26. März 2025

"Zuhause sein fühlt sich schräg an"

Interview geführt von

Songwriting im Hotelzimmer, eine obskure Coverversion und Klargesang: Arch-Enemy-Drummer Daniel Erlandsson über das neue Album "Blood Dynasty", das Leben auf Tour und Jeff Loomis' Abgang.

Arch Enemy ohne Daniel Erlandsson, das ist schwer vorstellbar: Der Drummer steht zwar seltener im Rampenlicht als Leadgitarrist Michael Amott, ist aber ebenfalls seit den Anfängen mit an Bord und mittlerweile eine unverzichtbare Stütze im Songwriting-Prozess. Gerade hat der Schwede das zwölfte Studioalbum der multinationalen Melodic-Death-Metaller eingezimmert: "Blood Dynasty" erscheint Ende März und will natürlich besprochen werden. Wir erreichen den 48-Jährigen zuhause, denn selbst eine so auftrittwütige Band ist einmal "in between tours". Erlandsson wirkt entspannt, gut aufgelegt und nimmt sich auch mal Zeit, um nach der passenden Antwort zu suchen.

Die Gründung von Arch Enemy jährt sich zum 30. Mal, doch es scheint, als wärt ihr kein bisschen nostalgisch. Trifft das zu?

Erlandsson: Ja, das ist glaube ich wirklich so. 30 Jahre, das ist fantastisch und gibt einem das Gefühl, alt zu sein (lacht). Aber ich finde, die Reise der Band geht immer noch in die richtige Richtung, es scheint, als würde nach jedem Albumrelase und mit jeder Tour alles etwas größer und besser. Obwohl wir schon so lange unterwegs sind, geht es immer noch aufwärts. Wenn man sich die ersten paar Alben anhört, fühlt sich das an wie vor einer langen Zeit. Es war ein anderer Vibe in der Band damals, alles war viel loser miteinander verbunden als es heute ist. Aber ich würde nicht von Nostalgie reden, eher von Retrospektive.

Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie dein Leben aussähe, wärst du nicht bei Arch Enemy gelandet?

Erlandsson: Die Frage wurde mir auch schon gestellt, aber ich habe keine Antwort darauf. Ich kann mir das schlicht nicht vorstellen, weil die Band ein so wichtiger Teil meines Lebens ist.

Dann reden wir doch über das Hier und Jetzt. "Blood Dynasty" ist euer zwölftes Studioalbum, ein beeindruckender Output. Wie speziell fühlt sich ein neues Album für euch noch an?

Erlandsson: Ich bin stolz. Immer wenn wir uns daran machen, ein Album zu schreiben, erste Ideen sammeln und Songs zusammenstellen, merken wir: Das ist ein wirklich herausforderndes Unterfangen. Aber irgendwie gelingt es uns dann doch immer, so auch dieses Mal. Frag mich nur nicht wie.

Du teilst dir die Songwriting-Credits für sämtliche Tracks mit Michael Amott. Wie sieht euer Schreibprozess aus?

Erlandsson: Wir verwenden zunächst einmal viel Zeit damit, Demos einzuspielen. Dafür reisen wir auch an entlegene Orte, dieses Mal waren wir in Mexiko. Wir mieten uns dann in einem Hotelzimmer ein, nur mit zwei Gitarren, und sammeln dann für rund zehn Tage einfach Ideen. So viele Ideen wie möglich. Das war unser Modus operandi für die letzten paar Alben, und es funktioniert ziemlich gut. Das ist der Start des Songwriting-Prozesses. Zuhause gehen wir die Demos nochmals durch, um zu entscheiden, welche Parts es in einen Song schaffen und welche nicht. In der letzten Phase geht es dann darum, die Lyrics zu schreiben, was vor allem Michael und Alissa [White-Glusz, Sängerin] übernehmen. Das ist natürlich genauso wichtig, aber darin bin ich nicht involviert.

"Wir wollten keine Ideen von Anfang an ausschließen"

Kommt es noch vor, dass ein Song am Ende stark von der ursprünglichen Version abweicht? Oder wisst ihr von Anfang an, wohin ihr wollt?

Erlandsson: Es gibt beides. Die ersten Versionen basieren ja nur auf dem, was Michael und ich uns auf der Gitarre überlegt haben, doch später bringen sich auch die anderen Bandmitglieder ein. Alissa hat dann zum Beispiel eine Idee für eine Gesangslinie, was den Song komplett verändert – natürlich zum Besseren. Das passierte mit "Handshake With Hell" auf dem letzten Album, und dieses Mal mit einem Song namens "Illuminate The Path".

