5. Juni 2026

"Der WDR hat die komplette erste Strophe gestrichen"

Interview geführt von

Heute erscheint die neue Grenzkontrolle-EP "Piraten". Wir treffen Sänger und Texter Don L. Gaspár Ali zum Interview in Berlin.

Im schönen Rixdorf in Berlin-Neukölln (der Stadtteil ist auch als böhmisches Dorf bekannt), treffen wir Don L. Gaspár Ali zum Interview. Der Name klingt allein schon kunstvoll und seine Band Grenzkontrolle aus Köln hat bereits ein gut gefülltes Jahr hinter sich. Mit ihren zwei EPs "Edelweiß" (2025) und aktuell "Piraten" erinnern Grenzkontrolle an die Widerstandsgruppe Edelweißpiraten.

Die Band repräsentiert Haltung, ist laut und jetzt schon irgendwie kultig. Die Wut über Ungerechtigkeit, Rassismus, Diskriminierung und eine blaue Partei ist groß und muss hinaus in die Welt. Mit einer coolen Portion Punk, Überzeugung und respektvollem Umgang. Im Gespräch begegnen wir einem sehr sympathischen Künstler, der trotz Interview-Marathon noch sehr entspannt wirkt.

Ihr seid gestern aus Köln angereist. Freust du dich, wenn du mal wieder in Berlin bist?

Da ich hier von 2018 bis 2021 gewohnt habe, freue ich mich auf Berlin. Ich treffe viele Freunde und es ist immer ein Riesenerlebnis hier zu sein.

Gab es einen bestimmten Grund, wieder zurück nach Köln zu gehen?

Nee, ich bin erst nach Frankfurt, dann war ich zwei Jahre am Bodensee und habe dort meinen Gedichtband ("Blues auf Eis") geschrieben und dann bin ich letztes Jahr nach Köln. Das hat sich einfach so ergeben.

Am Bodensee sitzt auch unsere Redaktion.

Ah, das wusste ich nicht.

In Konstanz. Aber zurück zu Köln. Grenzkontrolle ist keine klassische Freund:innenband. Wie habt ihr euch alle kennengelernt?

Das war eher Zufall. Ich hatte immer schon die Idee, eine Punkband zu gründen. Kodia und Roza kannte ich schon vom Sehen und ich habe dann mal was gepostet und darauf haben sich beide gemeldet.

Du hast es jetzt schon gesagt, würdet ihr euch selbst als Punkband bezeichnen?

Die Grundidee war, eine Punkband zu gründen, aber jetzt kann ich das gar nicht mehr so genau einordnen. Wenn man die Musik kategorisieren müsste, dann würde ich es als Gitarrenmusik mit Rockeinflüssen beschreiben. Im Detail kann ich nicht genau sagen, wie die genaue Bezeichnung ist.

Die Frage ist auch, wie man Punk überhaupt definiert. Als ich die Single "Revolution" letztes Jahr gehört habe, war meine erste Reaktion: Das ist cool. Das hat gute Gitarren, einprägende Beats und eine wütende Ausstrahlung. Ich muss bei euch immer an Sleaford Mods denken. Musikalisch ist das anders, aber ihr transportiert eine ähnliche Wut in euren Songs. Kennst du die Band?

Ich habe deren Musik nicht wirklich gehört, aber lustigerweise spielen wir jetzt als Support für die.

Stimmt, jetzt wo du es sagst, fällt mir das wieder ein. In Dortmund, oder?

Ja, und in Wiesbaden. Unsere Schlagzeugerin Roza ist ein Fan von Sleaford Mods und das ist natürlich mega.

Ich finde das passt sehr gut.

Das wird bestimmt ziemlich funny.

Eure neue EP "Piraten" erscheint auf Bodenlos Records. Ist das euer eigenes Label?

Ja, genau. Roza und ich haben das Label letztes Jahr im September gegründet und wir haben Grenzkontrolle unter Vertrag. (grinst)

War die Labelgründung geplant? Man kennt ja das Problem von anderen Musiker:innen, ein passendes Label zu finden.

