laut.de-Kritik
Von Gipfel zu Gipfel dem Mainstreamolymp entgegen.
Review von Kai ButterweckMit seinem Über-Hit "Ordinary" sprang Alex Warren im Februar 2025 mal eben vom TikTok- direkt auf den Pop-Gipfel. 19 Monate später gehört nun auch das Leben auf der musikalischen Überholspur zur Normalität für den 26-jährigen Amerikaner. So schwebt er dann auch auf dem Cover seines Zweitwerks "Wildchild" vor azurblauem Himmel immer weiter hoch hinauf.
Das Pop-Einmaleins hat Warren mittlerweile verinnerlicht. Der Opener "Emerald Eyes" läuft noch keine halbe Minute, da treffen die bewährten Airplay-Zutaten schon aufeinander: Extra trockene Beats geben den Takt vor, ehe orchestrale Schübe alles klinisch aufplustern und dem Sänger das perfekte Fundament für seine süffigen Gesangsharmonien bereitstellen.
Was sofort auffällt: Im Vergleich zu früheren Werken klingt Warrens Stimme etwas dunkler und tiefer. Das ändert aber nichts am zuckersüßen Gesamtbild. Die leicht veränderte Stimmfarbe passt ganz wunderbar zum ersten balladesken Erguss des Albums ("Same Stars"). Die dritte Single "Passenger" lädt dagegen auf die Tanzfläche. Der Song geht ins Ohr, das muss man ihm lassen.
Mit "Rescuer" schaltet Warren wieder zwei Gänge runter. Diesmal ist es die gezupfte akustische Gitarre, die als handzahmer Begleiter fungiert. Weiter gehts mit opulenten Chören und etwas mehr Schubkraft in puncto Rhythmik ("Cry Wolf"). Zum ersten Mal wirkt die Platte nicht ganz so vorhersehbar. Was an anderer Stelle ein solider Filler wäre, schafft es hier zum Highlight.
Thematisch zwischen Liebe, Trauer, Aufbruch und Hoffnung pendelnd, versucht Alex Warren, die ganz großen Emotionenzu transportieren. Das gelingt nur bedingt. Die smarte Klavierballade "Fine Place To Die" läuft schon seit April rauf und runter: Während des Refrains nicht mehr von der Hand zu weisen – für echte Gänsehautmomente fehlt es dem Sänger an Mut.
Würde sich Alex etwas mehr zutrauen und dem potentiellen Schmirgeln in der Stimme einfach nachgeben, würde die besungene Liebe in einer untergehenden Welt wie ein sturmerprobtes Kerzenlicht in einer wilden Sturmnacht jedem Widerstand erfolgreich trotzen. Doch der Protagonist entscheidet sich nicht nur in diesem Moment für die sichere Fahrspur.
Warrens Songs passen perfekt ins High-End-Pop-Schema. Aber vielleicht wäre noch viel mehr möglich, wenn er einmal seine Mainstream-Ketten lösen würde. Und einmal schafft er es dann tatsächlich. Gefangen in einer Blase aus Schmerz und Trauer, bricht es aus ihm raus. Sein Vater erlag dem Krebs, als Alex neun Jahre alt war. Mit der Ballade "I Miss You More" sendet er emotionale Grüße Richtung Himmel. Überwältigt von seinen Gefühlen lässt der Sänger dann irgendwann los und strapaziert seine Stimmbänder wie noch nie zuvor. Jetzt schwappen die Gefühle über. Der Hörer ist ihm plötzlich ganz nah. Und er leidet mit.
Für einen kurzen Moment nimmt Alex Warren die Energie mit. Schade nur, dass der Background kurz darauf wieder in alte Muster verfällt. Im Rausch des Verliebtseins bündelt Alex noch einmal alle Kräfte, während der Sound im Hintergrund an alte Schandtaten aus dem Hause Bohlen erinnert ("Fever Dream"). Ein kurzer Kampf mit den selbst geschaffenen Dämonen: Viel mehr ist am Ende nicht drin. Und so schwebt Alex Warren einfach weiter, angepasst und dem süßlichen Duft des Mainstreamolymps folgend – von Gipfel zu Gipfel.


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