltweit als "Goa Trance" lesbar wurde: lange hypnotische Tracks, psychedelische Samples, kosmische Themen, ein treibender, oft sägender Klang, der später in Psytrance aufging.
Historisch ist das enorm wichtig. Goa bewies, dass Indien auf der Weltkarte elektronischer Musik nicht nur als Klangarchiv für Samples, Sitar-Klischees oder Spiritualitätsprojektionen auftauchte, sondern als konkreter Ort einer globalen Clubkultur. Gleichzeitig bleibt die Ambivalenz. Goa-Trance war lange eher eine Ravekultur auf indischem Boden als eine urbane indische Produzentenszene. Der Sound hieß "Goa", aber viele seiner frühen Akteure kamen von überall her. Für die heutige indische Electronica ist Goa deshalb Ursprung, Mythos und Missverständnis zugleich.
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