laut.de-Kritik
Zu viel Yappa-Yappa, zu wenig Raheem.
Review von Leah-Lou BlankMit seinem sechsten Studioalbum "Raheem" landete Reezy auf Platz eins der deutschen Charts. Der Titel ist dabei zunächst eine Ansage: Raheem ist sein bürgerlicher Name, und wie so oft, wenn Künstler:innen ein Album nach sich selbst benennen, liegt die Vermutung nahe, dass es persönlicher werden könnte als sonst. Man erfährt vielleicht etwas über den Menschen hinter der Kunstfigur.
Leider bleibt die große persönliche Offenbarung auf "Raheem" aus. Stattdessen liest sich die Tracklist wie ein Who's-Who aus Popkultur, Sport, Luxus und Internet: Britney Spears, Gordon Ramsay, Jordan Belfort, Great Gatsby, Arda Saatçi. Die Namen wirken, als versprächen sie, dass hinter jedem Track eine Geschichte oder zumindest eine überraschende Verbindung steckt. Das Problem: Oft fragt man sich nach dem Song, warum er eigentlich so heißt.
Musikalisch ist "Raheem" durchaus interessant. Vor allem die düsteren Trap-Produktionen funktionieren. Reezy hat ein gutes Gefühl für Atmosphäre, seine Flows sitzen, und einzelne Wortspiele sind wirklich lustig. Auch sein Umgang mit Reimschemata und Rhythmus macht stellenweise Spaß. Dazu kommen jede Menge Adlibs, die sich tief in die Produktion graben. Aber je länger das Album läuft, desto weniger trägt es über die Texte hinweg.
Die Platte beginnt, wie könnte es anders sein, mit "Raheem". Über einen vergleichsweise ruhigen Beat mit Klavier erzählt Reezy zumindest ein bisschen von seinem Hintergrund. "Warum denkt sie, dass sie jetzt Raheem kennt?", fragt die erste Zeile des Albums: eigentlich eine ziemlich gute Eröffnung. Genau diese Frage müsste das Album anschließend beantworten.
Ein paar Einblicke gibt es tatsächlich: "In meiner Gegend gab es keine Engel, hier gab es nur Angel Dust." Auch "Mein eig'ner Vater hat damals Haze verpackt / Was denkst du, warum ich so viele von den Schäden hab?" deutet eine persönlichere Ebene an. Reezy stammt aus einer musikalischen Familie, sein Vater ist der Frankfurter Rapper D-Flame. Gerade hier hätte "Raheem" die Chance, wirklich interessant zu werden: Woher kommt dieser Mensch hinter dem Luxus, den Frauen und den Marken? Stattdessen bleibt es überwiegend bei Andeutungen.
Auch "Piano Reez (SRT)" und "OOOO" bewegen sich zunächst in dieser entspannten, beinahe schwebenden Richtung. Bei "OOOO" wird mit "Babe, du bist mein Hear-Me-Out" bereits deutlich, wohin sich das Album lyrisch bewegt. Ob Reezy bewusst ist, was er seiner Angebeteten damit eigentlich sagt? Ein "Hear-Me-Out" bezeichnet gerade jene Person, bei der man seinem Gegenüber erst erklären muss, warum man sie attraktiv oder interessant findet. Als Liebeserklärung ist das ein zumindest ungewöhnliches Kompliment.
Bei "Britney Spears" funktioniert die Grundidee des Albums. "Ich glaube, Erfolg ist ein Pflaster, aber keine Medizin" fasst Reezys Perspektive zusammen. Die Verbindung zu Britney Spears ist nachvollziehbar: Ruhm, öffentliche Beobachtung und die Schattenseiten eines Lebens, das permanent von außen bewertet wird.
Trotzdem zerfällt der Song irgendwann. Der plötzlich einsetzende, beinahe Trap-Kollegah-artige Part über Reezys emotionale Härte wirkt, als sei er aus einem anderen Song herübergerutscht. "Ich hab' zehn Jahre nicht geheult, für mich war Weinen nicht normal (No tears) / Der Mensch ist aus Fleisch und aus Wasser, bei mir fühlt es sich an nach Eisen im Stahl (Steinhart)." Fast noch schlimmer: Das Outro, in dem Reezy immer wieder "Ich geh' Crashout" in verschiedenen Verzerrungen wiederholt, strapaziert die Geduld erheblich.
"Gordon Ramsay" ist ein finsterer, trappiger Track und enthält mit "Ich smoke meine Opps, Bro, ich rauche keine Kippen" und "Wir sind aus Dschungel wie Donkey Kong" immerhin Zeilen, bei denen das Zuhören Spaß macht. Aber warum Gordon Ramsay? Bei "Jordan Belfort Interlude" passt der Name zumindest zum Vibe aus Geld, Glocks und Gangsterpose. "Zaha Hadid" lässt sich mit "Sie hat mehr Kurven als Ecken und Kanten" halbwegs auf die Architektin beziehen. Aber wenn ein Album so offensiv mit Namen arbeitet, erwartet man irgendwann auch die Verbindung. Stattdessen bleibt häufig nur ein Namedrop-Rätsel übrig.
