Seite 6 von 15

Sun Diego - "Wory W Sakone"

Was ich heutzutage für Kollegah empfinde, fühle ich auch ein winziges bisschen bei Sun Diego, wobei ich den schon immer schlechter fand und ihm deswegen zum Glück nicht so viel Nostalgie entgegenbringe. Der Typ ist aber auch ein absoluter Witz. Während sein ehemaliger Zeitgenosse immer mehr dem Größenwahn verfiel, kommt mir Sunny mit seiner Bikini-Bottom-Chose und seinem grauenhaften Disstrack "Stan In The Mirror" (gerade wegen des perversen Finales) wie ein zugekiffter, infantiler Dulli vor.

Ignoriert man aber all sein schwammiges Gangstergehabe, seinen Hang zu unnötigen Double- und Tripletimes oder seine zahlreichen billigen Ami-Hit-Copycat-Songs, vor denen sogar ein Eno seinen Hut ziehen würde, fand ich den vermeintlichen Pionier des Autotunes im Deutschrap auf musikalischer Ebene gar nicht mal so kacke. Das klang zugegebenermaßen oft sehr trashig, man denke an seinen ersten Autotune-Song "Ich Bring Mich Um" oder den Clubbanger "G's Sterben Jung" mit Kollegah, wie man aber aus dieser Liste bereits herleiten kann, bin ich für vielerlei Trash zu haben. Seufz.

In einem einzigen Fall konnte er diese Musikalität effektiv nutzen, um ernstere Töne anzusprechen, zumindest ein bisschen. "Wory W Sakone" (zu deutsch: "Diebe im Gesetz") ist selbstverständlich auch von Sun Diego-typischen Problemen geplagt, allen voran in Sachen comichafter Kriminalität im Spongebob-Kontext. Der Kollege Dominik Lippe schrieb zu dem Song in seiner "Started From The Bottom/Krabbenkoke Tape"-Review, als er Autotune ansprach: "Zum Teil klatscht er den Effekt unmotiviert in bester Zuna-Manier über die Texte." In diesem Einzelfall muss ich widersprechen. Ich mag, wie Sun Diego in den Parts zwischen aggressivem Rap und Autotune-Gesang hin- und herswitcht. Das gelingt ihm auf dieser Nummer sehr gut.

Dazu kommen neben den obviously übertriebenen Gangster-Lines auch ein paar deepere und persönlichere Aspekte zum Vorschein, besonders wenn er seinen Stiefvater thematisiert. "Im Magen ist Leere, mich plagen Probleme / Schwarz ist die Seele, mein Stiefvater spritzte sich den Ha-Satan in die Vene / Er schlug meiner Mum in die Zähne – ewig nur Tränen und Dramen" oder "Als ich ihn das letzte Mal sah, vom Schnee benebelt und breit von dem Joint / Sagt' er: 'Geh' dein'n Weg alleine, mein Freund, denn jeder trägt sein eigenes Kreuz'": Das hittt schon hard.

Auch wirkt der Song auf den ersten Blick ein bisschen klischeehaft, mit all den "Mama-verzeih-mir"-Lines, von denen es im deutschen Straßenrap nur allzu viele gibt. Was den Track in dieser Hinsicht von vielen anderen dieser Art doch wieder herausstechen lässt, sind das Intro und Outro. Hier spielt ein russischer Song, in dem eine Tochter sich bei ihrer Mutter entschuldigt. Die Tochter ist eine Diebin, die mit einem Dieb ein Kind zeugt, das wiederum zum Dieb heranwächst. Ein netter Touch, der neben all den anderen positiven Dingen diesen Song zum einen Gem machen, das man auf einem sonst sehr überladenen und lächerlichen Doppelalbum findet.

Seite 6 von 15

Weiterlesen

Deutschrap 15 Guilty Pleasures

Wortakrobaten, komische Käuze, Schwämme und YouTube-Rapper? David Laskowski pickt 15 peinliche Tracks, die eine zweite Chance verdient haben.

Noch keine Kommentare