4. Mai 2026

"Country ist kein Cosplay"

Interview geführt von

Er ist kein Cowboy, aber ein Country-Boy ist er trotzdem: Mit seinem Album "Outcast Town" zieht Douwe Bob den Hut vor allen Außenseitern.

Während sich Country-Musik in Deutschland mit dem Status eines Randphänomens begnügen muss, erfreut sich das Genre in den Niederlanden größter Beliebtheit. Das Berliner Country 2 Country-Festival, das jährlich im Frühjahr stattfindet, gilt immer noch als Geheimtipp. Wir haben den niederländischen Country-Star Douwe Bob am Tag vor seinem Auftritt getroffen.

Vom Balkon der "260 Rooftop Bar" neben der Uber Eats Arena hat man den wohl besten Ausblick auf die East Side Gallery, den man in Berlin bekommen kann. Es ist ein sonniger Tag, beste Bedingungen für ein Outdoor-Interview. Als wir uns begrüßen, sitzt Douwe Bob auf einem Palettensofa, er trägt einen Schnauzer, graues T-Shirt und weder Cowboyhut noch -stiefel. Das muss an dieser Stelle explizit erwähnt werden, da er sich mit diesem bewussten Modestatement von etwa 90 Prozent der anderen Teilnehmer des Festivals abhebt. Aber viel wichtiger ist die Frage, wofür das Herz schlägt, und Douwe Bob ist Country-Musiker mit Leidenschaft. Der 33-jährige Sänger aus Amsterdam ging vor zehn Jahren beim Eurovision in Stockholm für die Niederlande ins Rennen und belegte mit "Slow Down" den elften Platz.

Die Sonne scheint so hell, dass wir uns um ein schattiges Plätzchen bemühen. Auf der Suche danach, trifft Douwe auf mehrere seiner amerikanischen Country-Kollegen, die in diesen Tagen ebenfalls auftreten werden. Es werden Handschläge und Smalltalk ausgetauscht. Die Präsenz der Nashville-Musiker wirkt dabei wie ein Gütesiegel für das Festival. Die Stimmung ist offen und erwartungsvoll. Im Hintergrund spielen Bands auf einer kleinen Bühne, begleitet von lautem Applaus.

Hi Douwe, das ist dein erstes Mal beim Country 2 Country Festival, richtig?

Ja, das ist mein erstes Mal hier.

Gibt es etwas Vergleichbares in den Niederlanden?

Also Country ist in den Niederlanden tatsächlich ein ziemlich großes Genre. Ich selbst komme in Holland ziemlich gut an und bin Country-Künstler. Das sagt also schon etwas über die Attraktivität des Genres aus.

Wie denkst du darüber: Wird Country in den Niederlanden anders gesehen als in Amerika? Wir haben gerade einige amerikanische Country-Musiker getroffen.

Ich glaube nicht, dass es anders ist. Musik ist Kunst, weißt du. Kunst ist etwas, das Menschen hilft, mit dem Leben klarzukommen. Das ist schon immer so gewesen. Country-Musik ist ein Genre der arbeitenden Menschen, und Menschen können sich damit identifizieren.

Sind Amerikaner manchmal überrascht, dass es in den Niederlanden eine so lebendige Country-Szene gibt?

Ja, das sind sie. Die meisten Amerikaner verstehen das nicht.

Nehmen sie dich ernst?

Na ja, das sollten sie lieber tun (lacht). Vielleicht tun sie das nicht sofort, aber wenn sie mich spielen hören, dann schon. Aber das ist kein Cosplay. Wenn ich hier bin, finde ich es selbst manchmal ein bisschen lustig, weil es sich ein bisschen wie eine Kostümparty anfühlt. Ja, ja. Und ich bin nicht so. Ich bin kein Cowboy. Ich weiß, wer ich bin. Ich bin ein stolzer europäischer Junge, weißt du. Ich bin sehr europäisch. Ich identifiziere mich nicht als Cowboy, sondern als Folk-Musiker. Und das ist einfach die Musik, die ich liebe.

Wer hat dich auf diesem Weg inspiriert?

Viele von den Eagles. Ich habe die Eagles gehört. Viel Westcoast-Musik. Und auch viel Dylan, Willie Nelson, Merle Haggard.

Kannst du etwas über deinen persönlichen Weg zur Country-Musik erzählen?

Das hat mich immer schon angesprochen. Eher der Americana-Stil, würde ich sagen. Ich habe früher viel verschiedene Musik gehört. Ich habe mit sechs Klavier gelernt und dann später mit Gitarre angefangen. Und am einfachsten zu spielen sind Country-Songs. Denn Country ist einfach nur drei Akkorde und die Wahrheit. Und ich bin dabei geblieben. Ich habe mich daran festgehalten. Und ich liebe die Texte, das Singen und die Geschichten. Ich denke, die Geschichten sind für mich ein sehr wichtiger Teil.

Kommen wir zu deinem neuen Album "Outcast Town". Ist das für dich ein realer oder ein metaphorischer Ort?

