Una notte italiana mit Licht und Schatten. Rote Nannini-Bandanas, goldene Geschenkbänder im Haar – im Publikum herrscht Ausnahmezustand.

Berlin (dp) - Der Herbst hält Einzug in die Hauptstadt. Vorbei die süßen, lauen Sommernächte, vorbei die fröhlichen Sprizz-Stunden. Das sieht man nicht nur an der Kleidung der Gianna Nannini-Fans, sondern auch am Getränkeangebot in der traditionsreichen Waldbühne: Es gibt Glühwein, und er wird auch gerne konsumiert. Eine ziemlich deutsche Kulisse für eine italienische Nacht.

50-Jähriges

Die Stimmung ist gut, vorne im Snakepit werden goldene Luftballons geschwenkt, "Italia!"-" und "Gianna"-Rufe schallen durch die Waldbühne. Das liegt natürlich am Motto des Konzerts: "GiannaGold", denn Gianna Nannini, einer der erfolgreichsten Musikexporte Italiens, feiert dieses Jahr 50-jähriges Bühnenjubiläum und das zwei Jahre lang. Berlin ist nun der Auftakt der Tournee, die 2027 fortgesetzt wird. Für diesen besonderen Anlass hat sich Nannini die Unterstützung des Prager Bohemian Symphonie Orchestras gesichert.

Stimmung gut – Weinqualität ausbaufähig

Im Publikum liegt der Altersdurchschnitt jenseits der 60, recht gleichmäßig auf deutsche und italienische Fans verteilt, was der Stimmung nicht hinderlich ist. Die einen telefonieren noch schnell mit der Familie in Süditalien und versprechen Konzertvideos, die anderen diskutieren über die Qualität des ausgeschenkten Weins. Urteil: eher ausbaufähig.

Die Bühne bleibt zunächst schwarz, Hintergrundmusik gibt es keine. Dann erscheint Gianna Nannini, inzwischen 72 Jahre alt, faktisch in Gold gegossen: im goldenen Frack, schwarzem Top, dunkler Hose, schweren Boots und dezentem Goldschmuck. Und verdammt, sie sieht großartig aus. Selbst ein Mick Jagger wirkt dagegen plötzlich wie ein Mann, der dringend nach einem bequemen Sessel sucht.

Mit "America Inc." geht es fulminant los. Da ist sie wieder: diese Stimme. Das Reibeisen, das man aus den Neunzigern kennt und sofort er-kennt. Nur leider muss man sich erst mal durch einen Sound kämpfen, der recht leise und mitunter zu höhenlastig aus den Boxen schallt. Nanninis Stimme hätte diesen Kampf nicht nötig. Den Fans ist es egal, die Waldbühne bebt unter dem Jubel für die Italienerin. Und natürlich filmt das Publikum. Mit Blitz. Alle. Gleichzeitig. Eine kleine Shitshow aus Smartphones. Der verzweifelte Versuch, den Abend für immer festzuhalten.

Unkaputtbar mit Abzügen in der B-Note

Danach folgt rasch der erste Hit "Maschi". Und spätestens hier zeigt sich: Nicht jeder Ton sitzt. Den Refrain überlässt Nannini teilweise der Band, bei "Silenzio" werden die Intonationsprobleme noch deutlicher. Dennoch, die Leidenschaft, die Nannini in jedes Stück legt, macht alles wett. "Fenomenale", "Fotoromanza" – die großen Hits reihen sich wie die Perlen an einer Kette und verzücken das Publikum.

Das Highlight bleibt trotzdem "1983": Das Arrangement wird rockiger, Nannini kommt in ihr Element. Hier spielt sie ihre wirklichen Trümpfe aus: die raue Stimme, ihre körperliche Agilität, die Intensität und diese unkaputtbare Botschaft, die sie seit Jahrzehnten mit sich herumträgt: 'Siamo tutti giovani!' Wir sind alle jung.

