Hip Hop im Osten
Berlin, da sind wir ja eigentlich schon tief im Osten der Republik. Ehe wir uns aber um den dort herumtrampelden Elefanten im Raum kümmern, werfen wir noch schnell einen Blick aufs große Ganze: Gerade weil die DDR schon lange nicht mehr existiert, empfiehlt es sich, die Erinnerung wachzuhalten. Dabei geht es gar nicht um Verklärung einer vermeintlich besseren Vergangenheit, sondern schlicht darum, anzuerkennen: Da gab es auch mal etwa. Eine absolut eigenständige Hip Hop-Szene, zum Beispiel.
Gut möglich, dass ihr diese Zeilen überhaupt nur lest, weil ich als Zonenrandgebiets-Kind DDR-Fernsehen empfangen konnte und dort wirklich alle naslang "Beat Street" lief. Wie ihr seht: Es hat Spuren hinterlassen, und offensichtlich nicht nur bei mir. Auch im Arbeiter- und Bauernstaat befeuerte der Film die Entstehung einer ganzen Kultur. Jedoch musste sich die ostdeutsche Variante ohne den direkten Kontakt zu von US-amerikanischen GIs importiertem Original-Material entwickeln.
Entsprechend entstand vor Ort eine ganz eigene Hip Hop-Variante, die der Verein NEWKID aus Dessau analog zum Hip Hop aus Heidelberg als immaterielles Kulturerbe schützen lassen wollte. Mit einem entsprechenden Antrag sind die Initiator*innen nun aber bei der Staatskanzlei Sachsen-Anhalt abgetropft. Im Ablehnungsbescheid der zuständigen Expertenkommission heißt es:
"Es wird festgestellt, dass das Thema durchaus Potential hätte, als immaterielles Kulturerbe anerkannt zu werden. Der vorliegende Antrag hat jedoch inhaltliche Bedenken. Die Beschreibungen im Bewerbungsformular sind eher populär gehalten, als wissenschaftlich untersetzt. Für eine Bundeslistung ist der Bezug auf seine Entstehung nicht ausreichend. Hier müsste das individuelle Element klar zum Ausdruck gebracht werden und eine fundierte Perspektive für seine Entwicklung aufgezeigt und belegt werden (...) Vor diesem Hintergrund konnte der Antrag derzeit einstimmig in dieser Form nicht für die Landes- und Bundesliste empfohlen werden."
Das Schreiben schließt allerdings mit aufmunternden Worten: "Auch im Namen der Expertenkommission möchte ich noch einmal betonen, dass die Einschätzung Ihrer Bewerbung in keinem Fall den kulturellen Wert des Brauchs in Abrede stellt. Allen am Auswahlprozess Beteiligten ist das große ehrenamtliche und hauptamtliche Engagement vor Ort bewusst, mit welchem Sie die Tradition erhalten. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag für den kulturellen Reichtum des Landes Sachsen-Anhalt. Gleichzeitig möchte ich Sie ermuntern, mit fachlicher Untersetzung und Vernetzung den Antrag zu überarbeiten."
Ja, macht das, bitte! Da geht vielleicht noch was ... wobei die Aussicht darauf, wer nach den Wahlen im Herbst in Sachsen-Anhalt am Ruder sein könnte, nicht gerade Hoffnung schürt, dass eine Kultur mit Schwarzen Wurzeln da noch einen großen Stellenwert haben wird.
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