laut.de-Kritik

Groove, Härte und Chaos.

Review von

Trotz der Namensgebung ist "Cursum Perficio" wohl kein Abschiedsgeschenk. Wobei man Abschiede im Musikbusiness ohnehin nicht allzu ernst nehmen sollte. Nach zehn Jahren liefern Anthrax nun also ihr zwölftes Studioalbum ab. Der wirklich gute Thrash bleibt derweil vermutlich für immer in den 80ern eingesperrt. Anthrax haben das immerhin früh genug erkannt und sich deshalb lieber als die "Punker" unter den Big Four etabliert. Eine Eigenschaft, die der Band auch 2026 noch zugutekommt.

Features braucht "Cursum Perficio" zum Glück nicht. Dafür gibt es einen ziemlich gelungenen Mix aus Groove und Thrash, der sich weniger nach Rückkehr zu alten Glanztaten, als nach einer Band anhört, die ihren Platz im eigenen Erbe akzeptiert hat. "Spreading The Disease" und "Among The Living" bleiben eben Erzeugnisse ihrer Zeit. Das wussten Anthrax vermutlich schon beim letzten Album. Also lieber nach vorne schauen, auch wenn dabei der Sound ein wenig an Dreck verliert. Im direkten Vergleich zum Vorgänger klingt "Cursum Perficio" stellenweise deutlich sauberer, manchmal leider zu sauber.

Nach dem "Persistence Of Memory"-Intro beginnt das Album mit "The Long Goodbye" allerdings erst einmal ziemlich gemächlich. Statt Thrash gibt es grooviges Midtempo, dazu ein paar Oh-Oh-Chöre und einen Heaviness-Faktor, der eher nach Renten-Metallern als nach einer der dienstältesten Thrash-Bands des Planeten klingt. Naja, zählen wir den ohnehin viel zu lang geratenen Song einfach noch zum Intro, dann beginnt die Freude mit "It's For The Kids" so richtig. Die Drums dreschen, zwischendurch wird es sogar etwas blastiger und dazwischen gibt es genug Midtempo-Schunkelei für all jene Nacken, die tatsächlich schon alle zwölf Albumveröffentlichungen miterlebt haben. In der zweiten Hälfte kippt der Song in ein schweres Riff, bevor ein Thrash-Solo alles wieder auseinandernimmt. Genau da funktionieren Anthrax: wenn Groove, Härte und ein gewisser Hang zum musikalischen Chaos gleichzeitig zuschlagen.

"Everybody's Got A Plan" setzt diesen Ansatz fort. Der Song zieht das Tempo an, nimmt wieder Geschwindigkeit raus und wechselt zwischen gedämpften und offenen Gitarren. Vor allem in der zweiten Hälfte zeigt sich, warum Anthrax auch nach vier Jahrzehnten noch funktionieren: Riffs, Soli, Lyrics und Tempo greifen ineinander, ohne dass die Band daraus eine Wissenschaft machen muss. Es klingt einfach nach einer Gruppe, die weiß, was sie kann.

"The Edge Of Perfection" drischt direkt los und überrascht danach mit einem verspielteren, geradezu prächtigen Riff. Fast sieben Minuten dauert der Exzess, der sich zunehmend nach innen kehrt. Ein sonderlich lebensbejahender Song ist das nicht, dafür einer der interessantesten des Albums. Beim Songwriting markiert er jedenfalls die Spitze von "Cursum Perficio".

"Infectious" setzt auf ein stampfendes Riff und beweist, dass selbst eine Idee, die auf dem Papier nach monotonem Dauerfeuer klingt, mit genügend Gespür zum Ohrwurm werden kann. Anthrax drehen ein einziges Motiv so lange durch die Mangel, bis daraus tatsächlich ein mitreißender Song entsteht. Nur: Auch hier wäre weniger mehr gewesen. Ein paar Minuten, wenigstens ein paar Sekunden weniger, und die Sache wäre noch runder.

"NYC 93" klingt etwas unaufgeräumter, entkommt aber ebenfalls nicht der Ermüdung, sobald es in Richtung Minute fünf geht. Der Titeltrack überzeugt dagegen mit einem schön gelösten Intro, dessen Motiv später noch einmal in den Song aufgenommen wird. Letztlich trägt hier aber vor allem Belladonna den doch etwas hintergründigen Track.

"T.O.M.B." legt den Fokus anschließend wieder auf die Gitarrenarbeit. "Watch It Go" wiederum erinnert deutlich stärker daran, dass Anthrax einmal zu den wichtigsten Thrash-Bands der Welt gehörten. Der Gitarrensound wird hier wieder etwas dreckiger, während das Schlagzeug ordentlich Prügel bezieht. "My Victory" zieht diese Linie weiter: Die Drums werden zerlegt, die Gitarren schieben nach vorne und plötzlich ist da wieder diese alte Anthrax-Energie, die man sich auf dem Album noch häufiger gewünscht hätte.

