laut.de-Kritik
Gefühlschaos am Anschlag.
Review von Karina SadkovSelbstzweifel, Liebeskummer und die ständige Frage, wohin es im Leben eigentlich gehen soll: Die frühen Zwanziger haben es in sich. Das weiß auch Nieve Ella, die auf ihrem Debütalbum "How Long Will It Take?" genau diese Unsicherheiten verarbeitet. Als jemand, der dieses Jahr selbst die Mitte seiner Zwanziger erreicht hat, muss ich der Britin allerdings eine schlechte Nachricht überbringen: Girl, einfacher wird es leider nicht.
Seit ihren ersten EPs hat sich musikalisch einiges getan. Wo ihre früheren Songs stellenweise noch an Olivia Rodrigo erinnerten, dominieren jetzt grungige Gitarrenriffs, verzerrte Sounds und satte Basslinien. Vor allem die erste Albumhälfte schlägt deutlich rauere Töne an, ohne auf eingängige Melodien zu verzichten. In der zweiten Hälfte zeigt sich die Britin von ihrer sanfteren Seite, die emotional nicht weniger intensiv ist.
Schon das Intro "101" macht mit seinen wuchtigen Gitarren klar, wohin die Reise geht. Nahtlos geht es in "Drive" über, den perfekten Soundtrack für eine ziellose Autofahrt mit voll aufgedrehter Musik. Der treibende Bass und die beinahe sirenenartigen Gitarren am Ende vermitteln ein Gefühl von Geschwindigkeit und Freiheit. Fehlt eigentlich nur noch die freie Autobahn.
Weniger unbeschwert geht es in "Standing On A Pane Of Glass" zu. "No one knows that it got this bad", singt Ella über eine Verzweiflung, die nach außen offenbar niemand bemerkt. Immer wieder verstummen die Gitarren kurz, bevor sie gemeinsam mit ihrem Gesang erneut einsetzen. Die Wechsel zwischen Zurückhaltung und musikalischer Wucht spiegeln dabei das Gefühl wider, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Auch "Angie" spielt mit diesem Gegensatz. Was mit einer zurückhaltenden Gitarre beginnt, entwickelt sich spätestens im zweiten Refrain zu einem mitreißenden Indie-Rock-Song. Dabei geht es um Verlust und die Erinnerung an einen Menschen, der nicht mehr da ist. "How am I supposed to love you when you're on the other side?", fragt Ella mit ihrer stellenweise rauen, beinahe brüchigen Stimme. Dass man irgendwann trotzdem dazu tanzen möchte, macht die Sache nur noch bittersüßer.
Überhaupt spielen Chöre auf "How Long Will It Take?" eine auffällig große Rolle. Sie verleihen den Songs nicht nur mehr Fülle, sondern vermitteln auch das Gefühl, mit seinen Problemen nicht allein zu sein. Da fällt einem fast zwangsläufig das Motto aus "High School Musical" ein: "We're all in this together".
Dass Ella auch ohne laute Gitarren überzeugen kann, zeigt vor allem "Love:Hate". Statt Drums und verzerrter Riffs bestimmen Streicher und schwebende Gesangsharmonien das Stück. "Is it harder to love me? / Or is it harder to let me go?", fragt sie, während ihre Stimme viel Raum bekommt. Die beinahe engelsgleichen Hintergrundstimmen verleihen dem Song eine unheimlich schöne Atmosphäre. Mich hat das Ganze jedenfalls nicht kaltgelassen und mir sogar ein paar Tränen entlockt. Gerade weil Ella auf den großen musikalischen Ausbruch verzichtet, trifft "Love:Hate" umso härter.
In "I'm Not Dead" zeigt sich Ella trotz aller Selbstzweifel kämpferisch. "Living is the answer, mm-mmh/ I don't need it all figured out", singt sie, während Chorstimmen im Refrain dem Song eine beinahe hymnische Größe verleihen. Nach all dem emotionalen Chaos fühlt sich das wie eine kleine Katharsis an. In "Back To Basics" übernehmen dagegen wieder der Bass und die Drums das Kommando. Hinter dem treibenden Sound und der mitreißenden Bridge verbergen sich jedoch Überforderung und der Wunsch, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Dabei schwankt sie zwischen Aufgeben und Weitermachen, ohne so recht zu wissen, wohin mit sich.
Im abschließenden Titeltrack "How Long Will It Take?" kehrt Ella mit akustischer Gitarre und eindringlichem Gesang zu ruhigeren Klängen zurück. Zwischen widersprüchlichen Gefühlen und erdrückenden Gedanken sehnt sie sich danach, dass sich endlich etwas verändert. Immer wieder stellt sie dieselbe Frage, die mit jeder Wiederholung verzweifelter klingt. Dahinter steckt das zermürbende Gefühl, alles dafür zu tun, damit es einem endlich besser geht, und trotzdem auf der Stelle zu treten.
Nieve Ella liefert mit "How Long Will It Take?" ein Debüt, das nicht nur musikalisch überzeugt, sondern auch emotional einiges auslöst. Ihre Songs sind mal laut, mal leise, manchmal hoffnungsvoll und manchmal ziemlich niederschmetternd. Und auch wenn ich der Britin keine beruhigende Antwort auf ihre Fragen geben kann, tut es doch gut zu wissen, dass man mit ihnen nicht allein ist.


1 Kommentar
Drive klingt eigentlich ganz nett, geschmeidig-chillig, aber man wartet die ganze Zeit darauf, dass da jemand den Metal Faktor hochschraubt bzw. in Gang setzt. So leider etwas zu easy-listening! Aber zum Nebenbei hören auf jeden Fall toll.