laut.de-Kritik
Der Star in der Maschine.
Review von Yannik GölzIn einer absoluten Dürrezeit für neue Artists ist die Katseye-Brand scheinbar so ertragreich, dass sogar ihr Beifang durch die Decke geht. Adéla, die slovakische Teilnehmerin der Dream Academy-Castingshow, hat es ihrerzeit nicht in das eigentliche Line-Up geschafft. Aber während die tatsächliche Gruppe gerade Monat für Monat weiter auseinanderfällt, ist diese vermeintliche Zweitbesetzung dreist an ihren Kolleginnen vorbeigezogen.
"Prima", ihr Debüt-Album, hat diesen Sommer für eine überraschend monströse Rookie-Season gesorgt. Offensichtlich sehen viele Leute sehr viel Potenzial in dieser Frau. Aber ihr größter Fan, ihr größter Supporter, der größte Fürsprecher ihres Potenzials, das ist eindeutig Adéla selbst. "Prima" ist der Schnappschuss einer Sängerin, die eisern und vehement überzeugt davon scheint, dass sie nicht weniger als das absolute nächste große Ding sein wird. Kann man solche Relevanz einfach per Ambition und Willenskraft erzwingen? Wir werden es sehen. Auf jeden Fall ist "Prima" ein durchweg faszinierender Bestandsreport darüber, wo Popmusik gerade steht.
Nicht zuletzt: Sie hat den Scheiß studiert. Oder in ihren Worten - "I'm like a spy, I studied this shit, call me the K-G-Bitch". "Prima" ist ein faszinierendes Album, weil es konsequent weiterdenkt, wo Artists wie Charli XCX, Olivia Rodrigo oder Billie Eilish den Pop in den letzten Jahren hingeführt haben. Der Konflikt ist ja immer: Ja, man will die larger-than-life-Pop-Superhelden. Aber man will auch absolute Authentizität, wehe, man kann sich nicht parasozial einbilden, mit dem Star befreundet zu sein. Das ist schwer zu vereinen.
Charli XCX hat das zum Beispiel gemacht, indem sie zwar zur Promo durchaus konstant TikToks gemacht hat, aber gleichzeitig in jedem TikTok betont hat, dass ihr Label sie ja dazu zwinge, TikToks zu machen. Ein sehr solider Spagat. Und genau diese Suche nach dem Spagat geht auch Adéla. Ihre Musik lädt sehr dazu ein, darüber nachzudenken, wie die Popmusik-Wurst gemacht wurde, weil sie offensichtlich selbst viel darüber nachdenkt.
"I like how you look at me like I'm the next Madonna" singt sie zum Beispiel, oder "You want a popstar with a big bra for them big hits / I wanna pop off so these big mouths can't say shit". Oder einfach, wie sie das ganze Album eröffnet: "Staring at a TV screen till I got bloody eyes / Just a little European girl, was plotting on my rise / Eighteen, immigrated, a star in the making / No, I'm not being cocky, I just worked my whole life". Unterbrochen von ein paar Momenten über Boys und ihre Familie ist die Storyline dieses Albums der Weg, wie sie die Popmusik erobern wird. Es klingt bisweilen wirklich so, als ob sie alle Branding-Diskussionen aus den Label-Hallen prompt an die vorderste Front geschoben hat.
Das spiegelt sich nirgendwo tiefer wieder als in der gerade absolut viral gehenden Single "Nicole". Da repliziert sie offensichtlich die Formel von Ariana Grandes "7 Rings", nur dass sie statt minimalistischer Trapmusik wie von 2014 sich einen Sampleloop schnappt, auf dem Juelz Santana 2004 gerappt hätte. Das ist nicht die schlechteste Entscheidung!
Dazu kommt das wirklich solide Referenzen-Game. "Babygirl in control, I feel like Nicole" singt sie in der Hook, referenzierend auf Nicole Kidmans beeindruckende Rolle im A24-Film "Nicole". Generell: Dieses Album macht viel, um Popmusik auf eine Art zu behandeln, wie A24 das Horror-Genre elevated hat. Von der Dylan Brady (100 Gecs)-Produktion bis hin zu Referenzen auf Kidman und Madonna - Adéla will ihre Ambition verstanden wissen. Seit sie mit drei Jahren in Moskau für die Ballet-Akademie trainiert hat, wusste sie, dass sie auf die höchsten Stratosphären zielen will. Und auch, wenn die Musik stellenweise fast zu meta wird, kommt dieser dreiste, jugendliche Hunger doch eindrucksvoll daher. Es ist schön, einen Popstar zu hören, der so unverhohlen Bock hat.
Nur: Wie kriegen wir den Spagat zur Authentizität wieder hin? Das ist, wo "Prima" ein paar Schwierigkeiten bekommt. In der zweiten Hälfte häufen sich die balladigeren Momente. Aber ob sie sich jetzt mit teuren Schuhen vergleicht, die auch mal ausgelatscht sein werden - oder ihren Boyfriend mit einem Sextoy: So richtig abnehmen will man ihr den Weltschmerz zwischen den perfekt TikTok-fertig betonten One-Linern nicht.
Nur einen Moment gibt es: "Therapy" drückt wirklich alle Schalter, um ästhetisch "Verletzlichkeit" und "Intimität" zu erzeugen. Von der extremen Lo-Fi-Produktion zum iPhone-Voicenote-Mixing. Im ersten Part will ich den Zynismus noch nicht ganz ablegen. Sie beschwört Minderwertigkeitskomplexe, beschuldigt ihren Vater und die alten weißen Männer um sich herum. Aber als sie dann anfängt, über ihre kleine Schwester zu sprechen, deren Aufwachsen sie im Grunde völlig verpasst hat, kommt man um ein paar Gefühle nicht herum.
"Prima" ist ein seltsames Debütalbum. Hört man dieses Projekt ein paar Mal, hat man überraschend schonungslos das Gefühl, den Menschen Adéla kennengelernt zu haben. Inklusive der Kanten, die aus solchen Biographien sonst herausgeschrieben würden. Normalerweise würden Popstars hinter dem Berg halten, so immense Hustler zu sein. Adéla tut das nicht. Adéla ist transparent und schockierend authentisch darin, ein glitzerndes, überlebensgroßes Produkt der Musikindustrie zu sein. Und ihre Vorstellung eines Popstars ist es, Musik darüber zu schreiben, wie das so ist.


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