laut.de-Kritik
Alter weiser Mann statt alter weißer Mann.
Review von Mathias LiegmalAuf den ersten Blick schrie hier alles verdächtig nach Mid Life Crisis. Da erscheint also ein Mixtape bewusst nicht auf den gängigen Plattformen, sondern ist entweder klassisch physisch erwerb- oder über eine Website streambar, die lediglich einen klickbaren Kassettenspieler zeigt, bei dem man folgerichtig nicht einmal skippen, sondern nur spulen kann. Dann untermalt das Video zu "Cliquehänger" den staubigen Sample-Beat mit einer Ästhetik, als wäre die Klasse von 95 wieder da, während man beim Video zu "Wiederstand" um Assoziationen mit dem Steve-Buscemi-Meme nur schwerlich herum kommt. Dass der Protagonist darin die Frage "Bin ich hängen geblieben, reminis’ ich zu viel?" stellt, ist da zumindest folgerichtig.
Dass Dende sehr wohl im Hier-und-Jetzt verhaftet ist, offenbart sich dann erst Stück für Stück beim zweiten oder dritten Hördurchgang. Samplet "Cliquehänger" da etwa Nina Chuba in Hook und Parts? Hören wir auf "Verbrecher" eine Line von Xatar? Und wird auf "Rapsong" dann auch noch eine Line von Felix Kummer geflippt, die sich wiederum auf Haftbefehl bezieht?
Mit jedem Song, mit jeder Skizze, jedem Part wird die Vision, die dieses Mixtape verfolgt, ein bisschen klarer. Dendemann und sein Produzent Tilman Hopf picken diverse Lines aus der hiesigen Rap-Landschaft, fügen sie nahtlos in ihren Boom-Bap-Kosmos ein und umgehen auf diese Weise gekonnt das musikalische Fettnäpfchen, das eine Anbiederung an moderne Trends mit sich gebracht hätte. Mit wie viel Liebe zum Detail dabei vorgegangen wurde, zeigt besagtes Xatar-Vocal: Auf dem Original-Song "Rote Notiz" befindet sich die auf "Verbrecher" zu hörende Line gar nicht am Stück, stattdessen wurde sie aus zwei einzelnen Stellen zusammengecuttet. Dieselbe Chop-and-Fip-Ignoranz wird auch auf genrefremden Größen vom Schlage Udo Lindenbergs oder der Einstürzenden Neubauten angewandt - "Das Diebesgut läuft wie geloopt", um Dende selbst zu zitieren.
Zusammengehalten wird dieses Referenzspektakel durch überraschend unaufgeregte Beatgerüste. Tilman Hopf hat allerlei Instrumentals mit verspielten Samples im Gepäck, die mal eher melancholisch, mal etwas pompöser daherkommen, aber stets den Zeremonienmeister in den Vordergrund stellen. Dieser nutzt dann einmal mehr die ihm gebotene Bühne und stellt erneut sein lyrisches Genie unter Beweis. Während der Hörer noch rätselt, welche rhetorische Figur die Line "Ja, ich denke laissez-faire, doch ich meine ›Lass ein' fahr'n‹" eigentlich am besten beschreibt, haut Dendemann ihm schon Reimketten wie "Ich sage, was ich denke, kann denn Liebe Sünde sein?/ Die Frage ist geschenkt, mir fallen sieben Gründe ein." um die Ohren.
Dass die Message sich dieser formellen Komplexität niemals unterordnen muss, ist Dendes große Stärke - der Zweckreim ist sein Erzfeind. Da erfreut es natürlich umso mehr, dass er sein sprachliches Talent nicht nur dazu nutzt, den Alltagsphilosophen raushängen zu lassen und das Rap über Rap-Genre weiter zu kultivieren, sondern hier und da auch Statements zum politischen Geschehen abgibt. Doch Dende wäre natürlich nicht Dende, würde er all diese verschiedenen Ansätze nicht problemlos in nur vier Zeilen gemeinsam unter einen Hut bekommen:
"Es passt so weit, ich seh mich in dem Weg bestätigt/Nie Hass ins Mic, nie Negativität gepredigt/Lediglich der Reim killt jedes kleine Feindbild/Spalter, Spießer, Whacks-MCs, eh mir keiner einfällt."
Insofern muss der oberflächliche Eindruck vom Beginn korrigiert werden: Dass die Wiederbelebung des Mixtape-Formats parallel zu lyrischen und musikalischen Experimenten auch eine alternative Darbietungsform mit sich bringt, schließt hier den Kreis. Selten griffen Form und Inhalt so perfekt ineinander wie hier. Angesichts der Tatsache, dass all dies in nur fünf Tagen entstanden sein soll, ist man leicht versucht sich auszumalen, zu welchen Großtaten dieses Duo noch fähig ist, wenn es sich nur ein bisschen mehr Zeit ließe. Ganz offensichtlich ist die Erkenntnis, die uns "Doch!" liefert, aber eine gänzlich andere: "Ausdauernd warten oder raushauen und starten?" - gerne Letzteres.


3 Kommentare mit 2 Antworten
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Na gut, dann mal konkreter Musikinput. Rein instrumental geht das ja schon in Richtung Trip-Hop und wäre für mich auf jeden Fall mal eine Reise wert! Der Rap"gesang" allerdings, naja, ist halt nicht meins. Dafür bin ich dann wohl doch schon ein zu "alter weißer Mann". Manche sagen auch weise, aber diesbzgl. habe ich hier sicher nicht die größten Fans.
Darf man eigentlich anmerken, dass das ganze Album zum streamen bereitsteht?
https://meinstream.org/
Darf man, seht in der Rezension
Oh shit, bin die Rezi jetzt schnell durchflogen, habe diesen Part dann aber wohl überflogen
Als wäre er nie weg gewesen. Gutes Teil, 4/5 geht absolut klar.