Denn genau darin liegt das kleine Problem von "Cursum Perficio". Anthrax können es noch. Sie können mitreißende Riffs schreiben, sie können Thrash und Groove verbinden und sie haben mit Belladonna nach wie vor eine Stimme, die das alles wunderbar mitmacht. Nur gönnen sie sich zu oft ein paar Minuten zu viel. Das Album will nicht schlecht werden, es will nur einfach nicht aufhören.

Dazu kommt ein Sound, der im Vergleich zum Vorgänger etwas an Dreck eingebüßt hat. Nicht jeder Song braucht natürlich Garagenproduktion, aber gerade Anthrax profitieren davon, wenn es zwischen all der Präzision auch einmal scheppert. Die besten Momente von "Cursum Perficio" sind schließlich genau jene, in denen die Band nicht versucht, besonders zeitgemäß zu klingen, sondern einfach losprügelt.

Trackliste

  1. 1. Persistence Of Memory
  2. 2. The Long Goodbye
  3. 3. It's For The Kids
  4. 4. Everybody's Got A Plan
  5. 5. The Edge Of Perfection
  6. 6. Infectious
  7. 7. NYC 93
  8. 8. Cursum Perficio
  9. 9. T.O.M.B.
  10. 10. Watch It Go
  11. 11. My Victory

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1 Kommentar mit 4 Antworten

  • Vor 2 Stunden

    Das Warten hat sich gelohnt...fantastisches Album! Abwechslungsreich, Melodisch & Heavy.

    Songs wie "The Edge of Perfection" und "Cursum Perficio" fallen geradezu episch aus. "T.O.M.B." ist ein Groovemonster und "Watch it Go" zeigt, dass Anthrax auch das prügeln nicht verlernt haben.

    Lediglich "Infectious" ist etwas nichtssagend geraten. Aber das ist zu verschmerzen.

    Wer hätte gedacht, dass Anthrax mal die spannendste der klassischen Thrash Metal Bands werden würde?

    Für mich eins der besten Metal Alben des Jahres.

    • Vor einer Stunde

      Dieser Kommentar wurde vor einer Stunde durch den Autor entfernt.

    • Vor einer Stunde

      "Wer hätte gedacht, dass Anthrax mal die spannendste der klassischen Thrash Metal Bands werden würde?"

      ...das sind sie für mich ehrlich gesagt allerspätestens mit dem "Looking Down the Barrel of a Gun [Beastie Boys]"-Cover auf dem "The Beavis & Butthead-Experience"-Sampler (inkl. anschließendem von den Mitgliedern eingesprochen Sketch zu einem total genau so geschehenen Tourbus- & Toilettenbesuch Beavis & Buttheads bei Anthrax... :lol: ) von Anfang der 90er geworden und bei zwar nur gelegentlichem, aber dennoch regelmäßigem Reinhören (auch bei den "anderen drei großen") bis heute geblieben. Ich dachte eigentlich, hierin läge ich mindestens mit dem sophisticated part vong Meddl-Feuilleton völlig d'accord?

      Fun fact: Auf dem Sampler befindet sich das aus heutiger Sicht nahezu prophetisch (und vielleicht beim 1 oder der anderen etwas geschmacklos) anmutende "I hate myself and I want to die" von Nirvana, to whom it may concern... ^^ :)

    • Vor 56 Minuten

      ...Kurt hat sich aber übrigens nicht noch zu nem Skit mit Mike Judge hinreißen lassen. Der Sampler kam in den USA und Europa via Geffen Records und erschien in erstgenannter Region erstmals am 23. November 1993. :)

    • Vor einer Sekunde

      Vielleicht hab ich Sie einfach zu wenig gehört...mit den John Bush Alben konnte ich nicht so viel anfangen. Die Alben mit Belladonna liebe ich sehr.

      Für mich waren Exodus und Testament immer Favoriten weil Sie mindestens in der gleichen Qualität abliefern wie die Big 4. Gibt ja auch 1000 Diskussionen, dass Anthrax eigentlich raus aus den Big 4 gehören und Exodus dafür rein.

      Ich denke man kann sich auf ne Big 8 einigen: Metallica, Slayer, Megadeth, Anthrax, Exodus, Testament, Overkill und Death Angel. + Kreator & Sodom natürlich, aber halt nicht aus Amerika.

      Was liebe ich den 80er Output von diesen Bands...

      Es ist schon mega geil, dass die meisten von diesen Bands auch 2026 noch abliefern.