laut.de-Kritik
Nur ein glühender Verstärker ist ein guter Verstärker.
Review von Michael SchuhDie brettharte Miami-Vice-Phase, die Nothing But Thieves vor drei Jahren mit dem Vorgänger "Dead Club City" eingeläutet hatten, ist so schnell vorüber gegangen, wie sie gekommen ist. "Stray Dogs" knüpft wieder an Alben wie "Broken Machine" und "Moral Panic" an, also an den Sound, der die Briten berühmt gemacht hat. Das war nicht vorherzusehen, denn ausgerechnet das 80s-Electro-Album bescherte der Band ihre erste Nummer eins in den UK-Albumcharts - und unverschämt gut war es auch.
In dieser Form sind Nothing But Thieves mehr als nur potenzielle Stadionrock-Nachfolger von Muse, befand ich in der Review vor drei Jahren, und nun ist es so gekommen: Ähnlich wie bei Fontaines D.C. ist der Karriereweg der Jungs aus Southend-on-Sea vom Underground- zum Arena-Act nach fünf Alben vollzogen: 2027 empfangen Nothing But Thieves in Olympiahalle, Lanxess und dergleichen.
Denn sie bedienen mittlerweile alle: Die Fans der atmosphärisch-düsteren Rockband (à la Muse) holt der Opener "Stray Dogs" nach einem trügerisch brodelnden Intro mit hektischen Stakkato-Riffs und einem wild kreischenden Conor Mason am Mikro ab. Wer auf melodische Rock-Hymnen steht, die niederwalzenden 90s Alternative nach Art von Soundgarden mit Pop-Hooks veredeln, bekommt "Testosterone" und "American Confidence". Die etwas leichter arrangierten Rocksongs, die auch im Radio problemlos funktionieren, findet man bei Nothing But Thieves sowieso stets mehrfach. Nur fern jeglicher Anbiederung.
Also aufatmen, Gitarrenfreunde: "Stray Dogs" entstand wieder in der Scheune in Banbury, in der 2016 das gleichnamige Debütalbum eingespielt wurde. Vielleicht wurde die Band auch der endlosen, technischen Möglichkeiten, die ihnen 2023 in einem großen Studio zur Verfügung standen, überdrüssig. Sänger Mason, die Gitarristen Dominic Craik und Joe Langridge-Brown, Drummer James Price und Basser Phil Blake sehnten sich jedenfalls nach dem DIY-Geist der Zehnerjahre zurück.
"Wir haben einige Zeit damit verbracht herauszufinden, was an uns wirklich echt und greifbar ist und wie wir unsere Zeit nutzen wollen. Die Menschen, mit denen wir um die Welt reisen, die menschlichen Momente auf der Bühne, die Verbindung zu den Leuten, die zu unseren Shows kommen, das ist real", so Mason. Unsere zunehmend hochtechnisierte Welt fühlt sich rau und unnachgiebig an? Dazu liefern NBT nun den entsprechenden Sound, die Texte kreisen derweil um Gemeinschaft und Zugehörigkeit.
Die erste Single "Evolution" bewegt sich auf fast zu sicherem Terrain, solides Songwriting, Mason mit großer Geste im Refrain, man kennt es. "Death In The Backseat" nimmt das Tempo raus, schlängelt sich um einen tollen Basslauf und reminisziert im Refrain noch einmal kurz die 80er, nimmt aber eigentlich nur Anlauf für "#5". So sehr ich Mason als Shouter schätze, seine Stimme ist halt einfach für zuckersüßen Pop-Rock geschaffen, wie in dieser herrlichen Reminiszenz an Springsteens "Hungry Heart".
In "Baby Kool (Evelyn)" verarbeitet die Band nach eigener Aussage 90er-Helden wie die Pixies und Nirvana, alles im Endeffekt nicht stärker herauszuhören als anderswo, aber wenn die Regler hochgehen, klingt es definitiv nach Garage. Von Cobain inspiriert dürfte dagegen Masons Refrainzeile im Song "AI.Jesus" sein, der mit Künstlicher Intelligenz als natürlichem Feind der Kreativen abrechnet: "Yeah pick a dream, boy, violate / Don't feel a thing, but we're entertained." Der Song selbst legt wieder alle vorherigen Pop-Avancen in Schutt und Asche. Wunderbar hysterisch auch "American Confidence". Nur ein glühender Verstärker ist ein guter Verstärker.
Und wie man es als große Band eben so macht, geleiten uns Nothing But Thieves auf "A Different Kind Of Happiness" mit einem Instant-Klassiker aus dem Album, den ich neulich beim Reeperbahn Festival auch verpasst habe, als die Band ein kurzes Akustik-Set präsentierte. Chance vertan, jetzt sind die Arenen dran. Mehr als verdient.


1 Kommentar
Album habe ich mir nun das erste Mal komplett angehört.
Aktuelle Highlights neben den Singles: AI Jesus, Testosterone und American Confidence. 
Hat etliche gute Highlights, aber bei einigen Songs denke ich, das sie bei mehrmaligem Hören noch Grower werden.
Einzig in manchen Songs hätte ich mir mehr gewünscht, wenn die Stimme von Mason mehr facettenreicher dargestellt wird. Mir gefällt bei manchen Songs dieser komische Hallfilter nicht so sehr.
Seis drum, definitiv wieder die rockigere Version von Nothing But Thieves. Man kann sie einfach nicht nicht mögen.
Album wird wie alle anderen zuvor öfters bei mir rotieren