laut.de-Kritik
Rekordverdächtige Mogelpackung.
Review von Emil DröllWas ist besser als eine Best Of? Richtig, zwei Best Of. Schon 2001 fühlte sich Andrea Berg bereit, nur die feinsten Rosinen ihrer Karriere auf einem "Best Of"-Album zu präsentieren. Ein wahrer Geniestreich: Hunderte Wochen hielt sich die Platte in den Charts, millionenfach ging sie über die Ladentheke. Und was macht man, wenn man den Bogen einmal raus hat? Man spannt ihn einfach noch mal! So oft, bis das Erbe der nächsten Generationen Berg doppelt und dreifach gesichert sein dürfte. Denn für den Fall, dass Andrea Berg-Fans das Internet und dessen Erfindung von Playlists, mit denen man sich tatsächlich sein eigenes Best Of zusammenstellen kann (!), immer noch nicht entdeckt haben, gibt es jetzt "Best Of (Das Rekord Album – Das Kann Uns Keiner Nehmen)".
Die frühen Erfolge kann Andrea Berg nun wirklich keiner mehr nehmen. Der Albumtitel hätte deshalb ruhig etwas kürzer ausfallen dürfen. Während man beim Cover gespart und einfach noch einmal dasselbe Motiv verwendet hat, wurden bei den Songs offenbar weder Kosten noch Mühen gescheut. Leider wäre genau das Gegenteil die bessere Entscheidung gewesen, zumindest bei den Eins-zu-eins-Neuauflagen.
Während Tracks wie "Die Gefühle Haben Schweigepflicht" auf dem Original-Best-Of wenigstens noch einen Hauch von Oldschool-Charme versprühten, werden sie 2026 in Neuaufnahmen regelrecht vors Auto geworfen. Die Synthesizer laufen auf Anschlag, alles ist auf Hochglanz gepimpt. Generell changiert das Material zwischen den Labels "Neuaufnahme" und "Rekord Mix 2026". Rekordverdächtig ist dabei allerdings nur die Verschandelung einstiger Hits.
"Bittersüße Zärtlichkeit" etwa besitzt im Original tatsächlich einen gewissen Charme. Hier wird der Song dagegen bis zum Anschlag aufgepumpt, sodass man kaum noch nachvollziehen kann, wie diese Stücke einst Chartrekorde brechen konnten. Und selbst die krampfhaften Partymixe waren 2001 noch um einiges erträglicher. Die Versionen von 2026 wollen mal wieder viel zu viel.
Es bei CD 1 zu belassen, ist wahrscheinlich selbst Andrea Berg respektlos vorgekommen. Also geht es weiter mit dem neuesten Scheiß: Der neue Track "Das Kann Uns Keiner Nehmen" wird kurzerhand direkt zum "Best Of" erklärt. Stört sicher keinen! Warum "Ja Ich Will" zusätzlich einen "Jojo Dance Mix" benötigt, bleibt schleierhaft. Das Original ist schließlich bereits derart mit Schlagerbeats zugedroschen, dass Tanzbarkeit ohnehin das einzige verbliebene Verkaufsargument sein dürfte. Zwischendrin verstecken sich dann auch noch ein paar unveränderte Tracks aus den vergangenen Jahren, etwa "Viel Zu Schön Um Wahr Zu Sein" oder der Fiebertraum "Simsalabim".
Was macht man, wenn man Vicky Leandros liebt und gerne tanzt? Lieber seine Hobbys getrennt halten. Denn "Ich Liebe Das Leben (Tanzcafé Mix)" ist vor allem eine weitere Verschandelung eines Klassikers. Die Endstufe kitschigen Pathos gibt es anschließend mit "Sternenträumer (Orchester Version)" serviert. Da wünscht man sich beinahe das Schlagergeballer zurück.
Was klingt noch cooler als ein Partymix? Richtig: ein UltraFox Mix! Nach Ultra klingt diese Version von "Nächstes Mal Sag Ich Dann Nein" tatsächlich, allerdings eher in der Negativrichtung. "Es Geht Mir Gut" wirkt gegen Albumende schließlich wie blanker Hohn. Denn spätestens nach diesem musikalischen Marathon geht es einem wirklich nicht mehr gut. Der "Andrea Berg Partymix 2 (UltraFox)" treibt das Verderben endgültig auf die Spitze.
Da liegt der Verdacht nahe, dass Andrea Berg ein wahres Marketinggenie ist. Denn dieser Quasi-Rerelease dürfte dazu führen, dass noch mehr Menschen lieber zur Best Of von 2001 greifen. Das ist im schlimmsten Fall immerhin noch hörbar. Vielleicht markiert es sogar den Beginn eines Schlageruntergangs, der zumindest noch ein paar charmante Elemente der Siebzigerjahre berücksichtigte. 2026 ist davon wirklich nichts mehr übrig.
Das Wichtigste scheint auf diesem Album ohnehin das Labeling zu sein: "Rekord Mix 2026", "Dance Mix", "Tanzcafé Mix", "UltraFox", "DJ Mix". Drin ist überall dasselbe: Blechschlager auf Anschlag, übervermarktet und überproduziert. Andrea Berg gewinnt 2026 damit allerhöchstens den Rekord für die schlimmste musikalische Mogelpackung. Man mag sich kaum entscheiden, was schlimmer ist: CD 1, auf der alte Tracks verschandelt werden, oder CD 2, bei der man sich unweigerlich fragen muss, warum Andrea Berg im Laufe der Jahrzehnte offenbar alles über Bord geworfen hat, was ihre Musik einst rekordwürdig machte.


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