Ich nehme an, dabei geht es um den Klargesang im Refrain.

Erlandsson: Genau, das ursprüngliche Arrangement sah anders aus. Aber Alissa hatte ein paar brillante Ideen und setzte sich stark dafür ein, und daraus entstand dieser Refrain.

Der Refrain hat mich beim ersten Hören ehrlich gesagt etwas auf dem falschen Fuss erwischt, aber mit der Zeit merkt man erst, wie stark diese Gesangslinie ist.

Erlandsson: Es ist toll, jetzt die Reaktionen der Leute zu hören. Zunächst machen wir ja einfach die Musik, die wir mögen, und dann stellen wir sie der ganzen Welt vor. Positives Feedback ist natürlich immer besonders willkommen (lacht).

Michael Amott wird in einer Pressemitteilung mit den Worten zitiert, in diesem Karrierestadium sei es wichtig, auch einmal etwas Unerwartetes einzuwerfen, um ein Album spannend zu halten. War das ein bewusster Vorsatz für "Blood Dynasty"?

Erlandsson: Das passiert von allein beim Songschreiben. Ich weiß aber, was er meint: Es besteht das Risiko, dass man sich in einer bestimmten Formel versteift. Für dieses Album sagten wir uns von Beginn weg: Lass uns etwas freier und abenteuerlustiger sein beim Komponieren. Wir wollten keine Ideen von Anfang an ausschließen. Diese Haltung hört man einigen Tracks auf dem Album auch an, etwa "Don't Look Down", dessen Aufbau etwas weiter von der gewohnten Strophe-Prechorus-Chorus-Struktur abweicht.

Der noch stärkere Einsatz von cleanen Vocals ist für mich eine der größten Veränderungen. Müsst ihr euch auf einen Aufschrei unter Oldschool-Fans vorbereiten?

Erlandsson: Vielleicht. Aber es ist ohnehin unmöglich, es allen recht zu machen. Und schon als Alissa zur Band stieß, war uns allen klar, wie vielseitig ihre Stimme ist. Sie kann singen, schreien und alles dazwischen. Es geht also vor allem darum, die passenden Passagen für den Gesang finden. Mit "Vivre Libre" gibt es jetzt einen Song, der komplett mit Klargesang auskommt. Es ist ein Cover.

... das erst noch französischen Text hat. Das Original stammt von der französischen Band Blasphème. Wie kam es zu eurer Coverversion?

Erlandsson: Wir saßen eines Tages im Tourbus und hörten Musik, als dieser Song lief. Jemand von uns meinte dann: Warum machen wir nicht ein Cover davon? Alissa kann singen, sie spricht Französisch – wieso also nicht? Wir entschieden uns darum, es einfach mal auszuprobieren, und das Resultat war dann stark genug, um es aufs Album zu schaffen.

Wie forderst du dich eigentlich als Drummer heraus?

Erlandsson: Das ist manchmal etwas tricky. Wie gesagt entstehen die Songs zunächst im Hotelzimmer. Ich bastle dann einfach rasch etwas auf dem Computer, damit wir eine Grundlage für die Gitarren haben. Erst später mache ich mir mehr und mehr Gedanken um die Drums. Ich will es für mich interessant halten, aber auch im Sinne des Songs spielen, ihn so stark wie möglich machen. Es ist immer ein Balanceakt: etwas Cooles für die Drummer da draußen zu spielen, es aber gleichzeitig nicht zu übertreiben.

"Ich spüre das Alter definitiv"

Wir müssen auch über Jeff Loomis sprechen. Der Gitarrist hat die Band 2023 im Guten verlassen. Warst du überrascht von seinem Entscheid?

Erlandsson: Ich kann nicht behaupten, dass ich davon überrascht war, denn wir hatten schon im Vorfeld darüber diskutiert. Er wollte einfach mehr Zeit zuhause verbringen, und wie es aussieht, stellt er gerade seine alte Band Nevermore wieder zusammen. Es läuft also gut für ihn, und ich freue mich sehr für ihn. Wir hatten eine gute Zeit zusammen. Er war fast zehn Jahre Teil von Arch Enemy und stieß zu einem Zeitpunkt dazu, als wir den Sängerinnen-Wechsel von Angela Gossow zu Alissa hatten und für das damals aktuelle Album "War Eternal" intensiv tourten. Jeff war fast zehn Jahre Teil der Band, hat uns auf vielfältige Weise geholfen und war ein toller Songwriter, leider hat es nicht länger gehalten.

