Seite 3 von 19

Ayliva vs. Der Narzissmus

Ich bin immer wieder fasziniert, wie sehr Ayliva als eine der größten Artists des Landes eine Blase repräsentiert, mit der ich so gar nichts zu tun habe. Trotzdem führt kein Weg an ihr vorbei, ihre neue Single "Renn!" dürfte ihr bislang größter Hit überhaupt werden. Ich habe ein bisschen Gram, darüber zu sprechen, denn ich habe sehr gespaltene Gefühle dazu.

Nicht aktiv im Text, nur das Video deutet an: "Renn!" scheint sich um Narzissmus und Beziehungen zu drehen. Ayliva sagt: Wenn du diese Art Partner hast, dann renn' weg und konzentriere dich auf dich selbst. Es ist ulkig, weil das Wort "Narzissmus" weder in Song noch in Visuals konkret fällt, aber die Kommentare und Erklärvideos sind proppenvoll damit.

Neidlos: Musikalisch wie visuell ist das eine solide Darstellung der Muster toxischer Beziehungen. Ich glaube auch, dass "Renn!" an sich ein sehr guter Ratschlag für eine solche Situation ist. Was mich aber irritiert: Wir befinden uns gerade in dieser bizarren Moralpanik. Vermeintliche Narzissten, wirklich überall! Wie viele schon einen gedatet haben wollen, das kann es zahlenmäßig überhaupt nicht geben. Diagnostizierter Narzissmus ist nämlich, statistisch betrachtet, ziemlich, ziemlich selten.

Leute haben wohl eher das Problem, Garden-variety-Arschlöcher zu daten, und gerade dieses Narzissmus-Narrativ wird in meinen Augen oft (und wirklich auch von beiden Geschlechtern) als emotionales Totschlagargument benutzt. Ich, das absolut gute, arme Wesen, werde von einem buchgstäblichen Teufel malträtiert. Ich will nicht sagen, dass es nicht genug Beziehungen gibt, in denen die Schuld an den Problemen relativ einseitig verteilt ist. In diesem Fall: Rennt wirklich. Aber irgendwie stresst mich diese halbgare Psychologisierung, die einen so tiefen Weg in die Popkultur gefunden hat, total. Mit vulgärem, begriffsunscharfen Psychologen-Vokabular auf Vibes-Basis um sich zu schmeißen, richtet meiner Erfahrung nach mehr Schaden an als Gutes.

Aber, wie gesagt: eher ein Kommentar zu den Kommentaren, keine Kritik an Ayliva. Mir schwant nur ein wenig, dass sie hier die Hymne der Selbstbestätigung für einen Haufen Leute gemacht hat, von denen viele selbst nicht mindere Arschlöcher sind als die vermeintlichen Narzissten, mit denen sie sich herumschlagen.

Seite 3 von 19

Weiterlesen

4 Kommentare

  • Vor einer Stunde

    Naja, ich denke wir haben alle unsere narzisstischen Anteile - ich würde da auch nicht über diagnostizieren. Was kann man als Opfer also tun? Erst mal schauen, welche Muster mich regelmäßig anziehen und warum ich keine Grenzen ziehen kann. Jetzt nicht das klassische "Vor der eigenen Haustür kehren" - nein, nein, ein Narzisst bleibt ein Narzisst und mangelnde Kompromissfähigkeit sollte auch als solche benannt werden, dennoch ist vieles am Ende dann doch vielmehr eine Reise zu sich selbst, auch als Opfer :).

  • Vor einer Stunde

    „buchgstäblichen Teufel“

    Hihi

  • Vor 15 Minuten

    Wie schrieb es der Pseudologe in einem anderen Faden: Alle sind Arschlöcher.

  • Vor einer Sekunde

    Und wie sagte es einst Vandalismus aka Degenhardt im Song Carharrt Depression:

    "Und plötzlich haben sie alle 'ne versiffte Wohnung gehabt.
    Und auf einmal war'n sie alle wegen Drogen im Knast.
    Und modernerweise waren alle depressiv-psychotisch.
    Seh' nur weiße mitteldeutsche Lebensläufe, komisch."

    Ersetze Zeile 2 (oder 1) durch:
    "Und auf einmal hatten alle nen Narzissten zum Freund.", dann sollte das soweit passen.