laut.de-Kritik

Hypnose-Gesang im Instrumental-Gewitter.

Review von

Greta van Fleet entrollen wieder ihren Retro-Leinwand-Sound, üppig, doch leicht zugänglich und dieses Mal besonders nuancenreich. Es gibt einen Über-Song, der einen durch seine rotzige Unmittelbarkeit anspringt und im Frühling dieser LP "Palace For The People" bereits als Single vorausging, "Play Your Games". Spiele sollte man mit den drei Brüdern und ihrem Drummer nicht spielen, denn sie lieben es roh, ehrlich und direkt. Die Nordlichter traktieren eine Orgel, putschen sich mit einem Percussion-Accelerando auf, kommen zackig auf den Punkt.

Das Quartett veranstaltet Kansas mit mehr Krach, Heavy-Rock mit Fokus auf lebendigen Melodien, schleift Songs, die ausgelutschte Strophe-Chorus-Strukturen zur Seite schieben und Dramen in Szene setzen. All diese Kompetenzen sind bekannt. Auf vorherigen Scheiben mündeten sie bislang in eine Qualität voller Gipfel und auch Täler, 'genial' wechselte mit 'ganz nett'. Aber dieses Mal haben sich Greta Van Fleet selbst übertroffen.

Ein Blick auf die neuen Liedtitel zeigt Traumwelt und Verlorenheit ("Dreams You Hold", "Lost In The Golden"), ein Feld voller Sterne ("Field Of Stars"), also auch etwas im (Tag)-Traum Ersonnenes, sowie Geburt und Anfang ("Born Into This", "Into The Beginning"). Was die Texte aussagen, ist indes völlig schnurz, muss man zugeben. Und auch würdigen, dass man es erst einmal hinbekommen muss, dass sie trotzdem nicht banal anmuten oder gar stören, sondern wohltönend und inhaltlich neutral wirken. Die Vorliebe für mythologische Metaphern aus "The Battle At Garden's Gate" hat sich in den Hintergrund verschoben. Damals ließ sich eine übergeordnete Bedeutung erahnen, die Pforte zur Natur, der Kampf um die Stabilisierung des Klimas an der Schwelle zum 'Garten'. Solche Deutungsansätze bieten sich nicht mehr an: Worte sind auf "Palace For The People" einfach wie ein Instrument, um Gitarren, Schlagzeug, hin und wieder Tasten einen Gegenspieler vorzusetzen oder eine harmonische Verstärkung als Kompagnon zu geben.

Wie trickreich die Band sowas arrangiert, führt eindrucksvoll "Call My Own" vor Ohren. Hier zerdehnen sich die Wörter und die Übergänge zu Lauten, die gar nichts bedeuten, bis sie am Ende in einem Winseln gipfeln. Hier kommen anfangs "oh-oh"-Echos als Background-Vocals zum Einsatz. Kurz ertönt eine verzerrt aufgenommene Zeile aus der zweiten Reihe, dafür aber um so fetter aufgetragen. Hier schwingt und schiebt sich der Lead-Gesang mesmerisierend durch das vertrackte Arrangement hindurch, das kompositorisch und dramaturgisch einen noch komplexeren Eindruck als Zappa und Mandoki zusammen abgibt.

Dieser Gesang scheint einer Trance oder Hypnose entsprungen, wirkt unheimlich intuitiv und ergebnisoffen. Zwischendurch verstummt er auf unorthodoxe Weise, schaltet sich dann aber wieder ein. An anderer Stelle reicht ganz simpel der Ausruf "Heya", um die Essenz und Stimmung der Story zusammen zu fassen, ganz lapidar. Auf wie viele Arten man "Heya" im Gaumen formen und fast verschlucken, im Sopran trällern oder resigniert seufzen kann, das führt Josh Kiszka megastark auf. Erschien seine Performance früher manchmal betont lässig, klammern Van Fleet diese Seite ihres Stils aus und choreographieren Vocal-Arrangements und überhaupt die gesamte LP äußerst stringent durch.

