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Merzbow für Junge: Frühstück, Kopfhörer, Hölle

Es gibt Internetprojekte, die einem den Glauben an die Menschheit ein kleines bisschen zurückgeben. Sam Andrews ist 18, lebt in Georgia, arbeitet nebenbei im Kino, bewirbt sich gerade fürs College – und hat sich vorgenommen, sämtliche mehr als 400 Veröffentlichungen von Merzbow zu hören. Nicht quer, nicht die bekannten Sachen, nicht "Pulse Demon" zu Meme-Zwecken. Alles. Seit Februar dokumentiert er seinen Weg durch Masami Akitas grotesk große Diskografie in kleinen Videos. Manche davon kommen inzwischen auf Hunderttausende Views.


Das Schöne daran ist, wie wenig Ironie hinter der offensichtlichen Absurdität steckt. Andrews führt eine farbcodierte Tabelle, bewertet jedes Album bei Rate Your Music und Instagram und nimmt die Sache tatsächlich ernst. Sein bisheriger Favorit ist "Rainbow Electronics" von 1990; richtig fertiggemacht hat ihn dagegen "Merzbow Loves Emil Beaulieau", dessen zweite Hälfte für ihn irgendwann nur noch wie eine einzige endlose Frequenz wirkte. Freitags gönnt er sich inzwischen grundsätzlich Merzbow-frei. Irgendwo muss auch Hingabe eine Grenze haben.

Vor allem aber macht Andrews etwas, das im Jahr 2026 beinahe anachronistischer wirkt als Noise selbst: Er hört zu. Ganze Alben, ganze Diskografien, auch dann, wenn etwas nervt, langweilt oder weh tut. Sein Publikum besteht interessanterweise nur zu 1,6 Prozent aus Gleichaltrigen; die meisten Zuschauer sind (wie ich) dreißig oder vierzig und erzählen ihm in den Kommentaren davon, wie sie Merzbow früher über irgendwelche obskuren Kontakte überhaupt erst auftreiben mussten. Akita selbst hat Andrews zwischenzeitlich sogar gefolgt, einen Beitrag geliked und mit ihm kollaboriert – und ihn dann ebenso rätselhaft wieder entfolgt (!). Merzbow bleibt Merzbow.

Eigentlich sollte Sam schon letzten Monat hier auftauchen. Das Problem war denkbar profan: Seine Videos ließen sich nicht einbetten. Also habe ich ihm in den Kommentaren geschrieben und gefragt, ob er das ändern könne. Er hat es tatsächlich gemacht. Schon allein deshalb schulden wir ihm jetzt diese Woche einen Platz.


Und ehrlich gesagt auch aus einem besseren Grund. Zwischen TikTok-Schnipseln, algorithmischen Playlists und der ständigen Frage, ob ein Song seine Hook nicht bitte innerhalb der ersten zwölf Sekunden liefern könnte, sitzt irgendwo ein Achtzehnjähriger morgens beim Frühstück, setzt Kopfhörer auf und hört freiwillig noch ein Merzbow-Album. Vielleicht wird doch alles gut.

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