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Jean-Michel Jarre: Fünfzig Jahre Sauerstoff

Als Jean Michel Jarre 1976 "Oxygène" veröffentlichte, wirkte elektronische Musik auf weite Teile der Öffentlichkeit noch immer wie eine eigenartige Angelegenheit für Wissenschaftler, Komponisten mit sehr teuren Geräten und Menschen, die sich bevorzugt mit Oszillatoren beschäftigten. Jarre veränderte diese Wahrnehmung grundlegend. Sein Album bestand aus sechs instrumentalen Stücken, aufgenommen in seiner Pariser Wohnung mit analogen Synthesizern, Tonbandmaschinen und erheblichem Erfindungsreichtum. Daraus wurde eines der kommerziell erfolgreichsten Werke der elektronischen Musikgeschichte. Zum 50. Geburtstag erscheint "Oxygène" am 20. November in einer neuen Jubiläumsausgabe, einschließlich eines erstmals erstellten Dolby-Atmos-Mixes.

Die Neuauflage verspricht zunächst alles, was ein ordentliches Jubiläum heute benötigt: restauriertes Ausgangsmaterial, neue Master, hochwertige Vinylfassungen, Sammlereditionen und natürlich die Möglichkeit, ein bereits mehrfach gekauftes Album noch einmal zu erwerben. Das ist immer besonders reizvoll, da die Musik dieselbe bleibt, das Geld aber neu ausgegeben werden kann, was für ein geiler Trick von uns Konsumenten. Für das Remaster griff Miles Showell in den Abbey Road Studios auf die ursprünglichen analogen Bänder zurück. Die räumliche Atmos-Fassung entstand mit David Kosten und Steven Wilson. Außerdem veröffentlicht Jarre ein Buch über elektronische Instrumente und ihre Geschichte. Nicht nur Jean-Michel Jarre profitiert von modernster Remastering-Technologie. Auch Merzbows "Woodpecker No. 1" wurde liebevoll klanglich überarbeitet, eines meiner Lieblingsremaster, hört mal.

Die eigentliche Besonderheit von "Oxygène" liegt allerdings nicht in der Technik, sondern in der Tatsache, dass das Album selbst nach fünfzig Jahren erstaunlich schwer einzuordnen ist. Jarre komponierte keine klassische elektronische Avantgarde. Seine Musik war zu melodisch, zugänglich und unmittelbar verständlich. Gleichzeitig handelte es sich keineswegs um konventionellen Pop. Es gab keinen Sänger, keine klassischen Songs und kaum etwas, das sich nach damaligen Maßstäben ohne Weiteres im Radio unterbringen ließ. Stattdessen erschuf Jarre eine Welt aus schwebenden Melodien, sequenzierten Mustern, elektronischen Geräuschen und sorgfältig inszenierter Atmosphäre. Ob man dafür unbedingt einen neuen Atmos-Mix braucht, ist eine andere Frage. Jarres ursprüngliche Aufnahme lebte gerade von den Beschränkungen ihrer Entstehungszeit und der Kunst, mit vergleichsweise wenigen Mitteln einen riesigen imaginären Raum zu erschaffen.

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