Greta van Fleet wurden mit der Opulenz und Dramatik und den Riffs von Led-Zeppelin-Kompositionen bekannt, ohne diese Rolle als deren Erben zu beanspruchen oder gar zu akzeptieren. Im Gegenteil, sie haben sich mehrmals maximal distanziert. Trotzdem denkt fast jede:r beim Hören zuerst einmal an Jimmy Page & Co. Das hat manchmal mit dem Phänomen zu tun, das unsere Gehirne ähnliches suchen, das man schon mal verinnerlicht hat und wiedererkennt. Darüber hinaus hat es sicher mit der eruptiven Art zu tun, wie Sänger Joshua kleine Ton-Aufgänge nach oben gestaltet, Triller-Vibrato beim Singen benutzt oder einigermaßen kreischt, aber hochgradig ästhetisch schreit - beispielsweise in "Touch Again".

Dort finden sich auch Figuren wie das charakteristische Anschwellen der Rock-Koloratur, bis sie zur Klassik wird, bekannt aus Led Zeps "Kashmir" und immer wieder gern gesampelt oder nachgeahmt. Greta Van Fleet haben diese Spieltechnik so gut drauf wie ihre Erfinder, wenn man Plant als Pionier gewichten möchte, der sich selber von den jüngeren Kollegen aus Michigan kopiert fühlt. Die extreme Leise-Laut-Dynamik mit gelegentlichen Instrumental-Gewittern wie in "Saw You Stand" leistet ihr übriges. Analytisch betrachtet, gibt es etliche Parallelen zwischen den Bands. Beide sind markig, kantig, üppig, beide gigantisch gut. Ursprünglich am Blues und Soul geschult, landen die Kiszkas manchmal in der AOR-Operette. Sie werden dabei aber nie länglich.

Während fast alle anderen Rock-Gruppen heute, die retromäßig der Zeit der späten Sechziger bis mittleren Siebziger zuneigen, an irgendeiner Stelle psychedelisch oder progressiv werden, mutiert der Stil von Greta Van Fleet konsequent nie in diese Richtungen. Schwulstigkeit, Prä-Hardrock, Symphonik und dezente Anleihen aus dem Fernweh des Southern-Rock durchziehen diese und auch die vorangegangenen Van Fleet-Platten. Und wenn man diese hier als Ganzes nimmt, dann tritt kein Moment der Ermüdung ein. Denn fast jeder einzelne Track bringt etwas Besonderes mit: "Call My Own" ein rumpelndes Schlagzeug-Erdbeben, "Born Into This" einen spröden Wüstenrock-Aufschlag. Greta Van Fleet, aus Frankenmuth, die Namensgeberin der Band, die mit 88 noch aufs Konzert der Gruppe ging, verstarb im Mai im stolzen Alter von 95, sie bekommt dieses Album nicht mehr mit. Sicher aber verbindet es die Hörgewohnheiten mehrerer Generationen.

Trackliste

  1. 1. Into The Beginning
  2. 2. Tear It Down
  3. 3. Heart And The Beat
  4. 4. Boughten Bliss
  5. 5. Field Of Stars
  6. 6. Play Your Games
  7. 7. Dreams You Hold
  8. 8. Lost In The Golden
  9. 9. Touch Again
  10. 10. Saw You Stand
  11. 11. Heya
  12. 12. Call My Own
  13. 13. Born Into This

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1 Kommentar

  • Vor einer Sekunde

    Bleiben für mich weiterhin ein mieser Led Zeppelin-Abklatsch ohne Eigenständigkeit. Während der Gesang von Robert Plant damals schon teilweise knapp an der Grenze zum nervigen Gequake vorbeigschrammt ist, fällt der bei Greta Van Fleet mMn komplett drüber.
    Wenn ich modernen "Retro-Rock" hören will, dann hör ich die Rival Sons.