Dritter Teil der indischen Elektrogeschichte: 2010er bis heute: Dezentralisierung, Bandcamp, SoundCloud, kleine Labels I
Ab Mitte der 2010er zerfaserte die indische Szene auf produktive Weise. Genau darin liegt vielleicht ihr spannendster Moment: Die Geschichte lässt sich nun nicht mehr über ein Zentrum, ein Festival oder ein Exportnarrativ erzählen. Delhi, Mumbai, Bengaluru, Goa, Kolkata, Pune, Hyderabad, Kochi und kleinere Städte entwickelten eigene Mikroszenen, eigene Geschwindigkeiten, eigene ästhetische Kurzschlüsse.
Das Internet spielte dabei eine andere Rolle als zuvor. Bandcamp, SoundCloud, Boiler-Room-Clips, kleine Labels, unabhängige Promoter, Radioshows und WhatsApp-Netzwerke machten die Szene beweglicher und weniger abhängig von großen Marken. Elektronische Musik musste nicht mehr nur über Sunburn, Goa-Mythos oder internationale Bookings sichtbar werden. Sie konnte plötzlich kleiner, direkter, lokaler zirkulieren. Gleichzeitig gibt es immer mehr Nischen, und Sachen wie Kiss Nukas hypnotische, ökologisch aufgeladene Electronica findet Publikum.
Besonders Bengaluru wurde wichtig für experimentellere Formen. Consolidate Records, entstanden aus einem Umfeld um Rahul Giri und Aniruddh Menon ("Love Songs" aus 2017 ist ein Wahnsinnsalbum!), wirkte wie ein Sammelbecken für elektronische Musik, die nicht sofort nach Clubverwertung fragte: Beats, Ambient, leftfield Pop, Skizzen, Schlafzimmerproduktionen. Gerade das war entscheidend. Indische Electronica musste nicht mehr dauernd beweisen, dass sie international mithalten kann. Sie durfte merkwürdig, fragmentiert, lokal und unfertig klingen. Oceantied weiter oben stammt ebenfalls aus dem Bengaluru-Umfeld.
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