Zweiter Teil der indischen Elektrogeschichte II: Späte 1990er/frühe 2000er: Asian Underground schlägt zurück nach Indien
Die nächste Modernisierung kam nicht linear aus Goa, sondern über Umwege: London, New York, San Francisco, Diaspora, Drum'n'Bass, Dub, Tabla, Clubkultur. In den 1990ern entstand rund um Talvin Singh, Asian Dub Foundation, State of Bengal, Nitin Sawhney, Karsh Kale und später Tabla Beat Science eine Musik, die indische und südasiatische Klangquellen nicht mehr als exotisches Gewürz behandelte, sondern als Material einer selbstbewussten, urbanen Gegenwart. Das Label "Asian Underground" war dabei selbst schon Programm: nicht Folklore, nicht Weltmusik im gepflegten Kulturinstituts-Sinn, sondern Club, Migration, Bass, Politik und Identität.
Für Indien war diese Diaspora-Bewegung wichtig, weil sie zurückstrahlte. Plötzlich gab es eine Sprache, in der Tabla, Breakbeats, Dub-Bässe, elektronische Produktion und südasiatische Herkunft nicht mehr gegeneinanderstanden. MIDIval Punditz aus Delhi wurden Anfang der 2000er zu einer Schlüsselfigur dieser Rückkopplung. Sie verbanden Drum'n'Bass- und Breakbeat-Logik mit indischen Klangquellen und wurden zu einem der ersten indischen Electronic-Acts mit internationalem Label-Deal. Man kann ihre Bedeutung kaum überschätzen: Sie zeigten, dass indische Elektronik nicht nur aus importiertem Clubsound bestehen musste, sondern auch aus einer eigenen Übersetzungsleistung.
Ähnlich wichtig war in Mumbai Bhavishyavani Future Soundz. Das Kollektiv begann 1999 mit Partys, Grafik, Flyern, Clubnächten und einer Lust an Genres, die damals in Indien alles andere als selbstverständlich waren: Jungle, Dub Techno, Drum'n'Bass, Ambient, Live-Elektronik. Bhavishyavani war nicht einfach ein Veranstalter, sondern eine ästhetische Infrastruktur. Es ging um Räume, Bilder, Sounds, Plakate, Netzwerke. Genau solche Strukturen braucht eine Szene, wenn sie mehr sein will als ein paar vereinzelte Talente mit importierten Platten.
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