Boiler Room unter Druck
Zunächst das Selbstverständliche: Niemand sollte auf einer Tanzfläche getreten oder übersprungen werden, nur weil er sich dort zu einer Demonstration hingelegt hat. Selbst dann nicht, wenn er sich freiwillig auf den Boden eines vollbesetzten Raves legt – also an einen Ort, an dem schon unter normalen Bedingungen Menschen scheitern, die aufrecht stehen.
Bei einem Boiler-Room-Event in New York veranstaltete die Gruppe Boycott Room ein sogenanntes "Die-in". Da macht man keine Batik-Shirts, sondern liegt rum wie tot. Die Aktivisten protestierten gegen die Verbindung von Boiler Room zu KKR, jenem Private-Equity-Konzern, dem über Superstruct inzwischen mittelbar auch die globale Clubmedienmarke gehört. Einige Feiernde liefen oder sprangen über die Demonstranten; Boiler Room verurteilte das Verhalten und bekannte sich erneut zum Recht auf friedlichen Protest. Am zweiten Abend versuchte ein Demonstrant außerdem, am DJ-Pult die Musik zu unterbrechen.
Superstruct, zu dessen weitläufigem Festivalimperium auch Boiler Room gehört, wurde 2024 für rund 1,3 Milliarden Euro von KKR übernommen. Aus lokalen Musikszenen, improvisierten Streams und verschwitzten Kellern ist längst ein international verwertbares Veranstaltungsportfolio geworden. Trotzdem besitzt die Aktion eine herrliche spätkapitalistische Komik. Man kauft eine Eintrittskarte für eine Veranstaltung, dringt bis auf die Tanzfläche vor und protestiert dort dagegen, wem das Unternehmen gehört, dessen Produkt man gerade konsumiert. Die Revolution erfolgt als besonders nachdrückliche Kundenreklamation. Es geht nicht darum, dass einem ein Zehn-Dollar-Heineken verkauft wird. Es geht darum, wer einem das Zehn-Dollar-Heineken verkauft und ob dessen Beteiligungsportfolio den eigenen moralischen Mindeststandards entspricht.
Das Problem liegt tiefer als bei KKR. Boiler Room lebt seit Jahren von einem Widerspruch: Es verkauft den Eindruck unmittelbarer, lokaler und widerständiger Clubkultur als global standardisiertes Medienformat. Jede Kamera im Raum behauptet Nähe und erzeugt zugleich verwertbaren Content. Private Equity ist nicht der Moment, in dem diese Unschuld verloren ging. Es ist nur der Moment, in dem die wirtschaftliche Struktur so groß wurde, dass selbst das Publikum sie erkennen konnte.
Wer dagegen protestieren will, könnte Veranstaltungen boykottieren, Alternativen aufbauen, Künstler zum Rückzug bewegen oder eigene Infrastruktur finanzieren. Sich mitten im gekauften Erlebnis auf den Boden zu legen, ist hingegen eher Performancekunst: Der Konsument rebelliert gegen das Produkt, ohne den Raum des Konsums verlassen zu müssen. Boiler Room steht damit für die Kommerzialisierung des Undergrounds. Boycott Room steht für dessen moralisch optimierte Kundschaft. Beide Seiten brauchen einander vermutlich dringender, als sie zugeben würden.
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