Er könnte real sein. Aber es ist eine metaphorische Stadt. Und es geht einfach darum, in einem 'Club' zu sein und darum zu sehen, was gerade in der Welt passiert. Und zu erkennen, dass wir nicht Teil dieses Clubs sind – du und ich. Ich meine, wenn du den Fernseher oder das Radio einschaltest, denkst du dir: Ich will kein Teil von diesem verdammten Bullshit mehr sein.

"Ich war immer der Außenseiter"

Hast du dich in deinem Leben jemals wie ein Außenseiter gefühlt? Du hast ja gerade erwähnt, dass du es eher als ein kollektives Gefühl siehst.

Ja.

Ist das auch ein persönliches Gefühl?

Ja, absolut. Ich glaube, vielen von uns geht es so. Als kleiner Junge, der Gitarre gespielt hat, habe ich mich nie wirklich zugehörig gefühlt. Ich war immer der Außenseiter. Und wenn man älter wird, merkt man, dass es viele davon gibt. Viele wie mich. Viele Menschen, die genau so fühlen.

Gemeinschaft scheint ein weiteres großes Thema auf deinem Album zu sein. Wo findest du Gemeinschaft in deinem Leben? In der Country-Szene?

Nein, ich habe keine Community. Ich habe drei wunderbare Kinder und eine Frau. Und drei Freunde. Das ist meine Community. Ich halte meinen Kreis sehr klein.

Verstehe. Wie ist es dann für dich, an einen Ort wie diesen zu kommen? Fällt es dir leicht, Kontakte zu knüpfen? Ich hatte das Gefühl, die Stimmung war gut und du hast einen guten Draht zu den anderen Musikern hier.

Ja, ich komme schon in Kontakt mit Menschen. Ich bin in Amsterdam geboren, in der Stadt und mitten im Chaos aufgewachsen. Deshalb weiß ich, wie man sich gibt. Nicht wie man Menschen "bespielt", aber ich weiß, wie man ein Gesicht aufsetzt.

Niederländer erinnern mich immer ein bisschen an die Amerikaner, mit ihrem Smalltalk, der Offenheit und dem Humor. Würdest du dem zustimmen?

Ja, das stimmt. Darin sind wir gut. Aber das liegt daran, dass wir etwas zu verkaufen haben.

Okay, das ist interessant. Was meinst du damit?

Das ist das Niederländische. Der niederländische Weg ist der des Marktes. Des Marktplatzes, des Händlers. Wenn du etwas zu kaufen oder zu verkaufen hast, dann ist es einfach.

Also alles von Gier getrieben?

Na ja, heute ist es einfach in unserer DNA, offen zu sein. Aber es kommt von einem dunkleren Ursprung.

Okay, verstehe. Also ist die Freundlichkeit eigentlich nur Marketing?

Genau das ist es. Es ist eine Marketing-Sache. Ihr werdet alle von den Niederländern "geplayed". Nein, ich mache natürlich nur Spaß. Aber da ist schon etwas dran. Die Niederländer sind nett, aber wir reden viel. Und ich glaube, wir sollten ein bisschen stiller sein. Und mehr zuhören.

"Sie werden uns nicht zum Schweigen bringen"

Dein Eurovision-Auftritt jährt sich bald zum zehnten Mal. Was hat sich seitdem verändert? Wie blickst du heute auf deine Erfahrungen beim ESC zurück?

Ich habe es geliebt. Das war eines der besten Dinge, die ich je gemacht habe. Und es hat unglaublich viel Spaß gemacht. Ich würde es jederzeit wieder tun.

Und wie hast du dich seitdem als Künstler weiterentwickelt?

Also, ich habe mich als Mensch weiterentwickelt. Als Person, denke ich. Ich weiß nicht einmal, ob ich wirklich "gewachsen" bin, aber ich bin Vater geworden. Das ist eine große Sache. Ich glaube, ich bin etwas entspannter geworden. Ich hoffe es zumindest.

Warst du beim Eurovision Song Contest sehr nervös?

Ja, war ich. Ich war wirklich sehr, sehr nervös. Aber es lief richtig, richtig gut. Also bin ich zufrieden damit.

Letztes Jahr hat dich eine niederländisch Politikerin als Judenhasser bezeichnet, später entschuldigte sie sich dafür. Im Zuge dessen hast du eine Morddrohung erhalten, zwischenzeitlich hast du deswegen das Land verlassen. Hat diese ganze Erfahrung beeinflusst, wie dein Album produziert wurde oder wie die Songs geschrieben wurden?

Nein. Der Song "Outcast Town" handelt davon. Aber nein, es hat nicht die Art verändert, wie ich meine Songs schreibe. Vielleicht hat es mich als Person verändert. Die Art, wie man Songs schreibt, ist so eng damit verbunden.

Wie hat es dich als Person verändert?

Ich weiß es nicht genau. Man schaut auf die Dinge und erkennt, was wichtig ist und was nicht. Ich liebe meine Kinder und ich liebe meine Frau sehr.

Ich möchte zum Abschluss gerne noch auf deinen Song "Little Bit Stronger" eingehen. Was macht dich ein "bisschen stärker"?

Was mich ein bisschen stärker macht? Nicht zum Schweigen gebracht zu werden. Meine Meinung frei äußern zu können. Den Menschen zeigen zu können, wer ich bin. Und mir selbst im Spiegel in die Augen schauen zu können.

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