Besonders schmerzhaft wird es bei "Jane Birkin". Reezy nennt es seinen "Break-up-Song" und rappt über eine vergangene Beziehung. Das Problem ist weniger, was er erzählt, sondern wie. "Ich wollte dich niemals hurten / Doch das hier wird nie wieder worken" klingt weniger nach emotionaler Trennung als nach einem MoneyBoy-Text, den jemand einer Ex-Freundin per Sprachnachricht schickt. Die Verbindung zu Jane Birkin: "Ich coppte dir eine Birkin, heut' willst du mich mercen." Aua.
"Great Gatsby" schlägt in eine ähnliche Kerbe. Wieder ein Liebessong, wieder die Frage nach echter Zuneigung: "Sie liebt mich nicht, sie liebt leider nur Raheem." Das ist eigentlich der Kern des gesamten Albums. Liebt jemand den Menschen oder das, was mit seinem Namen verbunden ist? Gatsby lieferte dafür sogar eine ziemlich passende Referenz. Nur bleibt Reezy auch hier an der Oberfläche. Gitarre, Klavier, viel Gesang – er versucht, verletzlich zu klingen. Trotzdem wirkt es eher wie eine Inszenierung als ein Blick in sein Innenleben.
Spätestens bei "Betty Boo" kippt das Album endgültig. Reezy hat eine auffällige Abneigung gegen "Yappa-Yappa", gegen Frauen, die viel reden, "Drama machen" oder ihn mit ihren Problemen konfrontieren. "Sie ist 'ne Toxic Queen auf viel Yappa-Yappa und Lies" und "Ich kann deine Daddy-Issues nicht heil'n, nur weil du mich Daddy nennst" werden vor allem durch ihre Wiederholung unangenehm. Je öfter Reezy Frauen als toxisch, anstrengend, unentschlossen oder redselig beschreibt, desto weniger wirkt das wie eine Beobachtung, mehr wie eine Haltung.
Mit "Rosewood Interlude" kehrt das Album zum Thema Prominenz und öffentliche Wahrnehmung zurück. "Sie schreiben in Kommentaren: 'Das ist alles nicht so deep' / Doch ich verdeck' meine Narben unter Balenciaga-Sleeves." Eigentlich steckt darin einer der zentralen Gedanken von "Raheem": Die Öffentlichkeit sieht Luxus, der Künstler erlebt dahinter trotzdem Schmerz. Dann kommt allerdings Pitbull. "We at the hotel, motel, Holiday Inn." Der Sample-Einsatz wirkt musikalisch maximal deplatziert.
"Moneytrees" ist dagegen kurz, beinahe ein Interlude, und vielleicht gerade deshalb einer der interessantesten Momente der Platte. Delara singt über ein ruhiges Klavier, ihre Stimme bringt eine ungewohnte Verletzlichkeit in das Album. Ausgerechnet dort, wo Reezy fast vollständig aus dem Bild verschwindet, entsteht einer der glaubwürdigsten emotionalen Momente von "Raheem".
Auch "Arda Saatçi" gehört zu den stärkeren Momenten. Der Track ist düster, hungrig und druckvoll. Einer der wenigen Momente, in denen Reezy nicht versucht, gleichzeitig verletzlich, sexy, reich und clever zu sein, sondern einfach einen finsteren Trap-Track macht.
Reezy weiß sehr genau, was er hat. Aber weiß er auch, wer er ist? Nach diesem Album weiß man ziemlich genau, dass Reezy reich ist. Man weiß, dass er teure Dinge kauft. Man weiß, dass er Frauen attraktiv und gleichzeitig häufig als problematisch empfindet. Man weiß, dass er "Yappa-Yappa" nicht leiden kann. Man weiß, dass er Erfolg hat, in Jets sitzt, Luxus kauft und trotzdem Pain empfindet.
Aber wer ist Raheem? Die besten Momente des Albums sind ausgerechnet jene, in denen Reezy die Fassade kurz fallen lässt. "Warum denkt sie, dass sie jetzt Raheem kennt?" ist deshalb nicht nur eine gute erste Zeile, sondern fast schon eine unfreiwillige Zusammenfassung des Problems. Denn "Raheem" lässt wegen seines Titels persönliche Einblicke erwarten, liefert stattdessen aber vor allem Informationen über Reezys Konsumverhalten und seine Vorstellungen von Frauen.
Dabei kann Reezy durchaus rappen. Seine Flows sitzen, die Produktion ist häufig stark, und gerade die düsteren Trap-Beats gehören zu den besten Momenten der Platte. Nur überlagert diese Stärken eine auffällige Oberflächlichkeit. Reezy behauptet die großen Gefühle, erzählt sie aber selten wirklich. Die Namedrops versprechen Geschichten, die nicht kommen. Die Verletzlichkeit wird angedeutet und anschließend mit Adlibs zugeschüttet, und die Liebessongs schwanken irgendwo zwischen einem Versuch, der deutsche Drake zu sein, und unfreiwilliger Komik.
"Raheem" ist damit deutlich besser produziert als geschrieben. Es klingt teuer, ambitioniert und stellenweise verdammt gut, aber unter der Oberfläche findet sich erstaunlich wenig. Vielleicht hätte Reezy weniger darüber erzählen sollen, was Raheem besitzt, und mehr darüber, warum Raheem so geworden ist, wie er ist. Genau diese Person wollte man mit diesem Album doch eigentlich kennenlernen.


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