Traut euch ans Trautonium, Teil I
Ihr sollt ja auch was lernen beim Lesen, deshalb mal was Bildendes über ein fast vergessenes Elektro-Instrument. Das Trautonium sieht aus, als habe jemand ein Klavier zerlegt und beim Wiederaufbau beschlossen, die Tasten seien der überflüssigste Bestandteil gewesen. Statt einer Tastatur besitzt es eine Metallschiene, über der ein mit Widerstandsdraht umwickelter Draht gespannt ist. Der Spieler drückt diesen Draht auf die Schiene. Die Position des Fingers bestimmt die Tonhöhe, weil sie den elektrischen Widerstand und damit die Frequenz verändert.
Der Ton wird also nicht in festgelegten Halbtonschritten ausgewählt. Er liegt als kontinuierliches Feld vor. Man kann sauber intonierte Noten treffen, aber ebenso stufenlos gleiten, Töne biegen, vibrieren lassen oder bewusst zwischen den vertrauten Tonhöhen spielen. Das Trautonium verbindet damit etwas vom Theremin, vom Streichinstrument und vom frühen Synthesizer, ist aber keines davon vollständig.
Im Inneren erzeugten Röhren zunächst einen obertonreichen Grundklang. Filter schälten daraus unterschiedliche Klangfarben heraus: streicherähnliche Töne, Bläser, Stimmen, Sirenen und Geräusche. Ein Fußpedal regelte die Lautstärke. Bei späteren Versionen konnte der Spieler mit den Füßen zusätzlich die Stimmung verändern, während beide Hände auf den Schienen arbeiteten. Man spielte das Instrument also mit Fingern und Beinen zugleich – ein wenig wie eine Orgel, bei der jemand alle Tasten entfernt und dafür die Gefahr des permanenten Danebengreifens eingebaut hat.
Entwickelt wurde das Trautonium Ende der Zwanzigerjahre von Friedrich Trautwein an der Berliner Rundfunkversuchsstelle. Am 30. Juni 1930 wurde es beim Festival Neue Musik Berlin öffentlich vorgestellt. Paul Hindemith, Rudolf Schmidt und der junge Oskar Sala spielten gemeinsam auf drei Instrumenten. Sala sollte dem Trautonium anschließend den Rest seines Lebens widmen und es so gründlich weiterentwickeln, dass sein Name heute fast untrennbar mit dem Instrument verbunden ist.
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