17. August 2026
"Es ist wie ein Magier, der sein eigenes Geheimnis verrät"
Interview geführt von Marie PütterSein Song "Kids" wurde zum viralen Hit, trotzdem wird Nick Rattigan kaum erkannt. Im Interview erzählt er, warum seine größten Songs für ihn selbst kaum planbar waren, wie er seinen Sound immer wieder verändert hat und warum er mit seinem neuen Album erstmals seit sechs Jahren wieder unabhängig veröffentlicht.
Wenn euch die Namen Current Joys oder Surf Curse nichts sagen, tut euch kurz den Gefallen und hört "Kids" oder "Freaks". Die Wahrscheinlichkeit ist nicht so klein, dass aus dem "Noch nie gehört" ziemlich schnell ein "Ach, DER Song!" wird.
Wir sitzen an der Isar in München, keine fünfzig Meter vom Ampere entfernt, wo Nick Rattigan alias Current Joys am Abend vor ausverkauftem Haus spielt. Kurz darauf steht er vor mir: Club-Mate in der einen, Zigarette in der anderen Hand. Er präsentiert mir stolz ein Fan-Geschenk: Pokémon-Karten mit seinem eigenen Gesicht drauf. Wir setzen uns ans Wasser, weil sich dort besser rauchen lässt. Obwohl wir so nah an der Venue sind bleiben wir völlig ungestört: Kaum jemand erkennt ihn.
Wie ist es für dich, dass du selbst kaum erkannt wirst, während deine Songs offenbar jeder kennt?
Es ist irgendwie komisch, naja, eigentlich ist es lustig, weil mir immer dasselbe passiert: Ich treffe Leute und die fragen, was ich so mache. Ich sage dann, ich mache Musik, zwei Bands, einmal Current Joys, einmal Surf Curse. Und meistens kommt dann: "Kenn ich nicht." Und dann kann ich ihnen einfach "Freaks" zeigen, den Song abspielen, und dann heißt es: "Oh doch, den kenne ich auf jeden Fall." Das gibt mir irgendwie einen leichten Einstieg, wie so ein kleiner Partytrick oder so.
Dein Weg dahin war dabei ziemlich lang: Tumblr, Bandcamp, MediaFire und irgendwann TikTok. Wie fühlt es sich an, wenn aus diesem langsamen Aufbau plötzlich ein solches Momentum entsteht?
Ich glaube, TikTok ist so das Meth der Social-Media-Plattformen, weißt du, das Heroin quasi. Das ist die intensivste Menge an algorithmischem Erfolg, die man kriegen kann. Da hat es sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Aber davor gab es immer eher so einen langsamen Anstieg. TikTok hat es auf jeden Fall interessant gemacht, weil wir dann diese TikTok-Hits hatten, gerade mit Surf Curse, mit "Freaks".
Viele Menschen kennen dich heute für Songs, die gar nicht mehr unbedingt nach dem klingen, was du heute machst. Ist das manchmal seltsam?
Also, es ist super seltsam. "Wild Heart" habe ich gemacht, als ich 19 war. Ich bin jetzt 34 und habe diese ganze Reise mit meiner Musik gehabt. Ich habe meinen Sound über die Zeit einfach langsam immer wieder verändert.
Ich erinnere mich noch, als "A Different Age" rauskam. Da meinten alle: "Was ist das denn, das ist doch nicht ...". Und dann hat Covid da irgendwie geholfen, weil das Album dadurch ein bisschen explodiert ist. Aber ja, dann "Voyager", das war eher so ein Studioalbum mit der Band, und das hat sich auch total anders angehört.
Ich habe eigentlich immer versucht, jedes Album sehr unterschiedlich klingen zu lassen. Aber klar: Wenn du jemandem "Wildheart" vorspielst und dann "LOVE + POP", denken die sich: "Was zur Hölle ist da passiert?" Aber ich weiß, was passiert ist. Ich habe mein Leben erlebt. Und ich wünschte, ich könnte jemanden in meinen Kopf stecken, aber das kann ich einfach nicht. Die kriegen halt immer nur diesen einen Ausschnitt mit.