Mit Joey Concepcion habt ihr einen neuen Gitarristen am Start. Wie hat er sich eingebracht soweit?

Erlandsson: Wir kennen Joey schon eine ganze Weile. Er spielte 2018 bereits einige Konzerte mit uns, als Jeff eine kurze Pause brauchte. Sein Stil ist ähnlich wie jener von Christopher Amott [Arch-Enemy-Gitarrist zwischen 1995 und 2012, Anm. d. Red.], die beiden haben sogar zusammen in einer Band namens Armageddon gespielt. Wir wussten darum, dass er gut zu Arch Enemy passen würde, und bisher hatten wir recht damit. Wir haben ein wenig mit ihm getourt und jetzt stellt er sich darauf ein, der neue Gitarrist von Arch Enemy zu sein. Er hat große Schuhe zu füllen, vor allem als Nachfolger von Jeff Loomis, aber Joey macht einen fantastischen Job, auch mit seinen Solos auf dem neuen Album.

Hoffentlich tourt er gerne, ihr reist wie verrückt durch die Welt. Viele andere Musiker:innen werden vom Leben auf Tour ausgebrannt oder sogar krank. Was tust du, um dich zu schützen?

Erlandsson: Wenn du auf unsere Anfänge zurückblickst, wirst du merken, dass wir in den Neunzigerjahren gar nicht so viel getourt sind. Das wurde erst mit der Zeit mehr, darum hatten wir auch Zeit, uns daran zu gewöhnen. Das tönt wie ein Klischee, aber jetzt sind wir an einem Punkt, an dem es sich schräg anfühlt, längere Zeit zuhause zu sein und nicht zu wissen, wann die nächste Tour beginnt. Aber es stimmt: Wenn man zu intensiv tourt, ist das anstrengend. Vor allem, wenn jemand krank wird. Ich möchte mich hier nicht zu sehr über das Reisen beschweren, weil man wirkt dann rasch einmal wie ein Arsch, aber das Reisen ist nun einmal das langweiligste von allem. Alles andere – die Auftritte, der Austausch mit den Fans – das macht mir immer noch Spaß. Das ist glaube ich auch der springende Punkt: Solange du noch Spaß hast, brennst du auch nicht so rasch aus. Sobald du aber zu hinterfragen beginnst, was du da tust, wird es wahrscheinlich schwierig.

Welche Songs von "Blood Dynasty" möchtest du jetzt besonders gerne live spielen?

Erlandsson: Immer, wenn man ein neues Album rausbringt, will man natürlich vor allem die neuen Songs spielen, aber gleichzeitig wollen wir ja die Fans von früheren Alben nicht vergraulen. Wir haben "Dream Stealer" und "Liars & Thieves" schon live gespielt, wahrscheinlich kommen noch ein paar neue Tracks dazu. Es wird aber immer schwieriger, eine Setlist zusammenzustellen, weil wir müssten drei Stunden spielen, um alles reinzukriegen, was wir wollen. Aber das kann man mit dieser Art von Musik ja schlecht machen.

Womit wir wieder bei eurer langen Karriere sind: Du bist jetzt 30 Jahre älter als zu Beginn deiner Zeit mit Arch Enemy. Spürst du das ab und an in deinen Handgelenken, den Ellbogen, im Rücken ...?

Erlandsson: Ich spüre das Alter definitiv. Nicht an einem spezifischen Ort, aber wenn ich mich in einem Konzert einmal ein bisschen zu sehr verausgabe, dann brauche ich viel länger, um mich wieder zu erholen. Aber gesundheitlich fühle ich mich großartig.

Bei allen Formen von Extreme Metal wird es wohl interessant sein, zu sehen, wie lange die Musiker:innen diesen Stil spielen können.

Erlandsson: Das stimmt. Gerade im Extreme Metal scheint es, als werde das Level des Extremen mit jedem Jahr weiter angehoben – vor allem durch die Drummer. Ich habe aber das Gefühl, dass die jüngere Generation mehr auf die richtige Technik achtet, wenn sie extrem schnell und anspruchsvoll spielen. Als ich jung war, haben wir uns darüber überhaupt keine Gedanken gemacht. Es ging einfach darum, so schnell und hart draufzuschlagen wie möglich.

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1 Kommentar

  • Vor 8 Tagen

    Nettes Interview, gesprächiger und sprachgewandter Typ, aber die letzte Frage und Antwort... alle reden von der neuen Extreme und dann ist es irgendwas, das Strapping Young Lad vor zwanzig Jahren schon mal gemacht haben – in besser.