laut.de-Kritik
Musikalisches Doomscrolling durch die Timeline.
Review von Rinko Heidrich"Unendlich plus 1" klingt merkwürdig, aber doch logisch: Es muss immer weitergehen, sonst wäre es endlich. Bilderbuch mussten im Frühjahr den Ausstieg von Gitarrist Michael Krammer verkraften, der sich in Südamerika einen zweiten Lebensmittelpunkt aufbaut. Einen Neustart also für die Österreicher, auch wenn sie streng genommen ohnehin auf jedem Album etwas verändert haben. Auf das Indie-Rock-Album "Die Pest in Piemont" folgte das Pop-Album "Schick Schock", nur um den Mainstream mit Art-R'n'B auf "Magic Life" gleich wieder zu verlassen. Nach dem Classic-Rock-Experiment auf "Gelb ist das Feld" gab es diesmal einen rund fünfzehnminütigen Kurzfilm zur Single "Irgendwo", und das in Zeiten von TikTok-Clips, die keine zehn Sekunden dauern.
So ungewöhnlich wie das Video ist auch der Song, der zunächst kaum greifbar wirkt. Harte Riffs und melancholischer Autotune-Indie-Pop klingen erst mal wie Jägermeister mit Erdbeermilch, ergeben am Ende aber ein überraschend stimmiges Ergebnis. Das passt zu einer Zeit, in der keiner mehr weiß, in welcher Zeit wir uns eigentlich bewegen. Der Alltag läuft mit seinen Mustern weiter, während sich im Hintergrund massive Verschiebungen vollziehen: Die Realität verändert sich schneller, als unser Denken und Verhalten hinterherkommen.
"Eine Nacht, eine Unendlichkeit, Baby, let's get overstimulated!" singt Maurice Ernst in "Was in dieser Welt" - die Stimme dabei so verzerrt und per Pitch-Shifting so künstlich verändert, dass kaum noch etwas Menschliches erkennbar bleibt. Das ist der R'n'B des 21. Jahrhunderts, den Frank Ocean spätestens mit "Blonde" eingeläutet hat und den die Österreicher ziemlich gut weiterdenken. Dazu gehört auch, dass sie, wie Ocean, nicht den einfachsten Weg in die Charts nehmen: "Baby Junkie" und "Mehr als fair" brauchen in ihrem Anästhesie-Pop länger, bis die abgründige Dramatik sich entfaltet.
Es sind zwei todtraurige Songs über Verlorenheit, Erschöpfung und Entfremdung im digitalen Zeitalter. Fast konsequent, dass Bilderbuch bei aller Kritik an der Optimierung selbst nicht auf den Chartserfolg hin optimieren. "∞+1" ist genauso nervös, schlaflos, überdreht und ruhelos wie unsere Gegenwart aussieht: ein Album wie ein unendliches Doomscrolling durch die Timeline, das auf der musikalischen Ebene dennoch nicht komplett verzagt.
"Push Reality" mag die allgegenwärtige Optimierung mit beißendem Sarkasmus kritisieren, heraus kommt trotzdem ein tanzbarer Hit, der an die funky Zeiten von "Schick Schock" erinnert. "Oh, du und deine Mama in Retreats / Neue Nase, neues Leben": Nichts bleibt im Naturzustand, es wird optimiert, bis man den Bezug zu sich verliert. Nur weg aus dem Leben, hin zum Instagram-Ideal. "Bauch, Beine und Lobotomie / Hallo Shirin, it is me, dein Ozempic Dream" ist ein herrlich zynischer Seitenhieb auf Shirin David. Gemeint ist eine monströse Fantasiefigur, die ständig unter dem Druck steht, in den Trends stattzufinden, bevor die Sponsoren die nächste Werbefigur finden.
Den Wert dieser Figur, die in einem anderen Leben Barbara Shirin Davidavicius heißt, bestimmt der Algorithmus. "Sie hat das Gefühl nicht mehr / Sie braucht Zahlen als Beweis / Ihre Welt, sie dreht nicht mehr" ("Zahlen als Beweis") beschreibt den bitteren Ist-Zustand, in dem Influencer und ihre Nachahmer einen Avatar und konstruierte Ausschnitte ihres Lebens zeigen. Man erwartet dabei einen Schrei ins digitale Nichts, doch "Zahlen als Beweis" fiept und groovt fröhlich vor sich hin, zwischen Hip Hop-HiHat-Beats. Nur ein runder Abschluss fehlt.
Schade, dass es gefühlt bei der Skizze eines möglichen weiteren Bangers wie "Push Reality" bleibt, aber wie gesagt hält sich "∞+1" an keine sichere Formel für schnellen Erfolg. "Unterwasser" geht beim ersten Hören wirklich unter. Dabei wird es spannend, wenn sie das Prince-Gitarrensolo zerhacken und ein Filter-House-Experiment vorstellen. Diese Momente der Selbstsabotage gehören zu Bilderbuch, die stets fürchten, sich selbst überdrüssig zu werden und stehen zu bleiben.
"∞+1" bremst immer genau dann ab, wenn es droht zu leicht konsumierbar zu werden und als reines Radiopop-Produkt zu enden. Genau dazwischen steht dieses Album: zwischen großer, manchmal etwas größenwahnsinniger Rockstar-Geste, leiser Verletzlichkeit und Abneigung gegen allzu gefällige Kommerzialisierung. Das Schreckliche und Schöne daran: Es gibt immer genug Wahnsinn, den diese Band als Vorlage für ihre Panik-Disco verwenden kann.


2 Kommentare mit einer Antwort
Push Reality ist großartig. Leider wie immer nur 2-3 Hits für die Playlist.
Ihr Magnum Opus "Vernissage My Heart" bleibt unerreicht. Geht aber deutlich besser als "Gelb ist das Feld". Und ja, "Push Reality" ist ein Übertrack. Ein paar gute Nummern, keine Totalausfälle, super Mischung aus verschroben und fresh.
Sehr schick auch, dass nicht versucht wurde, wegen des verlorenen Gitarristen der Welt zu zeigen, dass man auch super mit Synths o.Ä. klarkommt. Der schöne Fuzz-Gitarrensound, den sie sich angewöhnt haben, ist immer noch präsent wie eh und je.