laut.de-Kritik
Beim Coldplay-Kopieren im Selbstmitleid verzettelt.
Review von Philipp KauseLieder über Musik und den Spiel- und Hörvorgang berühren oft in besonderer Weise. Dass sich dieser Effekt bei "Slow Dance (For A Minute)" von den Giant Rooks zumindest in der Studiofassung nicht einstellt, kann dieser Tage an der Verwechslungsgefahr mit KI-Musik liegen. Jedenfalls geht auf "If Heaven Exists, This Might Be It" seltsame Emotionsarmut mit einer vorhersehbaren George Ezra-Passenger-Kopie einher.
Dieser insgesamt schon beängstigende Cocktail der Konformität pflegt obendrein den lyrischen Stil eines Michael Patrick Kelly: "We're going out of voices / to our favourite song / the night is going late / but we're holding oh-ho-oon / now we're moving closer / closer to the end / Turn the music the loud / Darling, take my hand / take my ha-a-a-and." Im Chorus brennt dann die Welt. Als Steigerung ertönt ein Statement über "'Life On Mars?' on my headphones". Sich das noch melodramatischer und zerrissener vorzustellen, verlangt Fantasie. Dadurch wirkt die Aufführung unglaubwürdig.
Die ersten beiden Longplayer etablierten die deutsche Gruppe auch international als teils hochwertigen Rock-Act mit famoser Kompetenz im Power-Pop. Beide Strömungen kommen nun kurz. Womit erst einmal zu rechnen war.
Klar, eine junge Band muss nicht immer dasselbe Pferd reiten. Der Albumtitel "If Heaven Exists, This Might Be It" lässt etwas Euphorisches, Fantastisches, Meditatives oder Traumartiges erwarten. Solche Elemente gibt es ansatzweise. Den überspannenden Bogen zeichnen diese Zutaten jedoch nicht nach. Giant Rooks verzetteln sich in allerlei ganz netten Nebenschauplätzen.
"Baby, Please" hat eine höchst eingängige Melodie, ließe sich in einen Knaller verwandeln. Statt dessen nudeln die Giants das Stück in einer unbeteiligten, ausdrucksschwachen Performance und indifferenten Abmischung herunter, so dass der Sound wie ein flaches Brett ohne Ausschläge klingt. Schade. Soll "Notes To A Younger Self" eine wässrige Version von Oasis sein? Die langweilige Darbietung bleibt weit unter dem Potenzial: Giant Rooks hatten auf dem Debüt einen eigenen Stil, Stichwort "What I Know Is All Quicksand". Auf dem Zweitling folgte ein bunterer Eklektizismus, so weit auch okay mit Luft nach oben, aber zumindest waren sie ihren eigenen Themen meist gewachsen. "Notes To A Younger Self" - da bieten Titel und Thema reichlich Stoff, um die Herausforderungen des Erwachsenwerdens, des Verlusts von Jugend, aus Naivität resultierende Enttäuschung und die Härten und Einsamkeit des Coming of Age angemessen zu traktieren - Jackpot-Überschrift für jeden Schreibwettbewerb! Giant Rooks hingegen verwandeln ihre gute Idee in ein schläfriges Geplätscher ohne Reibung.
Allgemein fehlt den glücklosen Lyrics die Tiefe der Anfänge, sind simpler Teen-Pop von geringem Komplexitätsgrad und mit wenig Aussage. Also positiv gesagt: Je älter die Bandmitglieder, desto junger fühlen sie sich anscheinend. Da kann einem schon mal der Gedanke kommen, dass diese Scheibe nur dem üblichen Takt folgt, nach zweieinhalb Jahren mit einem Nachfolger ums Eck zu biegen. "The Big Night Out" sinniert kurz und kompakt über die Frage, wie ein Typ ein Mädchen nach einer anfänglichen Annäherung bei der Stange hält, besonders wenn er weder ein dominanter Bad Boy ist, noch in die Friendzone abgeschoben werden möchte. Mit einem Kuss auf den Nacken? Freds Sopran rettet das Stück, das ansonsten wie eine aufgewärmte Coldplay-Resterampe wirkt. Obwohl die Gefühle intensiver werden und alles perfekt scheint, verliert die Angebetete das Interesse, je näher er ihr kommen und sie an sich binden will. Das lyrische Ich ist sich der Klischees bewusst, so viel Reflexion findet hier immerhin statt.
