Rio Reiser - "Rio I."
"Es gibt sicher welche, die mich nun als Verräter sehen", sinnierte Rio Reiser einst in einer Talk-Show über sein Verhältnis zu seinen ehemaligen Bandkollegen. "Ja, die gibt es." Zweifellos gab es die, und es gibt sie noch immer. Auch unter den Fans von Ton Steine Scherben war das Sellout-Gegreine laut und schrill, als sich der Sänger auf Solopfade begab, dafür aus dem Eigenvertrieb zu einem Majorlabel wechselte, auf glattere, entsprechend zugänglichere Produktionen setzte und damit, in den Augen der Untergrundpurist*innen wahrscheinlich die größte Frechheit von allen, auch noch Erfolg hatte.
Dabei blieb Rio gar nicht so furchtbar viel anderes übrig. Die Scherben hatten sich 1985 aufgelöst. Zumindest unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten konnte man das Projekt nur als gescheitert betrachten. Außer auf einem Haufen Schulden hockten die Bandmitglieder lediglich auf einem Berg ungenutzter Demo-Bänder. Die blieben jedoch nur so lange ungenutzt, bis Reiser zu picken begann, was ihm noch brauchbar erschien. Die Produktion überließ er Annette Humpe und Udo Arndt, die Instrumente weitgehend erfahrenen Studiomusikern. Rio selbst konzentrierte sich auf die Kompositionen und seinen oft kopierten, jedoch nie auch nur ansatzweise erreichten Gesang.
Diese Aufgabenverteilung gebar einige der lustigsten, rebellischsten oder schlicht zauberschönsten Beiträge zum deutschen Liedgut, darunter "Junimond", "Menschenfresser", "Für Immer Und Dich" und den viel strapazierten "König Von Deutschland", den man sich in Zeiten wie diesen oft genug verzweifelt an die Spitze dieses Staatswesens wünscht. Vorausgesetzt, er hieße Rio I. (oder halt Sissi, die Zweite) und böge für uns den Regenbogen: In was für einem Paradies könnten wir leben.
Rio selbst waren die Anfeindungen, er biedere sich dem Mainstream an, übrigens ziemlich egal. Zumindest tat er so und beschied seinen Kritiker*innen lapidar: "Es gibt Schlimmeres als eine Kunsthure zu sein."
Wohl wahr.
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