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5 Fragen an Einar Solberg

Leprous-Sänger Einar Solberg hat am 24. April sein zweites Soloalbum "Vox Occulta" veröffentlicht. Das gemeinsam mit dem norwegischen Rundfunkorchester aufgenommene Werk führt den Musiker in bislang unerforschtes Gebiet und zählt zweifellos schon jetzt zu den spannendsten Prog-Releases des Jahres. Wir stellten ihm ein paar Fragen.

1. Welches Album hatte den größten Einfluss auf dich als Musiker?

"Fratres" von Arvo Pärt. Diese Musik gab mir etwas, was ich zuvor noch nie erlebt hatte. Ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte, in einen völlig anderen emotionalen Raum hineingezogen zu werden, von dem ich nicht einmal wusste, dass er existiert. Es waren nicht nur stärkere Emotionen, sondern eine ganz andere Art von Tiefe. Was mich wirklich beeindruckt hat, war, wie wenig es sagen muss, um so viel auszudrücken. Es liegt eine Zurückhaltung und Reinheit darin, die es unglaublich kraftvoll macht. Es schafft Raum, anstatt ihn zu füllen, und in diesem Raum wird man sich seiner selbst sehr bewusst. Ich höre sowas nicht jeden Tag, aber immer wenn ich etwas wirklich Profundes spüren möchte, wende ich mich dorthin. Es hat komplett verändert, wie ich über Gefühl in der Musik nachdenke und wie man Dinge mit weniger ausdrücken kann.

2. Auf welche(s) deiner Riffs/Melodien/Lyrics/Patterns bist du am meisten stolz?

Auf dieses Album bezogen wahrscheinlich auf "Anima Lucis", weil es sich sehr pur anfühlt und ein tief emotionales Stück ist. In seinem Ausdruck kommt es Klassik recht nahe, und das habe ich vorher noch nie auf diese Weise gemacht. Es liegt eine gewisse Ehrlichkeit und Einfachheit darin, wodurch es sich beim Schreiben für mich sehr unterschied. Es geht nicht um Komplexität oder darum, anzugeben, sondern darum, Gefühle auf sehr direkte Art und Weise sprechen zu lassen. Als ich daran gearbeitet habe, berührte es etwas tief in mir. Nicht in verstörender Weise, sondern in sehr sehr reinem, ruhig-emotionalem Sinne. Es fühlte sich echt an. Ich bin bei diesem Stück sehr stolz sowohl auf Musik als auch Text, weil es eine Seite von mir repäsentiert, die ich vorher noch nicht klar ausdrücken konnte.

3. Was zeichnete die Arbeit an "Vox Occulta" verglichen mit deinen früheren Projekten besonders aus?

Dass ich eine sehr klare Vorstellung davon hatte, wie es werden sollte. Nicht in Bezug darauf, wie die Musik genau klingen würde, sondern in Bezug auf die Grenzen, innerhalb derer ich arbeiten wollte – und das waren filmische. Der größte Unterschied bestand darin, dass ich alles ausgehend vom Orchester aufgebaut habe. Das Orchester bildete die Grundlage, und darauf habe ich alles andere ergänzt. Also gewissermaßen genau entgegengesetzt dazu, wie es normalerweise in der Szene umgesetzt wird, wenn Orchesterelemente eher als zusätzliche Ebene hinzugefügt werden, statt den Kern der Musik zu bilden. Ich glaube, das hat den gesamten Ansatz und das Ergebnis ziemlich stark beeinflusst. Dadurch wirkte die Musik von Grund auf stimmiger und bewusster. Ein weiterer wichtiger Aspekt war, dass ich mir erlaubt habe, ohne Einschränkungen mein gesamtes emotionales Spektrum auszuschöpfen. Ich fühlte mich weder durch Genres noch durch Erwartungen eingeschränkt, wodurch sich der gesamte Prozess sehr frei und ehrlich anfühlte.

4. Was sollte man abseits der Musik über dich wissen?

Abseits der Musik würde ich mich als sehr ausdrucksfreudigen und emotional offenen Menschen beschreiben, vor allem für einen Norweger. Ich rede gerne über alles, von tieferen Gefühlen und Gedanken bis hin zu völlig albernen Dingen. Für skandinavische Verhältnisse bin ich ziemlich offen. Außerdem liebe ich es zu reisen, vor allem an Orte, die etwas ungewöhnlicher oder weniger naheliegend sind. Ich habe das langfristige Ziel, irgendwann einmal jedes Land der Welt zu besuchen, bleibe dabei aber realistisch, was zu bestimmten Zeitpunkten möglich ist. Situationen ändern sich, also könnten Orte, die momentan außer Reichweite scheinen in fünf oder zehn Jahren vielleicht zugänglich sein – und umgekehrt. Mich interessiert Geographie generell sehr, und ich hatte immer schon eine starke Bindung zu Tieren. Ich bin Vegetarier und trinke keinen Alkohol. Außerdem verbringe ich viel Zeit damit, an mir selbst zu arbeiten. Ich versuche zu verstehen, wer ich bin und stärke nach und nach die Teile meiner Persönlichkeit, die ich mag, und werde zugleich aufmerksamer den Dingen gegenüber, die ich verbessern möchte.

5. Welches Buch sollte man unbedingt gelesen haben?

Ich würde "Haie" von Jens Bjørneboe empfehlen. Ist schon recht lange her, dass ich das gelesen habe, aber ich weiß noch, dass es mich sehr berührt hat. Es ist sehr philosophisch und erkundet die dunkleren Seiten der menschlichen Natur. Es beschäftigt sich mit Gewalt, Hierarchie, Grausamkeit und wie diese Aspekte aufkommen können, wenn Grenzen und Strukturen zusammenbrechen. Mir ist im Gedächtnis geblieben, dass es zeigt, wie schmal die Linie zwischen einer funktionierenden Gesellschaft und etwas viel brutalerem, darunter Lauernden sein kann.

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