Die schwarze Szene trauert um eine prägende Figur. Auch auf der politischen Bühne hinterließ der 58-jährige Bayreuther Spuren.
Granada (mis) - Bruno Kramm ist tot. Der Songwriter und Keyboarder der Band Das Ich starb in der Nacht auf Samstag nach einem Konzert im spanischen Granada. Er wurde 58 Jahre alt. Wie die lokale Zeitung Ideal berichtet, wurde im Konzertsaal Planta Baja im Anschluss an das Konzert ein Notruf abgesetzt, nachdem Kramm backstage bewusstlos zusammengebrochen war. Laut Zeugen habe der Musiker an Atemnot gelitten. Als Polizei und Rettungssanitäter vor Ort eintrafen, sei Kramm bereits tot gewesen. Die spanische Polizei geht von einem natürlichen Tod aus, heißt es weiter.
Mit Kramm verliert die schwarze Szene eine bedeutende Figur. 1989 gründet er mit Sänger Stefan Ackermann in Bayreuth die Dark-Wave-/Elektro-Band Das Ich, die sich das Label Neue Deutsche Todeskunst gibt. Schon im Folgejahr erscheint mit dem achtminütigen "Gottes Tod" ihr bis heute bekanntester Song. Maßgeblichen Anteil daran hat das Szene-Magazin Zillo, das den Song zwischen Project Pitchfork und Deine Lakaien in die Tracklist des Samplers "German Mystic Sound Sampler Vol. 1" aufnimmt und sie für ihre Festivals bucht. Bereits mit ihrem zweiten Album "Staub" spielt die bald für ihre exaltierten, vom Theater inspirierten Konzerte bekannte Band 1994 ihre erste US-Tour. Aus Line-Ups von Dark-Wave-Festivals wie dem Amphi-Festival in Köln und dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig sind sie über Jahre nicht mehr wegzudenken.
Kramm war auch als Produzent tätig und vor allem für seine Arbeit als Labelchef von Danse Macabre Records bekannt, das er bereits 1989 als Musik-Kassetten-Label gründet. Auf Danse Macabre erscheinen Platten von Goethes Erben, Relatives Menschsein, The Beauty of Gemina und Wiederveröffentlichungen von Tommi Stumpff. Kramms Interessen gehen über die Musik hinaus: Er engagiert sich in den Bereichen Politik und Technologie. Noch in den 90ern ist er an der Gründung von Spektracom beteiligt, dem ersten privaten Internetprovider in Oberfranken.
Später erwirbt er sich einen Ruf als Experte für Urheberrecht, Verwertungsgesellschaften und Künstlerrechte im digitalen Zeitalter. 2013 klagt er mit Ackermann erfolgreich gegen die Praxis der GEMA, Musikverlage an den Tantiemen der Musiker pauschal zu beteiligen. "Musikverleger haben sich je nach Verteilungsplan 33 Prozent bzw. 40 Prozent dieser Lizenzen gesichert und verdienen damit häufig mehr als der einzelne Textdichter oder der Komponist (...) Die Klage sollte es Urhebern jetzt ermöglichen, die Arbeit ihres Verlages zu evaluieren und gegebenenfalls auszusteigen oder neu zu verhandeln. Und es bedeutet, den Verlegern Macht innerhalb der GEMA zu entziehen, zu Gunsten von Urheberinnen und Urhebern", so Kramm damals im Interview mit netzpolitik.org.
2014 übernimmt der Musiker das Amt des Landesvorsitzenden der Piratenpartei Brandenburg. 2016 tritt er bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus als Spitzenkandidat an. Nach einem desaströsen Wahlergebnis tritt er von seinem Amt zurück und wechselt zu den Grünen, bei denen er bereits von 2009 bis 2012 Mitglied war. Aufsehen erregt auch sein Auftritt vor der türkischen Botschaft 2016, wo er aus Solidarität zu Jan Böhmermann dessen Erdogan-Schmähgedicht öffentlich rezitiert und sich medienwirksam verhaften lässt.
Als stellvertretender Leiter des KI-Verbandes in Mitteldeutschland und Mitglied im Digitalisierungsrat der Landeshauptstadt Potsdam versuchte Kramm in den letzten Jahren gesellschaftliche Vorbehalte gegen KI abzubauen. Bereits 2020 gründete er in Magdeburg das Tech-Startup Infinite Device, das die Vermarktung der AIoT-Plattform Infinimesh betrieb. Auch bei Infinite Audio AI war er involviert und entwickelt Audio-KI-Anwendungen für den Security-Bereich.
Ende 2025 erschien nach einer 15-jährigen Pause das letzte Das Ich-Album "Fanal", nach eigenen Worten "ein apokalyptisches Meisterwerk für das postfaktische Zeitalter." In diesem Jahr hätte die Band noch Konzerte in Übach-Palenberg, Lindau und Helsinki gegeben. Kramm hinterlässt eine Ehefrau und zwei Kinder.










2 Kommentare
Ich war nie riesiger Das Ich-Fan, aber ein paar der Alben haben es ins Regal geschafft und sein Solo-Album war für meine jugendliche Auseinandersetzung mit der Schwarzkittel-Welt sehr prägend.
Er hat außerdem schön gezeigt, dass man als Gothenmusiker kein schlecht gelaunter Depri-Melancholiker sein muss.
Natürlich viel zu früh.
Möge er in Frieden ruhen