Woher kommt dieser Drang, dich musikalisch immer wieder neu zu erfinden?
Was soll ich sagen? Ich habe einfach 15 Jahre Leben erlebt, weißt du. Verrückte Scheiße, großartige Scheiße, unterschiedliche Vorlieben. Es gab diese ganzen zwei Jahre, in denen ich total besessen von The Grateful Dead war. Da habe ich "East My Love" gemacht, dieses Country-Folk-Album. Und danach wurde ich besessen von Lil Peep und Hip-Hop und habe "LOVE + POP" gemacht.
Einige meiner größten Einflüsse sind Scott Walker und Lou Reed oder Bowie. Leute, die ständig versuchen, sich selbst neu zu erfinden, ihre eigenen Grenzen verschieben oder irgendwie die Grenzen der Hörer verschieben.
Ein Hit aus dem Äther
Bei "Kids" scheint diese Entwicklung fast keine Rolle zu spielen. Der Song ist Jahre alt und trotzdem für viele Menschen der Einstieg in deine Musik. Warum glaubst du, dass gerade dieser Song so ein Eigenleben entwickelt hat?
Bei "Kids", "Freaks", "New Flesh", bei all den Hits ist es so witzig, weil da so wenig Gedanken dahinter steckten. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich "Kids" geschrieben habe. Ich war 21, lebte in New York und war ziemlich fertig.
Auch diese Zeile "I'm no longer a kid" – nein Mann, du bist immer noch ein verdammtes Kind.
Der Song ist einfach in ungefähr einer Stunde aus mir rausgekommen und ich habe ihn dann direkt aufgenommen. Er kam komplett aus dem Moment heraus, aus dem, was ich in diesem Augenblick gefühlt habe. Und das kommt irgendwie von einem anderen Ort, glaube ich. Die Songs, die wirklich rausgehen und bei so vielen Leuten etwas auslösen, kommen vielleicht gar nicht komplett von mir. Ich glaube, sie kommen aus dem Äther, aus diesem ätherischen Ding, das wir alle irgendwie gerade erleben. Dem kollektiven Unbewussten, das die Leute erleben. Also schreibe ich mir da gar nicht so viel Verdienst zu.
Aber ich finde schon, dass du dir ein bisschen Credit geben kannst – immerhin funktioniert der Song auch Jahre später noch bei jungen Leuten.
Ja, ich meine, für mich wirkt es so simpel: Hör nicht auf deinen Kopf und folg deinen Träumen. Ich weiß nicht, das ist so ein Klischee.
Ich weiß nicht, warum das trifft. Ich habe ja nichts gemacht, weißt du, es ist einfach passiert, Jahre später.
Ich habe den Song veröffentlicht, als ich 21 war, in New York gelebt habe und pleite wie sonst was war. Und ich glaube, so viele Leute versuchen heute wirklich hart, dass ihre Songs so abgehen oder irgendwie so einen TikTok-Moment hinzukriegen. Und ich war nicht mal auf TikTok, als das alles passiert ist.
Ich weiß nicht. Ich kann es nicht erklären. Es ist wie ein Magier, der sein eigenes Geheimnis verrät oder so, obwohl ich noch nicht mal einen Trick habe.
"Wir haben das Album regelrecht 'gefrankensteint'"
Hinter "Kids" steckt aber auch sehr konkret deine eigene Situation damals. Was hat dich in New York zu diesem Song gebracht?
"Kids" ist halt so...ja, es ist klassisch Coming-of-Age. Eine Geschichte so alt wie die Zeit selbst. Dieses Verlieren von dem Staunen, das man hatte, als man jünger war. Das erleben so viele Menschen.
