laut.de-Kritik
Wer Bayern verstehen will, hört hier mal rein.
Review von Christian Schmitz-LinnartzAchtung, die folgende Review kann Spuren von Bayerisch enthalten, jedoch anders als das Zielobjekt in noch moderater Dosis.
Das verflixte vierte Album ist ein musikjournalistischer Allgemeinplatz, ein Bonmot, eine bekannte Maxime, durfte ich erst vor Kurzem lesen. Als Weisheit war es mir nicht bekannt, ich hatte vielmehr bei vierten Alben jedoch schon lange die Aussage eines meiner besten Freunde im Kopf, der mir einst mit Begeisterung erzählte, dass sich eine von ihm sehr geschätzte Black Metal-Band nach drei Alben aufgelöst hätte, da sie alles erzählt habe. Aber das ist zum Glück ohnehin eine andere Geschichte.
Was jedoch Teil dieser Geschichte ist, ist, dass auch ich für drei Sekunden dem Ende letzten Jahres über die sozialen Medien von Lef Dutti (Fabian Frischmann) und George Urkwell (Michael Huber) a.k.a. Dicht & Ergreifend selbst verbreiteten Hoax aufgesessen bin, man würde sich trennen. An dieser Stelle noch mal vielen Dank, Ihr Ar...löcher. Aber es wäre stimmig gewesen, die drei bisherigen Alben bilden ein äußerst rundes Œuvre. Um so spannender ist dieses Album.
Was bei "Zweiländerdreieck" zuallererst auffällt, ist, dass es ein Album ist, das man im Musikjournalismus gern ein Konzeptalbum nennt, denn der erste Teil ist Hochdeutsch gehalten, dann - wenn man so will - ein Zwischenteil (dazu später mehr), dann der bayerische Teil. Auch thematisch - wenn auch vermutlich ungewollt - unterscheiden sich die Teile, denn der hochdeutsche Teil ist allgemeinverbindlicher, der bayerische Teil widmet sich (nieder)bayerischen Themen, zumeist Gesellschaftsbeobachtungen, ihr Kerngeschäft.
Lef Dutti und George Urkwell wohnen seit knapp zwanzig Jahren in Berlin. Nicht ausschließlich, einen Großteil ihres Lebens verbringen sie in (Nieder-)bayern. Ob dies wieder durch ihren Erfolg in bayerischen Gefilden bedingt ist, mag dahinstehen. Vermutlich sind sie auch deshalb oft in Bayern, da die Eltern von Michael Huber einen Gasthof mit einer stattlichen Bühne haben im Ort Ottering haben, den sogenannten 'Boaznkäfer', glaubt man der Legende, die Geburtsstätte des bayerischen Rap, oder schlicht und einfach, weil sie hier verwurzelt sind.
Ausschließlich auf Bayerisch zu rappen, verschaffte ihnen in Berlin mutmaßlich eine nicht unerhebliche Anonymität, auch für den Schaffensprozess. Diese Anonymität lösen sie durch das hochdeutsche Liedgut auf. Ich lehne mich ein wenig aus dem Fenster mit der Vermutung, dass zuerst Ideen zu dem textlich herrlich absurden Track "Helga" entstanden, der auf Hochdeutsch besser funktioniert.
Die Idee geht auch bei einigen der anderen Songs auf, nicht zuletzt, weil Dialekt nicht ihr einziges Alleinstellungsmerkmal ist und sie Ideen haben, musikalisch, konzeptionell, textlich. Doch leider nicht bei allen, "Egal" ist irgendwas zwischen Seeed und Fanta4 und wirkt wie "Nichts Wird So Bleiben Wie Es Sein Wird" auf Hochdeutsch ein wenig zu anbiedernd. Plötzlich scheinen die hochdeutsch rappenden Dichtis nicht organisch, textlich sind beide Songs auf gewohnt hohem Niveau und dennoch auf Hochdeutsch austauschbar, als seien sie schon irgendwie einmal da gewesen.
