Traut euch ans Trautonium, Teil II
Beim späteren Mixturtrautonium kamen unter anderem zwei Manuale und sogenannte subharmonische Mischungen hinzu. Gewöhnliche Obertöne entstehen als Vielfache einer Grundfrequenz. Subharmonische Reihen arbeiten gewissermaßen in die andere Richtung: Frequenzen werden geteilt, wodurch Töne unterhalb des Grundtons und ungewöhnliche harmonische Beziehungen entstehen. Zusammen mit Filtern, Rauschgeneratoren, elektronischem Schlagwerk und Tonbandtechnik konnte Sala daraus ganze Orchester, Tierlaute oder Maschinenwelten bauen.
Warum setzte sich dieses erstaunliche Instrument trotzdem nicht durch? Gerade seine Ausdrucksstärke machte es unpraktisch. Wer ein Klavier anschlägt, erhält zuverlässig die vorgesehene Note. Wer das Trautonium berührt, muss sie erst finden. Die Tonhöhe hängt von einer winzigen Fingerbewegung ab, die Dynamik vom Fuß, die Klangfarbe von Reglern und Filtern. Das Instrument verlangt zugleich das Gehör eines Streichers, die Koordination eines Organisten und die technische Neugier eines Studiotüftlers.
Telefunken versuchte in den Dreißigerjahren sogar, mit dem Volkstrautonium eine Heimversion zu verkaufen. Rund 200 Exemplare wurden gebaut; der Preis war hoch und der kommerzielle Erfolg gering. Während spätere Synthesizer mit Tastaturen an eine bereits verbreitete Spieltechnik anschlossen, blieb das Trautonium ein eigener Kontinent, dessen bedeutendster Bewohner im Wesentlichen Oskar Sala hieß.
Hitchcock verzichtete in "Die Vögel" weitgehend auf eine konventionelle Filmmusik. Sala und Gassmann erzeugten die bedrohlichen Vogellaute und Angriffsgeräusche elektronisch; das Mixturtrautonium wurde damit für Millionen Menschen hörbar, ohne dass die meisten wussten, welches Instrument sie gerade in Angst versetzte. "Bird’s Attack / After Explosion" ist weniger Song als verdichtetes Sounddesign – und vermutlich die berühmteste Trautoniumaufnahme überhaupt.
Das Trautonium war kein gescheiterter Synthesizer. Es war vielmehr ein Instrument, das sich weigerte, bequem genug für eine breite Erfolgsgeschichte zu werden. Seine Möglichkeiten waren enorm, seine Bedienung gnadenlos und sein bedeutendster Virtuose praktisch unersetzlich. Gerade deshalb klingt es bis heute nicht wie ein historisches Vorstadium des Moog, sondern wie ein Seitenzweig der elektronischen Evolution, der in eine vollkommen andere Zukunft hätte führen können.
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