Ich glaube, das habe ich gefühlt, als ich nach New York gezogen bin. Ich habe 60-Stunden-Wochen gearbeitet, war so fertig und ängstlich und depressiv. Jede große DIY-Venue der Stadt hat zugemacht und alle meinten so: Musik ist vorbei, Rockmusik ist vorbei. Und ich dachte nur: Okay, scheiße, was mache ich jetzt? Ich schätze, ich werde einfach arbeiten gehen.
Aber es gab immer diesen einen Teil von mir, der wirklich getrieben war, trotzdem Musiker zu werden. Jetzt habe ich fast Magier gesagt. Ich habe versucht, ein Magier zu werden. Nein, doch, Musiker zu werden.
Und ich glaube, daher kommt wahrscheinlich dieses seltsame "Hör nicht auf deinen Kopf, folg deinen Träumen". Es ist vielleicht wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Es hat irgendwie funktioniert.
Vielleicht bist du dann ja wirklich ein Magier?
Ja, okay. Vielleicht.
Dein neues Album "Rosebud" klingt wiederum nach einer weiteren Abzweigung. Wie ist es entstanden?
Das neue Album ist vor allem eine Reaktion darauf, dass ich den Produzenten Never Goodbye kennengelernt habe. Ich hatte schon dieses ganze Album geschrieben, das rauskommen sollte, zehn Songs. Und es war so deprimierend. Es war einfach nur langsam, deprimierend. Ich war echt down wegen des Albums. Ich habe es Leuten als "bestrafendes Album" beschrieben.
Normalerweise weiß ich, dass etwas gut ist, wenn ich es mir ständig anhöre, wenn ich aufgeregt bin. Aber bei dem habe ich es mir einfach angehört und dachte nur: Gott, ist das deprimierend. Und ich weiß nicht, ob das überhaupt gut ist.
Und dann, als ich Never Goodbye getroffen habe, hat es einfach komplett Klick gemacht. Wir sind innerhalb einer Woche alle Songs durchgegangen und haben sie aufgepeppt, ein paar Songs gestrichen, ein paar neue dazu genommen. Einfach das Album regelrecht "gefrankensteint", zu diesem neuen Ding, auf das ich jetzt echt stolz bin.
Und außerdem ist es dein erster unabhängiger Release seit langem. Was bedeutet dir dieser Schritt?
Das ist mein erster unabhängiger Release seit sechs Jahren. Ich war bei einem Label für die letzten vier Platten und musste diesen Vertrag erfüllen. Das war ziemlich seelenraubend und miserabel.
Als ich aufgewachsen bin, war es einfach so: Song schreiben, auf Bandcamp raushauen, raus in die Welt damit. Also ist das jetzt das erste Mal seit langer Zeit, dass ich wieder etwas unabhängig rausbringe.
Also hat die Entscheidung mit Musikindustrie-Wut zu tun?
Oh, da ist auf jeden Fall eine ganze Menge Wut auf die Musikindustrie. Ich habe definitiv einen fairen Anteil an Verträgen unterschrieben, die ich im Nachhinein bereue. Aber ja, es ist einfach so, dass ich in Bezug auf das Album wirklich keine Erwartungen habe. Es ist einfach etwas, auf das ich richtig stolz bin, und ich freue mich, es in die Welt rauszubringen.
Wir laufen zurück zur Venue. Laufen an all den leuten vorbei, die ein Ticket für seine Show haben. Ein paar Köpfe drehen sich um, aber kaum jemand sagt etwas. Am Eingang muss auch der Security-Mann mehrfach nachfragen, ob es wirklich stimmt, dass Nick gleich auf der Bühne steht, bevor er ihm schließlich trotzdem einen Stempel gibt.
Eine halbe Stunde später steht Rattigan mit seiner Band auf der Bühne, spielt alte Hits und Songs vom neuen Album. Live bekommen diese Stücke nochmal eine ganz andere Wucht und wirken so viel lauter und unmittelbarer. Von der Anonymität am Isarufer ist jetzt nichts mehr zu spüren.


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