laut.de-Kritik

Der Horror, der Hunger, die Lichtung.

Review von

Es knistert immer auf schwer beschreibliche, aber sehr aufregende Weise im Gehirn, wenn man einen Artist entdeckt, bei dem sofort klar ist, dass er mehr will als den Standard. Das Knistern überkam mich mal wieder, als ich vor etwa einem Jahr über das Video zu "An der Front" gestolpert bin.

Das nervös schneidende Klaviermotiv, die Wucht in Yazes Beat, Ramzeys an die Black Panther der Sechziger erinnerndes Outfit, eine hohe Stimme, die Ansagen macht wie "Keiner kann so wie Riggidy, der Kleine mit großen Mini-Me's / körperlich oder lyrically, wenn die Picos mich testen fick ich die": Offensichtlich hat hier jemand künstlerische Ambitionen mit potentiell weit reichenden Konsequenzen und mit der Welt ein paar Rechnungen offen. Dass Ramzey und Yaze bei Funkvater Franks Label Funkloch gelandet sind, passt wie Knie und Faust aufs Auge, und ihre gemeinsame Tour mit OG Keemo 2023 verpasst zu haben, macht mich im Nachhinein ziemlich betroffen. Da wurden mit Sicherheit Ärsche getreten.

Auf "Jiggos Sterben Jung" und der "Weltfrieden"-EP herrschte letztes Jahr weitgehend noch energetischer Wahnsinn, auf denen sich Ramzey und sein Stammproduzent einmal alles erlaubt und ausprobiert haben, was bei ihnen alles so geht. "Die Ewigen Jagdgründe" folgt einem strengeren Konzept. Die vorliegende Auswahl von bösen Brechern, souligen Verträumtheiten im Dreivierteltakt, introspektiven Selbstbefragungen und Kampfansagen auf drumless Beats sind einerseits durch eine in den Tracks und drei Skits skizzierte Erzählung verbunden, andererseits verwoben mit einem altbekannten Motiv. Auf diesem Album ist "Wald" aber nicht zu verstehen als romantische Projektionsfläche, sondern als Deutschland, Folk Horror, Klaustrophobie unter freiem Himmel.

Hier kommt nicht der böse Wolf, hier kommt Ramzey, der getriebene Jäger. "Komme nicht von Eigentum und vollbeheiztem Fußboden / ich komm aus Dschungel und Matsch auf meinen Schuhsohlen / was jucken mich Schulnoten, ich muss Flous holen" ("Vogelgesang"). Friss oder Stirb und Loyalität zur "Truppe" sind die einzigen Gesetze in den ewigen Jagdgründen: "Beschütz dein Genick / es reicht nur ein Schritt / wenn ein Wächter fragt / bin ich taub und blind".

In diesem Wald trifft der Ich-Erzähler auf einen verirrten Jungen, "sagt mir, dass er bis noch gerade eben mit seinen Boys war / und dass sein Name nicht üblich ist für Schwarze in Deutschland / sagt mir, dass er Stephan heißt, aber mit P-H / sagt mir, dass er sich versteckt, aber vor was wird mir nicht so klar / ob das eine Falle ist, dass er in meine Richtung kam" ("Boden (Intro)"). Dieses kindliche Spiegelbild, dass sich vor den Umständen um sich herum noch fürchtet, weil es noch nicht abgestumpft ist, stellt unterschwellig eine Bedrohung dar, weil es die eigene verdrängte Vergangenheit in sich trägt.

Die Beats klingen über weite Strecken wie eine Mischung aus Lo-Fi und Bulldozer. Yaze ist hörbar ein Sample-Nerd, kann zudem Moshpit und hat wie Ramzey auf lyrischer Ebene musikalisch ein Talent dafür, eine Atmosphäre aufzubauen, die das Konzept des Albums erzählt, ohne das Konzept auszubuchstabieren. Es gibt viele verspielte Details wie etwa die warmen, nach Mariachi und Albtraum klingenden Bläser, die sich am Ende von "Zentrum" unter die zischenden Drums und ein schrilles Theremin legen, welche das genaue Zuhören belohnen, aber auch sicherlich absolut stabil im Live-Kontext als Soundwand funktionieren.

