laut.de-Kritik

Post-Hardcore zwischen Kinski-Exzentrik und Herbsttristesse.

Review von

"Nun lass den Sommer gehen / Lass Sturm und Winde wehen …" (Joseph Freiherr von Eichendorff, 1788-1857) "Ich will eine neue Oper bauen!" (Klaus Kinski als Brian Sweeney Fitzgerald in Werner Herzogs Abenteuerdrama "Fitzcarraldo" von 1982)

Sich schon via Album eins zum Referenzwerk machen? Funktioniert sogar ganz abseits der musikalischen Ebene. Fitzcarraldo aus Aschaffenburg erschaffen allein durch Bandnamen, Platten- und Songtitel ihre persönliche Verweissammlung.

Sofort ist man gefangen im Metatext zwischen Deutscher Romantik und Neuem Deutschen Film, ergo: zwischen Herbsttristesse, Vergänglichkeitsbewältigung und Melancholie auf der einen, Kinski-Exzentrik, Kampf gegen die Naturgewalt und einem unerschütterlichen Glauben, der Berge zu bezwingen vermag, auf der anderen Seite.

Der gedachte Sticker auf der CD-Hülle schreit uns gewissermaßen pausenlos sein "Kunstanspruch!" entgegen. Eine mutige selbstgewählte Hürde, an der bereits mancher Novize scheiterte. Nicht so das Postrock/Post-Hardcore-Projekt Fitzcarraldo – die wollen nämlich wirklich nichts weniger als die "Oper im Dschungel".

Ein auf einsame Erhabenheit temperiertes Klavier, dann Violine und zurückgenommenes Gitarrenpicking, mehr braucht es nicht, um behutsam zum ersten Gänsehautmoment überzuleiten. Das cholerische Kinski-Sample zerreißt die schwefelige Luft und räumt das Wohlgefeil für schiffsrumpfzerberstende Bassdrums, doublegepickte Gitarren, enthäutete Screamo-Schreie.

Und das ist erst der Eröffnungsakt in dieser gigantomanischen Kletterpartie von weltentfremdeten Ambientpartikeln hin zu erschütternder Verzweiflung. Sprachfetzen erinnern an frühe Godspeed You Black Emperor!, so manche Gitarrenstimmung an noch frühere Dredg. Weitere Referenzen aus der Fitzcarraldo-Bibliografie gefällig? Red Sparowes (akustisch), Envy (idelologisch).

Insbesondere die meisterhaft forcierte Ambitioniertheit der japanischen Genreverwandschaft prägt das Gesamtbild, das nur folgendes Resümee zulässt: Herbst in Aschaffenburg ist kein Zuckerschlecken - und das ist auch gut so.

Trackliste

  1. 1. Die Oper im Dschungel
  2. 2. Pachumea
  3. 3. Im Herbst
  4. 4. Breitengrad
  5. 5. Siebentausend Meter
  6. 6. Weltempfänger
  7. 7. Verlorene Zeit
  8. 8. Sekundenschlaf
  9. 9. 040406

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