Los geht "Zweiländerdreieck" dafür mir einem Bänger. "Identität" ist musikalisch ein pogendes, tanzendes Feierbiest mit einem peitschenden Beat und Bläsersample, das auch EDM-DJs neidisch machen dürfte. "Ich Bin Dafür" malt starke politische Bilder in kurzen pointierten Halbsätzen. Hätten sie nur "Friedenstauben Im Gaza" vermieden, denn das Thema ist - so gut die Intention auch sein mag - zu traurig, um es in einem Halbsatz abzuhandeln und vergällt zumindest mir den Track ein wenig. "Ich Hab's Probiert" ist ebenso pointiert und fasst unser aller politische Correctness bei den Hörnern, wenn wir Spotify hören und bei Amazon bestellen. "Kettensägenmassaker" fängt zuckersüß an, steigert sich und metzelt schließlich, Crescendo und Eskalation musikalisch.
Wollte man von einem Konzeptalbum sprechen, läutet "Brechstangenromantik" als Instrumental den Mittelteil ein. Es ist ein richtig gutes Instrumental, und ich mag halluzinieren, aber hört noch jemand noch musikalische Verwandtschaft zu "Ned dahoam" vom zweiten Album? Der zweite Track dieses Übergangsteils zwischen Deutsch und Bayerisch ist "Lies" mit Taiga Trece und Fraenko, auf Spanisch und Englisch gerappt und gesungen und mit dem Potenzial zur Hymne. Die beiden gefeatureten Ausnahmekünstlerinnen verdienen definitiv noch eine gesonderte Erwähnung: Taiga Trece ist in Münchens Hip Hop-Welt zurecht eine feste Größe, und Fraenkos fantastische butterweiche Stimme spricht für sich und sie selbst auf ihrem Debütalbum "Mask Off".
Es startet der bayerische Teil, Boom Bap auf die Zwölf, und Dutti legt los wie die Feuerwehr, als wäre es die Erlösung, plötzlich im eigenen Jargon, der eigenen kulturellen Identität spitten zu dürfen. Es ist eine Auseinandersetzung mit der kulturellen Überfrachtung durch "America", und auch deshalb scheint der Track nicht zufällig an diese Stelle gesetzt. Dass diese kulturelle Überpräsenz bei uns durch die USA dabei älter ist als Trump und ICE, machen die beiden zum Glück auch klar.
Jetzt befinden sie sich im gewohnten Fahrwasser, und das ist ausschließlich positiv zu verstehen. "Hamma Scho Imma So Gmacht" bounct ungemütlich und setzt sich mit dem bayerischen Wertekonservatismus und den damit verbundenen Ismen auseinander, "Hädidadiwari" (Hätt ich, tät ich, wär ich) spielt mit dem Konjunktiv und dem "Was wäre wenn", kommt beschwingt daher und zeigt, dass die bayerische Sprache zum Rappen gebaut wurde, ebenso "Vui Z Vui". Die nach Reggae und Dancehall riechenden Hooks von "Vui Z Vui" und "Mischimi" wirken auf Bayerisch einfach organischer als auf Hochdeutsch. "Jetzt Wird's Bitter" rollt wie ein M.O.P., wie eine Dampfwalze los, und als wäre das nicht dick genug, cuttet am Ende DJ Spliff als Reminszenz an die eigene Szene das Who is Who der bayerischen Raplandschaft in den Track.
Weiter geht es mit einem weiteren Highlight, "Beamtenbeleidigung", ist ein gesprochener Dialog von Urkwell und Eva Karl Faltermeier, die in Bayern als durchaus derbe und schlagfertige Comedienne und Schauspielerin einen Namen und eine eigene Fernsehsendung hat, aber vor allem saukomisch ist. "Atomstrom Im E-Bike" zerlegt uns mit gefühlten 200 bpm die Amygdala, nur damit uns "Sauna" in die melodiös-einlullende Wärme holt, bis es uns nach ein paar Sätzen gleich wieder textlich Unbehagen verschafft, Da Schraxx featuret mit einem amtlichen Part am Mikrofon. Mit "Mischimi" werden wir entlassen und haben gefühlt tausend Geschichten gehört, hundert Phänotypen kennengelernt und fast "a Jeds dad unterschreim" (bayerisches Genderneutrum), dass des basst, dass genau das Bayern ist, klug, pointiert, des Hochdeutschen gar mächtig, aber muass a ned oiwei sei.
In einer Sache würde ich ihnen widersprechen, es ist nicht ihr bestes Album, aber - und vielleicht bin ich zu sehr Fan - so will ich meine Heimat vermittelt wissen, mit allen Licht- und Schattenseiten.


1 Kommentar mit einer Antwort
Ich will Bayern nicht verstehen.
ich auch nicht, obwohl ich aus bayern komme...