laut.de-Kritik

Glaube, Liebe, Hoffnung - die Befreiung eines Boygroup-Stars.

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Mit einem gigantischen Abschiedskonzert im Wembley-Stadion wurde 1986 das Pop-Phänomen Wham! von George Michael selbst beendet, der sich von jetzt an als eigenständiger Künstler etablieren und musikalisch neue Wege gehen wollte. Und nur ein Jahr gelingt ihm das mit seinem Solo-Debüt auch sensationell auf vielen Ebenen, denn auf "Faith" entwickelt er seinen ganz eigenen Sound. Es finden sich darauf unendlich viele Einsprengsel und Elemente diverser Genres – Funk, Dance-Pop, Easy Listening Jazz, Synth-Pop, Rockabilly, R'n'B, Gospel oder Soul.

Auch kommerziell klappte die Emanzipation von der weitgehend als Teenie-Band gelabelten Kooperation mit seinem guten Freund Andrew Ridgeley. "Faith" wurde zu einem der erfolgreichsten Popalben der späten Achtziger. Mit Hits wie dem Titelsong "Faith", "Father Figure", "One More Try" und "Monkey" brachte das Album vier Nummer-eins-Singles in die US-amerikanischen Billboard Hot 100. Auch bei den Grammy Awards war die Platte erfolgreich und wurde als Album des Jahres ausgezeichnet.

Doch nicht nur musikalisch, auch optisch veränderte sich das öffentliche Bild des damals erst 24-jährigen Musikers grundlegend. Die Ästhetik der "Faith"-Ära mit Lederjacke, Jeans, Sonnenbrille und Dreitagebart prägt bis heute sein Image als Solokünstler. Michael übernimmt so Schritt für Schritt die Kontrolle über Inszenierung, Songwriting und Produktion.

Nur in einem Punkt sollte es noch dauern, bis er selbst die Kontrolle hatte: Lange verheimlichte er seine Homosexualität und litt unter den Zwängen der Gesellschaft und Musikindustrie. Nach seiner vom Boulevard ausgeschlachteten Verhaftung 1998 wegen sexueller Aktivitäten in einer Herrentoilette outete er sich mit viel Selbstironie und Humor in dem Lied "Outside" - und ermutigte damit zugleich andere, es ihm gleichzutun.

Ein erstes Augenzwinkern in Richtung Kontroverse findet sich auf "Faith" im unwiderstehlich funkigen, minimalen Synth-Pop-Knaller "I Want Your Sex", von der BBC nicht gespielt wegen des XXX-Worts sowie des Inhalts um Grenzen der Monogamie und mit der Goldenen Himbeere als schlechtester Song in einem Film ("Beverly Hills Cop II") prämiert. Rückblickend putzig, was 1987 als "pfui" galt.

Dabei zeigte sich Michael hier erstmal offen im Umgang mit Sexualität, die während der Boyband-Zeit durchaus auch genutzt wurde, nur als eigentlich prüdes Marketinginstrument. Auch bei "I Want Your Sex" programmierte er jedes Detail des Songs akribisch selbst, sogar die hämmernden Rhythmen im Hintergrund, die allerdings durch einen Fehler in einem Synthesizer-Pattern eines anderen Tracks entstanden sind – noch so ein "Fehltritt", der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Der Song ist nach der Radio-Fassung auf dem Album noch in einem noch funkigeren Part 2 samt Pianoklimpern und souligem Gesang zu hören, so dass er in einem neunminütigen, Prince-artigen Epos mündet.

Die zweite Singleauskopplung nach diesem definitiv Aufmerksamkeit erregenden Song war das Intro und Titellied "Faith", eine schwingende nostalgisch anmutende Rockabilly-Pop-Nummer, in dessen Clip eine Jukebox zu sehen ist, die zunächst noch "I Want Your Sex" spielt und dann zum Gitarrenspielenden George Michael schwenkt, ganz im ikonischen Lederjacken-Sonnenbrillen-Look gewandet. Der Rest des Albums ist eine weitere verspielte und versierte Einhegung verschiedenster Genres in die Songs. Die variable Stimme George Michaels steht dabei immer im Zentrum – mal flüstern, mal kraftvoll, mal verführerisch.

Ein Konzertmitschnitt aus dieser entscheidenden Phase in George Michaels Karriere wird am 6. November 2026 erstmals als Livealbum und Konzertfilm veröffentlicht: Auf den Konzerten der "The Faith Tour" gemeindet Michael aber auch auf seine Vergangenheit mit Wham! ein, denn Hits wie "Everything She Wants" und "I'm Your Man" gehörten ebenfalls zur Setlist, und es ist dadurch spürbar, dass Michaels Übergang von Bandkarriere zu Solo-Act harmonisch fließend verlief.

Ironischerweise sollte der große Erfolg von "Faith" ihn erneut in einen Käfig sperren, aus dem er zu Wham!-Zeiten ausbrach, denn mit dem Nachfolger "Listen Without Prejudice Vol. 1" (1990) wollte er wiederum sein "Faith"-Image ablegen. Seine damalige Plattenfirma war jedoch dagegen und promotete sein zweites Solo-Album kaum. George Michael verklagte Sony wie Neil Young und Talk-Talk-Mastermind Mark Hollis auch, um endlich endgültige Freiheit zu erlangen – die Geschichte von "Freedom" ist dann jedoch wieder ein neues Kapitel in George Michaels beeindruckender musikalischer Karriere.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Faith
  2. 2. Father Figure
  3. 3. I Want Your Sex, Pts. 1-2
  4. 4. One More Try
  5. 5. Hard Day
  6. 6. Hand To Mouth
  7. 7. Look At Your Hands
  8. 8. Monkey
  9. 9. Kissing A Fool
  10. 10. Hard Day
  11. 11. A Last Request (I Want Your Sex, Pt. 3)

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