laut.de-Kritik

Große Hooks, kleine Gedanken.

Review von

Artefuckt liefern mit "Alchemie" ihr fünftes Studioalbum ab und mittlerweile die zweite Platte, die nicht mehr über das Frei.Wild-Label erscheint. Das ewige Deutschrock-Stigma dürfte die Band dennoch weiter begleiten, denn auch "Alchemie" segelt musikalisch überwiegend durch bekannte Gewässer.

Nach einem vernachlässigbaren "Intro" legt "24 Karat" los. "Schlag", "Start", "Karat" – "Containance", "Chance", "Province": Das sind die Reime, die Artefuckt einem schon in den ersten 20 Sekunden entgegen pfeffern. Keine große Meisterleistung, weh tut es allerdings auch nicht sonderlich. Und natürlich muss ein bisschen Wir-Gefühl her: "Scheiß egal, wir sind noch da." Das gehört zu dieser Sparte des Deutschrock wohl einfach dazu. Wir sind genau wie früher, wir ändern uns niemals, wir sind noch da: die immergleichen Botschaften, die zum besoffenen Mitgrölen einladen.

Musikalisch kann man sich das allerdings durchaus ganz gut geben. Die Produktion stimmt, die Hooks sind platt, aber eingängig, und die Leadgitarre sorgt dafür, dass "24 Karat" nicht so lieblos daherkommt wie bei so manchem Genrekollegen.

Auch in "Leben Voller Leben" ist man vielerorts der Meinung, einfach der Geilste zu sein. Das ist zum einen schade, weil man sich als Außenstehender fast ein wenig schämt, diese geballte Selbstbeweihräucherung mitzuerleben. Zum anderen, weil musikalisch durchaus mehr drinsteckt. Denn auch hier machen die Gitarren einen hervorragenden Job in Sachen Stadiontauglichkeit.

Bei "Auf Und Davon" wird es schon deutlich besser. Der Text könnte zwar genauso gut auf einen neuen Schlagertrack zugeschnitten sein, immerhin fehlt aber das permanente Prollgehabe. Gesanglich stößt der Song hier und da an seine Grenzen, doch irgendwie passt genau das zum Genre und macht die Sache am Ende sogar ein wenig sympathischer.

"Kopfüber In Die Nacht" grölt zunächst los und schaltet dann in Uptempo. "Zicke Zacke, Zicke Zacke, oi oi oi" mitten im Text lässt einen allerdings wieder den Kopf schütteln. Es wirkt stellenweise wie eine aktive Entscheidung, wirklich in jeden erdenklichen Deutschrock-Stereotyp mitnehmen zu wollen. Dabei wäre es so einfach, zumindest gelegentlich etwas mehr Tiefe oder kreative Gedanken einfließen zu lassen.

Und danach wird es zunehmend ermüdend. "X" feiert, was sonst, das eigene Bestehen. Die Zeit war geil, Artefuckt waren geiler. Weiter geht es mit "Judas", "Lass Nicht Los" und Co. Verrat, Treue und Zusammenhalt: wieder einmal die großen Rocker-Credos. Vieles daran klingt, als hätte es so oder so ähnlich schon auf zahlreichen anderen Deutschrock-Platten gestanden – und das hat es vermutlich auch.

Trotzdem variieren Artefuckt das immergleiche musikalische Rezept immerhin so weit, dass "Alchemie" nicht vollständig in der eigenen Wiederholung erstickt. Gerade die Gitarrenarbeit und einzelne melodische Ideen verhindern, dass sich die Platte über ihre Laufzeit komplett abnutzt. Das ist dann auch der entscheidende Unterschied zwischen Artefuckt und vielen deutlich einfallsloseren Vertretern des Genres: Musikalisch steckt hier durchaus mehr Potenzial, als die Texte häufig vermuten lassen.

Würden sich Artefuckt nur etwas mehr trauen, aus den vertrauten Tunneln auszubrechen, könnten sie wirklich guten Deutschrock hinlegen. Stattdessen bleibt "Alchemie" ein Album, das seine besseren musikalischen Ideen immer wieder hinter Plattitüden über Zusammenhalt, Vergangenheit und das eigene Durchhaltevermögen versteckt. So bleibt vor allem der Eindruck einer Band, die deutlich mehr kann, als sie sich selbst zutraut.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. 24 Karat
  3. 3. Leben Voller Leben
  4. 4. Auf Und Davon
  5. 5. Kopfüber In Die Nacht
  6. 6. X
  7. 7. Judas
  8. 8. Lass Nicht Los
  9. 9. Mit Dir
  10. 10. Was Ist Mit Liebe
  11. 11. Sommer
  12. 12. Wer Zuletzt Lacht
  13. 13. Wir Wollten Fliegen

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