laut.de-Kritik

Das Licht im Keller ist ganz schön grell und wunderschön.

Review von

Ein schlechtes Album haben Boy Harsher noch nie gemacht. Die eigentliche Überraschung von "Get Mean" besteht deshalb auch nicht darin, dass Jae Matthews und Augustus Muller ihre Qualitätskontrolle weiterhin im Griff haben. Sondern darin, wie selbstverständlich sie etwas riskieren, das für eine Band ihres Formats gefährlicher sein kann als jede radikale Stilwende: Sie lassen Licht herein.

Wer Boy Harsher wegen jener Coldwave-abgewichsten Enge liebte, mit der frühere Platten den Dancefloor in einen Keller ohne Notausgang verwandelten, darf bei "Ronny" erst einmal misstrauisch werden. Die beiden Protagonisten trennen sich im Privatleben und plötzlich gibt es Horizont? Verträumte Elektrofiguren schweben, Drums treiben, eine windschiefe Melodie schiebt sich von der Seite herein – und Matthews klingt nicht wie jemand, den man zu dieser Öffnung erst überreden musste. Sie hat hörbar Bock darauf.

Das ist wichtig, denn Boy Harsher werden hier keineswegs nett. "Jeans" mag Indiepop sein, aber von Leuten, die einer geraden Linie noch nie getraut haben. Der Song ist eingängig und ausreichend schief, verändert seine Perspektive, lässt Gitarren und Synthesizer gegeneinander arbeiten. "Break Me" sagt dem Club dann ausdrücklich Hallo, bleibt aber erst einmal draußen bei den Rauchern stehen. Früher hätten Boy Harsher sofort mit beiden Ellenbogen den Achtziger-Schwan auf dem Dancefloor gegeben. Diesmal bauen sie Erwartung auf, ohne sie gleich einzulösen. Matthews darf weiterhin hauchen, stöhnen, jauchzen und jene halb befehlenden, halb flehenden Laute ausstoßen, bei denen nie ganz klar ist, ob gerade verführt oder gedroht wird. Der Unterschied liegt woanders: Sie vertraut der Musik mehr.

"Tough Luck (When You Don't Call)" zeigt besonders schön, wie sehr sich dadurch auch Mullers Arbeit verändert. Früher musste die Grundstruktur von Beat und Drums ständig kleine tektonische Verschiebungen erzeugen, damit Minimalismus nicht in stumpfes Bumm-bumm kippte. Jetzt bleibt der Boden erstaunlich stabil. Dafür wächst darauf eine ganze Blumenwiese. Gitarren breiten sich aus, Synthesizer ziehen zäh ihre Linien, Matthews dehnt ihre Vocals darüber, und plötzlich entsteht Spannung nicht mehr dadurch, dass die Erde bebt, sondern dadurch, dass auf ihr alles gleichzeitig in verschiedene Richtungen wächst.

"Faulty" ist fast provokant simpel. Ein Beat, eine elegante Bewegung aus der Hüfte, ein Refrain, ein paar präzise Verschiebungen – viel mehr braucht es nicht. Trotzdem könnte man den Song dreißigmal hintereinander hören, ohne dass er schal würde. Das ist eine dieser Fähigkeiten, die man leicht unterschätzt, weil das Ergebnis so mühelos klingt.

Bei "Coming Home" fällt auf, wie stark Matthews' Rolle sich über die gesamte Platte verändert hat. Mount Kimbie könnten so etwas in ihrer jüngsten Reinkarnation machen, wenn sie mehr Sexyness und erheblich schlechtere Laune hätten. Matthews aber kämpft hier weniger, fleht weniger, drängt sich weniger vor die Musik. Sie ordnet sich stärker in das Gefüge ein und verliert dadurch nichts an Präsenz. Kleine Schwankungen reichen plötzlich wie bei "Falling ~", um Müdigkeit in Verletzung, Verletzung in Kälte und Kälte in endgültige Distanz kippen zu lassen. Früher hatte man oft das Gefühl, sie müsse sich gegen Mullers Maschinen behaupten. Ein Atemzug, eine gedehnte Silbe, ein kurzes Absinken der Stimme erzeugen mehr Wirkung als früher manches große Drama. Live mag das wieder anders aussehen. Auf Platte ist diese Zurückhaltung eine Stärke.

"Hard Beat" nähert sich am deutlichsten dem bisherigen Bandsound. Gerade deshalb hört man dort die Veränderung besonders gut. Alles wirkt sauberer, heller, stärker ausgeleuchtet, das Stroboskop flackert weniger irre. Aber Boy Harsher verlieren im Licht nicht ihre Bedrohlichkeit. Sie halten ihm stand. Mehr noch: Sie starren einen jetzt einfach unverschämter an. Die alte Dunkelheit war ein Schutzraum und eine Waffe zugleich. "Get Mean" zeigt, dass sie beides nicht mehr benötigen. "Ice Pick (Walk Away)" ist der Album- und Bandhöhepunkt. Wave und Indie, Gitarren und Elektronik, Nähe und Distanz, alte Boy-Harsher-Kälte und neue Offenheit greifen so selbstverständlich ineinander. Der Song zeigt, welche neuen Möglichkeiten sich im Songwriting auftun.

Bei "Pray 4 Me" federt der Bass wie bei Metronomy, das Stück wäre in jeder brauchbaren Indiedisco sofort zuhause. Wo andere Bands jetzt das große Crescendo bauen würden, verweigern Boy Harsher die Erlösung. Am Schluss schieben sich diese elektronischen Stalaktiten immer stärker über Matthews' Stimme. Die Musik wächst, sie selbst aber nicht mit, kein Katharsis-Pop.

"Bleed" beendet das Album ohne große Geste. Kein Sieg, keine Versöhnung, nicht einmal ein spektakulärer Zusammenbruch. Eher ein schwaches, kraftloses Aufbäumen. Gerade deshalb ist es so brutal. Der Kampf um Vergebung scheint irgendwann einfach aufgegeben worden zu sein. Wer befürchtet hatte, Boy Harsher hätten mit den helleren Flächen, Gitarren und Indiepop-Anteilen auch ihre alte Nähe zum Abgrund verloren, kann sich beruhigen. Der Griff zur Rasierklinge und diese Band bleiben artverwandt. Man hört es nur nicht mehr in jeder Sekunde als Effekt.

Trackliste

  1. 1. Ronny
  2. 2. Jeans
  3. 3. Break Me
  4. 4. Tough Luck (When You Don't Call)
  5. 5. Faulty
  6. 6. Coming Home
  7. 7. Hard Beat
  8. 8. Ice Pick (Walk Away)
  9. 9. Ivy's Spiral
  10. 10. Pray 4 Me
  11. 11. Falling ~
  12. 12. Bleed

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