5. März 2026
"Auf Tour vermisse ich meinen Hund"
Interview geführt von Désirée PezzettaFür Michael Shuman ist GLU ein Fluchtraum, wenn es zu rockig wird. Außerdem spricht er über die Mini Mansions und sein Unbehagen auf dem Rock im Park-Gelände.
In den Zehnerjahren steckte Michael Shuman seine Energie abseits der Queens Of The Stone Age in die Indie-Band Mini Mansions. Mit GLU betreibt er seit einigen Jahren sein Soloprojekt. Die aktuelle EP "Boogie Man" bietet wieder einen wilden Mix aus Rap, Elektronica und ein bisschen 90er Nostalgie. Im Februar tourte Mikey Shoes als Support für die kanadische Band The Blue Stones durchs Land. Wir trafen ihn vor seinem Gig im Berliner Columbiatheater.
Michael Shuman empfängt uns gut gelaunt in Feinripp-Unterhemd und seinem obligatorischen Goldschmuck. Mit seinen nach hinten gegelten Haaren und leicht kritischem Blick erinnert er ein bisschen an den Paten. Die Begrüßung ist herzlich: "Hi, I'm Michael, nice to meet you!" Ok, doch kein Mafioso, dabei würde es schon ein bisschen passen, hat er doch kürzlich erst bei der italienischen Plattenfirma Frontier Label Group unterschrieben. Wie es dazu kam, wohin die Reise gehen soll und warum GLU auch eine Art Flucht ist – all das erfahren wir im folgenden Gespräch.
Erstmal Glückwunsch zu deinem Plattenvertrag bei Frontier Labels Group. Wie kam der Deal zustande?
Michael: Danke! Eigentlich ist es ein Rock- und Metal-Label, aber sie nehmen jetzt auch Alternative Künstler unter Vertrag. Als ein "älterer neuer weißer Rapper" ist man nicht gerade ein schlagendes Verkaufsargument. Deswegen war es auch eine tolle Bestätigung für mich, als sie auf mich zukamen und sich da wirklich reingehängt haben. Alleine, dass jemand verstanden hat, was ich versuche zu machen, und an das Projekt glaubt. In der heutigen Welt ist das alles tricky. Ich war bei Major-Labels, bei Indie-Labels, ich habe selbst veröffentlicht – ich habe wirklich alles durch. Und ich bin sehr, sehr speziell, wenn es darum geht, wem ich meine Musik lizenziere, wie viel Rechte ich abgebe und wie meine Kunst vermarktet wird. Das ist heikel. Aber ich glaube an die Leute dort. Der Deal kam dann zustande, nachdem wir alles verhandelt und unterschrieben haben, weil du so schön danach gefragt hast.
Behandeln sie dich gut in den ersten Tagen?
Es ist noch nichts wirklich passiert, aber ja, die erste Woche lief gut, haha.
Was sind die nächsten Schritte? Kommt bald ein Album, eine Headliner Tour?
Wenn ich einen Vertrag unterschreibe, gibt es natürlich Verpflichtungen. Ich habe gerade das Cover von Jennifer Paiges "Crush" veröffentlicht. Es werden noch ein paar Songs kommen – und dann muss ich ein Album machen. Bislang habe ich mit einem Longplayer gewartet, weil ich den richtigen Zeitpunkt abwarten wollte. Und persönlich wollte ich auch genug Zeit haben, um ein Album anständig promoten und touren zu können. Deswegen gab es bis jetzt nur EPs, damit ich immer etwas veröffentlichen konnte. Ich bin da sehr, sehr speziell. Die Platte muss den richtigen Raum bekommen, den richtigen Headspace. Man macht ja nur einmal die erste Platte.
Was sind denn deine mittel- oder langfristigen Ziele mit GLU?
Ich möchte so weit kommen, wie möglich. Ich habe aber keine unrealistischen Erwartungen, ich weiß, wie das Musikbusiness funktioniert. Ich weiß, wie die moderne Welt ist und wie sie mit Künstlern umgeht – und welchen Wert eine Platte für die meisten KonsumentInnen heute hat. Wenn ich überall 1.000er-Clubs spiele, wäre ich sehr, sehr, sehr glücklich. Wenn ich Arenen spielen würde – was ich nicht glaube – wäre ich überrascht und euphorisch. Aber man soll niemals nie sagen.
Bleibst du beim elektronischen Ansatz? Du hast vorher auch andere Stile gemacht, die dir gut stehen.
Bei GLU war es so, dass ich etwas anderes ausprobieren wollte. Das Projekt wird immer eine elektronische und Hip-Hop-Note haben. Ich wollte damit durchaus einen Schritt in die Hip-Hop-Welt machen. Aber wenn ich eine Ballade veröffentliche oder einen akustischen Song, dann ist das okay. Mit GLU wollte ich musikalisch vollkommen uneingeschränkt agieren können – ohne Grenzen. Ich schaue da auf Beck als gutes Beispiel. Er ist so einzigartig und hat keine Limits. Er kann ein Album wie "Odelay" machen und eines wie "Sea Change" – beide völlig unterschiedlich – und es ist immer noch Beck. Es klingt immer nach ihm. Genau das will ich auch. Und ich glaube, mit den Queens (of the Stone Age) haben wir das auch ein bisschen gemacht. So haben wir uns über die Jahre entwickelt.