Und zumindest für einen Moment fühlt es sich auch so an. Danach wird es persönlicher. Ein Intro über die Großmutter führt zu einer Widmung an alle starken Frauen. Nannini setzt sich allein ans Klavier, inzwischen im legeren hellen Hemd gekleidet. "Donne In Amore" bekommt so eine Intimität, die dem Abend guttut. "Nella guerra lei stira"– im Krieg bügelt sie – und plötzlich braucht es weder ein Orchester noch große Leinwand oder Goldregen. So startet ein recht langer Akustikblock, der den Fans Zeit zum Verschnaufen bietet.

Hitfeuerwerk zum Finale

Auch "Notte Senza Cuore" gehört zunächst ganz Nannini und dem Klavier. Erneut verwandelt sich die Musikerin aus dem toskanischen Siena: Sie erscheint im schwarzen, langen Ledermantel, "Ragazzo Dell'Europa". Beim Einschub des Liedklassikers "O Surdato 'Nnamurato" singt ohnehin die komplette italienische Fraktion mit.

Ein wenig zu lang gerät der Akustikblock dann aber doch: Auch, weil die "Olé, olé, Gianna, Gianna"-Rufe des Fanblocks zunehmend anstrengend werden. Besonders dann, wenn sie mitten in den Balladen ertönen. Begeisterung ist wunderbar. Rücksicht auf die Songs aber ebenfalls. Danach ist wieder das Orchester dran, und mit ihm ein weiterer Outfitwechsel: schwarzer Blazer, Glitzershirt mit tiefem V-Ausschnitt.

Bei "Bello È Impossibile", den Nannini makellos darbietet, erreicht die Stimmung ihren Siedepunkt. Nun hält es keinen mehr auf den Sitzen. "Meravigliosa Creatura" und "Latin Lover" runden das Set ab. Und mit "Un'Estate Italiana", der glorreichen Hymne der Fußball-Weltmeisterschaft 1990, setzt Nannini den akzentuierten Schlusspunkt, der wirklich keine Fanwünsche mehr offenlässt.

Sie bleibt eine Ikone

Es ist auch ein Konzertabend, der erstaunlich viel über die eigene Erwartung an eine Ikone erzählt. Gianna Nannini ist 72 und hat immer noch eine unverwechselbare Bühnenpräsenz. Sie sieht fantastisch aus, bewegt sich mit beeindruckender Energie über die Bühne und besitzt eine Stimme, die – wenn sie ihre Stärken ausspielen kann – innerhalb von Sekunden Jahrzehnte überspringt.

Natürlich ist die Gianna von damals nicht mehr die Gianna von heute. Aber die Frau, die in Berlin auf der Bühne steht, ist immer noch eine Ikone. Und wenn sie dann ihre Reibeisenstimme aufdreht und "Latin Lover" oder "Bello È Impossibile" durch die Nacht schickt, spielt das Alter keine Rolle mehr. Für ein paar Stunden sind tatsächlich alle wieder jung.

Text: Désirée Pezzetta.

Fotos

Berlin, Waldbühne, 2026 Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand.

Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand., Berlin, Waldbühne, 2026 | © Pressefoto (Fotograf: Prandoni) Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand., Berlin, Waldbühne, 2026 | © Pressefoto (Fotograf: Prandoni) Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand., Berlin, Waldbühne, 2026 | © Pressefoto (Fotograf: Prandoni) Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand., Berlin, Waldbühne, 2026 | © Pressefoto (Fotograf: Prandoni) Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand., Berlin, Waldbühne, 2026 | © Pressefoto (Fotograf: Prandoni) Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand., Berlin, Waldbühne, 2026 | © Pressefoto (Fotograf: Prandoni) Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand., Berlin, Waldbühne, 2026 | © Pressefoto (Fotograf: Prandoni) Una notte italiana: Das 50-jährige Bühnenjubiläum und Fans im Ausnahmezustand., Berlin, Waldbühne, 2026 | © Pressefoto (Fotograf: Prandoni)

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