Marschmusik der antikapitalistischen Revolution: Die kanadische Postrock-Band spielt ein lautes und überwältigendes Konzert.
Berlin (maxi) - Empore oder Parkett? Diese Frage treibt gestern Abend im Festsaal Kreuzberg nicht nur mich um. Die Angelegenheit regelt sich aber von selbst: Die erhöhten Plätze bleiben auch während der Pause zwischen Kristof Hahns starkem Voract, der sich nach seinem Set aus sinistren Vocals und in die Leere hallenden Gitarrenakkorden freut, "dass er dabei sein durfte", und Godspeed You! Black Emperor gut bewacht. Die Lust auf vollkommene Immersion, das Zusammenspiel aus Wall of Sound und Visuals, ist aber Beweggrund genug zum Durchhalten.
So laut, so überwältigend
Um 21 Uhr betreten die Mitglieder der kanadischen Gruppe nacheinander und unter Szenenapplaus die Bühne. Geschlagene zwei Stunden Post-Rock mit Klassik-Anleihen stehen dem Publikum bevor – so laut und so überwältigend, dass manche:r früher das Weite sucht. Dabei sind Hartgesottene anwesend: Man sieht Shirts von Sunn O))), Kvelertak oder den Bad Seeds. Dazu ein paar punkige Frisuren, etwa ein blauer Iro oder auch der anblondierte Vokuhila eines Gesellen, der weiland am Bahnhofsbrunnen wohl zu viel Cola erwischt hat und partout nicht aufhört zu reden. Ansonsten prägen die Szenerie selige Gesichter, offenkundig glücklich, ein Ticket für das ausverkaufte Konzert ergattert zu haben.
Was jemandem, der die Band bisher nur auf Platte kennt, sofort auffällt: Live zeigen sich GY!BE erstaunlich eingängig. Im Gegensatz zu mancher Durststrecke insbesondere auf den früheren Platten, gibt es live keine Langatmigkeit. Überhaupt nicht. Sophie Trudeau an der Geige ist der gar nicht so heimliche Star der Show und lädt die sperrigen Crescendos mit der richtigen Portion Eingängigkeit, manche würden dazu Pop sagen, auf. Praktisch jeder Track beginnt mit wirkmächtiger Akkord-Monotonie und mündet zuverlässig in eine ohrenbetäubende Klimax, deren gleißende Riffs und harte Schläge auf die Crashbecken das Publikum nervös an den Ohren nesteln lassen. Erfahrene führen Gehörschutz mit, mir, knapp zehn Meter von der Bühne entfernt und in der Flucht eines Arrays stehend, dröhnen schon nach einer Stunde bedenklich die Hörmuscheln.
Politischer Postrock
Spannend bleibt durchweg, wie das Publikum auf die Musik reagiert. Manche begegnen dem vermeintlich Unzugänglichen mit Gesten der Zugänglichkeit: Zentral vor der Bühne fistpumpt ein Fan während einer rhythmisch fordernden Backbeat-Passage, steht dabei aber allein auf weiter Flur. Zu Beginn des Konzerts, als sich die Gruppe auf der Bühne zusammensetzt und den ersten Song anstimmt, gibt einer in der Mitte des Saals ein entfesseltes Woo von sich, was die Seitenfraktion mit fauchenden "Pschts" goutiert – politischer Postrock, im Fall von GY!BE die Marschmusik der antikapitalistischen Revolution, als Spielball persönlicher Eitelkeiten.
Apropos Politik: Die politische Dimension des Dargebotenen vermittelt sich über die Visuals. Anfangs mäandern noch Landschaftsstudien in Sepia über die beiden Flächen, die die Bühne in der Mitte teilen und doch eine Einheit bilden. Ein Vogel, Hütten, verlassene Wälder, Romantik mit leichtem Anflug von Zivilisationskritik. Kurz darauf führen GY!BE durch gräuliche Bilderwelten, die militärische Invasion und zugehörige Gräueltaten zumindest andeuten. Nicht umsonst heißt das noch immer aktuelle Album der Band von 2024, von dem an diesem Abend das meiste Material stammt, "NO TITLE AS OF 13 FEBRUARY 2024 28,340 DEAD".
Zwischen Bassdrum und Snare öffnen sich Schluchten
Später folgen Snippets, die von ökologischen Katastrophen zeugen, anschließend von gähnendem Leerstand, gleichbedeutend mit sozialer Verwahrlosung, wohl auf Coney Island. Als das gesprochene Intro zu "Sleep" vom wohl relevantesten Album der Band, "Lift Your Skinny Fists Like Antennas To Heaven!", anläuft, johlt die Menge ausgelassen – der kleinste gemeinsame Nenner des Gefühlsausbruchs ist gefunden. Auch das "Sleep"-Unterkapitel "Monheim" interpretiert die Band in überwältigender Manier. Zwischen Bassdrum und Snare tun sich Schluchten auf, in die Gitarrenwände, Kontrabass, Violine und jede Menge Feedback stoßen. Wo etwa Mogwai melodische Klarheit suchen, agieren GY!BE als undurchdringliche Einheit, als instrumental verschworenes Kollektiv mit einschüchternder Kompaktheit.
Diese bröckelt erst ganz am Ende, als nach gut 120 Minuten ein Mitglied nach dem anderen, erneut unter Szenenapplaus, die Bühne verlässt. Nach und nach verklingen die letzten Feedbackschleifen, während sich der Saal langsam leert. Im Kopf, im ganzen Körper bleibt ein Gefühl der Erschöpfung übrig. Eine Leere, die auch das vollmundige Klingeln der Trommelfelle nicht ausfüllt.
Text: Maximilian Fritz.














1 Kommentar mit 4 Antworten
Ich hab mittlerweile sogar in meine Alltagsjacke Gehörschutz... nerve mich aber gleichermassen darüber, dass man ihn braucht. So ein Konzert in anständiger Lautstärke ohne nachträglichen Ohrenschaden... ist das wirklich zuviel verlangt?
Bei Godspeed? Ja.
Laut darf und sollte ein Konzert auf jeden Fall sein. Ohrenbetäubend laut so dass man einen Gehörschutz braucht macht keinen Sinn weil die eigentliche Musik einfach nicht mehr zu hören ist.
Je nach Location ist sie durchaus noch zu hören, Raumakustik spielt ja auch ne Rolle. Im Zoomin Frankfurt wo ich Godspeed gesehen hab, war der Sound trotz der Lautstärke sehr gut.
Ich hab David Byrne 2018 in Zürich gesehen. Hat gerummst, aber war ohne Stöpsel problemlos zu geniessen. Gut, Theater 11, Luxus-Location.
Wenn ich aber in der drittletzten Reihe bei Mogwai stehe und die Synthesizer einer ruhigen Ballade durch die Stöpsel hindurch weh tun, stimmt irgendwas nicht mehr.