"Es ist eine Art Fluchtraum"
Ist GLU dein Escape Room, wenn es zu viel Rock wird?
(überrascht): Ja, tatsächlich ist es so. Ein bisschen schon. Doch, sicher sogar! Ich habe mit Punkrock angefangen. Mit Queens bin ich in einer Rockband. Mini Mansions war relativ rockig. Ich mag alle Arten von Musik und möchte nicht immer nur Rock spielen. Besonders wenn man älter wird – ich will nicht mit 50 oder 60 nur noch harte Musik spielen. Das ist nicht mein Ziel. Also ja, es ist eine Art Fluchtraum.
Im Vergleich zu deinem Debüt klingt dein Sound auf der zweiten EP rauer, selbstbewusster. Und dann kam "Crush". Hast du eine Schwäche für cheesy 90er Pop?
Ich denke schon, haha. Ich mag die 90er und 2000er, weil sie meine prägende Phase waren, auch musikalisch. Ich glaube nicht, dass alles aus den 90ern gleich gut ist. "Crush" ist einfach ein großartiger Song. Und als ich ihn aufgenommen habe – was übrigens schon eine Weile her ist – war ich in einer Beziehung. Und mit der rosaroten Brille kam mir das alles ganz richtig vor. Jennifer hat mir da aus der Seele gesprochen. Ich bin aber froh, dass du die Entwicklung in meiner Musik bemerkt hast!
Deine "Crush" Version gefällt mir besser als das Original.
Danke!
Ich fand das Original aber auch echt scheiße damals!
(lacht) War es zu cheesy?
Ich glaube, es war die Produktion.
Ja, das verstehe ich. Es ist interessant bei Covern. Man kann einem gut geschriebenen Song neue Kleidung anziehen und ihn in einen anderen Kontext setzen.
Mein Lieblingssong ist "Tunnel Vision". Worum geht es?
Ich weiß genau, worum es da geht. Ich glaube, ich habe noch nie darüber gesprochen. Es geht um das Ende von Mini Mansions.
Michael rezitiert die Lyrics und rappt drauf los. Und auf einmal macht der Text total Sinn: "Three kids make a band // I got tunnel vision // LP in the can making bad decision". Wir waren zu dritt. Wir hatten diese Band zehn oder zwölf Jahre. Uns stand die Welt offen - das war diese Phase, als das Album im Kasten war, die Videos abgedreht waren und wir wirklich auf dem Sprung waren zu touren, Tickets zu verkaufen und von der Band leben zu können – und dann war es auf einmal vorbei. Die anderen wollten nicht so viel touren, ich schon. Das war hart.
Deine Texte haben viele popkulturelle Referenzen. Macht dir das Spaß, das alles einzubauen für die, die es verstehen – oder eben nicht?
Es ist lustig und es macht es etwas leichtfüßiger. Natürlich finde ich auch gern eigene Worte. Aber manchmal wurde etwas schon perfekt gesagt oder geschrieben. Und wenn ich das so empfinde – warum es nicht benutzen? Bei GLU gibt es mehr Text, einen freieren Hip Hop-Flow. Mehr Platz, Dinge miteinander zu verbinden. Wenn du so lange Verse hast, mit vielen Zeilen, kannst du Referenzen miteinander verknüpfen. Und es macht die Songs auch greifbarer. Ich bin selbst ein Popkultur-Nerd. Ich hasse vieles in der Welt, ich schaue keine Nachrichten, weil ich das nicht ertrage. Aber ich weiß gern, was popkulturell passiert. Wobei viele popkulturelle Referenzen eigentlich aus meiner Kindheit stammen.
Deine Texte – du sagst es ja selbst- sind sehr metaphorisch. Bist du ein Fan von Poesie?
Nein. Also – ich mag Poesie. Aber ich sitze nicht unter einem Baum und lese Gedichtbände. Leonard Cohen, Nick Cave, das sind tolle Poeten.
"Bei der "Catacombs"-Show der Queens war ich nervös"
Du arbeitest bei GLU mit viel Musiksoftware. In einem anderen Interview sagtest du, dass das durchaus herausfordernd war. Bist du ein geduldiger Mensch, oder erwartest du, dass immer alles sofort funktioniert?
Ich bin ein sehr geduldiger Mensch. In Beziehungen und mit Menschen allgemein, auch mit Fremden. Aber in meinem Alter noch was komplett Neues zu lernen, darauf habe ich keine Lust, da bin ich überhaupt nicht geduldig. Ich habe mein Leben lang Songs mit der Gitarre geschrieben und ich brauchte etwas anderes, um mich zu inspirieren. Vor einem Computer oder Keyboard zu sitzen und Tracks so entstehen zu lassen, war neu für mich. Ich habe früher immer mit Pro Tools gearbeitet und jetzt, zum Schreiben mit Logic. Das klappt gut. Bei Ableton hört meine Geduld aber auf!