Ein wenig auf Acoustic Folk-Pop getrimmt, bleibt das Lied eher eine Idee oder kleine Skizze von dem Kaliber, das früher den "Rookery"-Rock auszeichnete. "Parachute" wechselt von ähnlich unbeholfenem Folk-Pop im Arena-AOR-Gewand der ersten Strophe zu einem übersteuerten, knarzigen und ansatzweise alternativen Refrain, der von der dröhnenden Echokammer aus mit den weiteren Strophen in uninspirierter Weise zu einem Selbstmitleids-Brei verschwimmt. Die Fallschirm-Metapher dürfte ziemlich sicher bei Coldplay ihre Wurzeln haben. Mehr Drive hat "Want It Back", füllt als The Killers-Kopie aber keine Marktnische. Die Effekte im Video-Clip machen einen so wohlkonturierten Eindruck, dass eher der Song zweckmäßig das Video grundiert, als dass die Bebilderung dem Audio helfen würde.
"The Future Is Cancelled" lancierte als pathetisches Midtempo-Schwergewicht den Anfang dieses ratlos wirkenden und ratlos machenden Liederreigens, als die Band ihre dritte Studio-LP anteaste. Es hört sich erst einmal interessant an: Die Zukunft wurde abgesetzt, gestrichen, findet nicht statt. Man denkt an die Angst vor der nuklearen Apokalypse, wie sie in den Achtzigern zum Programm mancher Bands wurde. Der Song ist nicht schlecht, hat aber auch wieder nichts Eigenes, nichts, weshalb man ihn dringend weiter empfehlen müsste.
Für das Titel-Fragment "If Heaven Exists" nahm die Band ein Instrumental mit Streichern auf. Gast Solann bezirzt im zarten Artpop "The Waves ft. Solann", einer frei assoziiert wirkenden und pumpend durchgespielten Traumsequenz zwischen Fliegen, Schwimmen, Rennen, Schweißbad und Innehalten. Die Klimax des Liedes hat etwas Charismatisches. Frederiks Lead-Vocals tragen das dramatische Stück sehr stabil, obwohl es genauso übertrieben affektiert herüber kommt wie die Hälfte der ESC-Beiträge der 2020er.
Bleibt noch die Euphorie: "Blood On The Dashboard" gibt an E-Piano, Kick-Drum und Becken klare Karten vor und zeigt selten gezückte Kanten der Rookies: Den earcatchend eingesetzten Chorgesang, fordernde Lead-Vocals, ein treibendes Vorwärtsstampfen und eine Harmonie, die so gut ist, dass man als Hörer nicht nachdenken muss, wie man sie besser machen müsste. "The immigrant running for his life" bleibt hängen. Klarer Treffer! Allerdings würde auch hier ein transparenteres Mastering nicht schaden, das im Verlauf des Songs noch seine Einzelteile erfassbar machen würde. In Sound-Flut ertränkt, fällt einem gleich noch ein Manko auf: Dieses Stück hängt als Unikat unverbunden in der Tracklist und rettet die Scheibe daher nicht. Überhaupt haben die ganzen Songs stimmungsmäßig herzlich wenig miteinander zu schaffen und tun dem Format Album keinen Gefallen, die Dramaturgie ist richtig schlecht. "If Heaven Exists, This Might Be It" hört sich an, als wäre der Band alles egal, Hauptsache man hat formal ein Album draußen. Hätten sie es besser gelassen.


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