"Die Ewigen Jagdgründe" hat psychologische Tiefe und theatrale Qualitäten, versteht sich aber in erster Linie als sehr gutes Rapalbum. Die Metaphern dienen hier dazu, die Bedeutungen klarer zu machen, nicht, sie zu verschlüsseln. Wer mit "Wächter" gemeint ist, ist klar, aber es betont durch die Wortwahl ihre Funktion, nämlich den Wald zu bewachen, zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass ihn bestimmte Menschen nicht verlassen. Wer die "Truppe" ist, erschließt sich von selbst, sagt aber nicht in erster Linie etwas über die Freundschaft, sondern über den gemeinsamen Kampf in einer feindlichen Umwelt.

Die beiden persönlichsten Tracks, "Sommer" und "Monster", wirken im Kontext des Albums wie Lichtungen im Dunkeln. Ohne, dass es ausgesprochen wird, spielt ersterer nicht im Wald, sondern in der Stadt, weil man den warmen Asphalt und die Spätis fühlt, "Vögel zwitschern, singen Sarah Connor / schöne Dinge bleiben kurz so wie der Sommer". Melodiös und leicht entrückt, als würde er das zu sich selbst singen, erzählt Ramzey eine zarte Liebeserklärung in Momentaufnahmen an seine Mutter ("sitze zwischen ihren Beinen / und sie flechtet mir Cornrows"), und von einer Kindheit, in der Armut ein ständiges Thema ist. Yazes psychedelische Loops tauchen diese Erinnerungen in ein warmes Licht.

"Mein Bruder versteckt alle Messer hinterm Kühlschrank / weiß nicht viel, aber ich weiß, er ist nie nüchtern": In "Monster" bearbeitet Ramzey sowohl die traumatische Gewalt als auch sein Verhältnis zu den Vorbildern in seiner eigenen Familie, begleitet von einem sanften Prog Rock-Querflötensample-Beat, der das emotionale Gewicht nicht reduziert, aber ihm die Schwere nimmt. Diese emotionale Komplexität, die im Dialog zwischen Lyrics und Beat entsteht, machen ihn zum stärksten Track, gerade weil Ramzey hier nicht abgedreht rumflext, sondern einfach ruhig erzählt, was Sache ist und seinen Partner in Crime hinter sich weiß.

"Die Ewigen Jagdgründe" schrammt knapp an der Höchstwertung vorbei, weil mir dann doch ein Track mit der Energie von "Jiggos" fehlt, ein Hit halt, von dem mir klar ist, dass er im Kontext des Albums nicht besonders viel Sinn machen würde, aber ich vermisse ihn trotzdem, weil sie das halt eigentlich können. Durch die düstere Klaustrophobie über weite Strecken des Soundbilds fühlt es sich mit 40 Minuten zudem einen ganz kleinen Ticken zu lang an. Es klingt alles sehr wie aus einem Guss, nach der Arbeit eines eingespielten Teams, das sich in seiner musikalischen Komfortzone, zu Recht, sehr wohl fühlt. Vor allem aber klingt "Die Ewigen Jagdgründe", obwohl es so gut ist, als würde das beste Album erst noch kommen.

Trackliste

  1. 1. Boden (Intro)
  2. 2. Vogelgesang
  3. 3. Sensenmann
  4. 4. Truppe
  5. 5. Landkreis
  6. 6. Angler (Skit)
  7. 7. Sommer
  8. 8. Genick
  9. 9. Wächter
  10. 10. Stephan (Skit)
  11. 11. Monster
  12. 12. Sonntag
  13. 13. Zentrum
  14. 14. Flüsse (Skit)
  15. 15. Krone (Outro)

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