Wie setzt du deine Sounds live um?
Am Anfang wusste ich nicht, wie ich das machen soll. Ich wollte nicht, dass es billig klingt. Ich wollte, dass die Songs live so klingen, wie sie gedacht sind. Aber ich wollte auch keine fünf oder sechs Leute einstellen – die es live aber brauchen würde ... ich würde so viel Geld verlieren. Ein wichtiger Grund für GLU war, dass ich jederzeit Musik machen und touren kann, ohne von anderen abhängig zu sein. Keine Terminabstimmungen. Also habe ich bestimmte Mixe erstellt – ohne Gitarre und ohne Lead-Vocals. Alles andere läuft, und ich spiele und singe live dazu. Ich kontrolliere alle Vocal- und Gitarrensounds selbst. Es hat eine Weile gedauert, das herauszufinden.
Deine Musik ist sehr sinnlich. Bist du ein sinnlicher Mensch?
Ja.
Nutzt du Musik, um deine Stimmung zu ändern oder zu beeinflussen?
Ich höre eigentlich keine Musik mehr. Also benutze ich sie im Grund genommen zu gar nichts. Nicht mal mehr im Schlafzimmer brauche ich Musik. Ich benutze Live-Shows, um Gefühle rauszulassen. Und Gefühle, um Texte zu schreiben. Ich kann einen fröhlichen Song schreiben, wenn ich wütend bin. Oder einen traurigen, wenn ich glücklich bin. Es gibt keine Regeln. Wenn ich mich sinnlich fühle, wie du es ausdrückst, läuft vielleicht Depeche Mode. Das ist das Maximum.
Bist du nervös vor Shows?
Nein. Seit Jahren nicht mehr. Manchmal bei TV-Auftritten – da bekommt man drei Minuten, in denen man alles gibt, und es bleibt für immer. Das ist seltsam. Ich war nervös bei der ersten GLU-Show. Und bei der ersten "Catacombs"-Show der Queens. Es war das Unbekannte.
Hast du eine bestimmte Tourangewohnheit?
Zuhause habe ich meine Routine. Ich stehe früh auf, dann kommt meine Morgenroutine. Und weil ich weder verheiratet bin, noch Kinder habe, hab ich auch die Zeit für meine Routinen. Was ich aber nur auf Tour mache, ist tatsächlich Trinken. Das mache ich zuhause nicht.
Was vermisst du am meisten auf Tour?
Meinen Hund. Meine Routine. Mein Bett. Auch die Struktur, obwohl es die auf Tour auch gibt, nur anders. Aber: Shows spielen ist ein großer Teil von mir. Deshalb verkaufe ich meinen Merch auch selber. Nicht weil ich muss – sondern weil ich es mag. Es bringt mir Freude. Es gibt mir Sinn.
Und wenn du nicht tourst?
Dann vermisse ich das Touren. Es ist ein Teufelskreis.
Magst du eigentlich Berlin? Du bist ja recht oft hier.
Ich mag Berlin sehr. Diesmal habe ich aber nichts gesehen und es ist echt kalt! Ich vermisse das L.A.-Wetter, haha.
Ich vermisse es auch, und ich bin nicht mal aus L.A.
Michael: Es ist wirklich saukalt! Letztes Mal waren wir im Sommer hier. Wir hatten einen freien Tag und hatten eine super Zeit. Jon und ich sind beide jüdisch und wir haben Museen und Gedenkstätten besucht. Ich bin nicht religiös, aber ich fühle eine Verbindung zu meinem jüdischen Hintergrund und fand das eine gute Erfahrung für uns beide.
Kannst du dich noch an euren Gig bei Rock im Park erinnern? Das findet auf dem ehemaligen Nazigelände statt.
Ja klar! Rock im Park in Nürnberg – das war schwer. Man fährt dort entlang und denkt: "Oh shit." Wenn man da nichts fühlt, ist das seltsam. Ich habe niemanden aus meiner Familie beim Holocaust verloren, aber als Menschen sollte uns das alle bewegen. Es ist eine beängstigende Welt gerade. Viele Leute scheinen die Geschichte zu vergessen. All diese Verschwörungstheorien – es ist verrückt. Die Welt spielt verrückt.
Wir machen noch ein Abschiedsfoto, bevor GLU auf die Bühne geht und dem Columbiatheater einheizt. Er, der Boogie Man, liefert an diesem Abend wie immer ab. Und ein Hauch von Magie bleibt in Berlin und legt sich über die Stadt bis zum 8. Juli, wenn Mikey Shoes mit den Queens Of The Stone Age im Vorprogramm von System Of A Down wieder in der Hauptstadt sein wird.


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