Sowohl Roza als auch ich sind Persönlichkeiten, die gerne immer Kontrolle über ihre eigene Kunst haben wollen. Deshalb war es für uns klar, dass wir unsere Sachen lieber selbst veröffentlichen, um somit den letzten Call zu machen.

Auf Vinyl wird es die EP auch geben?

Ja, genau.

Letztes Jahr erschien die erste EP "Edelweiß" und mit der Single "Revolution" hattet ihr einen Fernsehauftritt in der Show von Carolin Kebekus. Sie widmete ihre Sendung damals dem von einem Polizisten erschossenen afrodeutschen Lorenz A. aus Oldenburg. Damit wollte sie auf den strukturellen Rassismus innerhalb der Polizei aufmerksam machen. Leider hat der WDR im Nachhinein euren Auftritt gekürzt.

Der WDR hat die komplette erste Strophe gestrichen. Eine Kölner Firma produziert die Show von Carolin Kebekus und sie ist ja selbst als Produzentin tätig, deshalb konnte die Sendung auch so stattfinden. Sie läuft aber im Auftrag des WDR. Die Produktionsfirma fand uns mega gut und hat uns eingeladen. Wir haben den Song komplett im Studio aufgenommen und am Ende wurden wir und die Produktionsfirma von Carolin vor vollendete Tatsachen gestellt. Sie haben es einfach geschnitten. Trotzdem war es wichtig, dass wir dort waren. Es ging um die Message. Wir wollen wissen, was mit Lorenz A. passiert ist. Es muss eine unabhängige Ermittlung geben und eine lückenlose Klärung des Falls.

(Die erste Strophe lautet: "Die Ampel ist aus und im nahen Osten tobt die Revolution / Das Joch ist schwer / Hilfst du mir? Or you don't care / Liebe ist heute schwer zu greifen und 'ne Bude kann sich kaum jemand leisten / Wo kommen wir da hin? / Wo kommen wir da hin?, Anm. d. Red.)

Ich habe noch mal nachgeschaut, es gibt nach über einem Jahr noch kein Verfahren. (Der 21-jährige Lorenz A. wurde in der Nacht auf den 20. April 2025 von einem Polizisten erschossen. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt.)

Das ist leider richtig und leider auch nicht motivierend. Aber man darf nicht aufhören, darüber zu sprechen.

Was wir hiermit tun. Ihr greift generell durch eure Musik und eure Texte Themen auf, die vielleicht nicht mehr so im Fokus stehen. Ihr setzt euch kritisch mit dem städtischen Alltag auseinander. Auch im Song "Neumarkt". Da sind wir wieder in Köln. Als Kölner kennt man den Platz vor allem wegen seiner Drogenabhängigen. Das Problem besteht dort schon seit ich denken kann.

Genau. Es gibt einfach zu wenige Räume, wo sie konsumieren können. Generell ist die Wohnungsnot ein großes Problem. Früher als Kind bin ich da immer langgefahren und in die 16 umgestiegen. Ich habe immer gedacht: Boah, sind die alle alt und heute gehe ich da lang und denke, die sind echt verdammt jung. Irgendwie verliert man da die Wirklichkeit. Dieser Anblick hat mich auf jeden Fall schon immer zum Nachdenken gebracht, weil es mich daran erinnert, dass jeder von uns davon eigentlich ziemlich weit weg ist. Von dem, was wir verabscheuen oder auch verachten. Wir sehen nicht, dass es ein Schicksalsschlag ist, eine Katastrophe, die da abhängt. Auf der einen Seite ziemlich absurd, wie Camus sagen würde und die Existenzialisten, auf der anderen Seite aber ziemlich real.

Die Realität besteht darin, dass der Neumarkt eine Shopping-Meile ist und alle mit ihren Einkäufen an den Schicksalen vorbeilaufen.

Eine größere Theaterbühne gibt es eigentlich gar nicht: Schaut mal, hier läuft gerade ziemlich viel verkehrt.

"Der Spaß ist der Motor der Band"

Gibt es in Köln einen Lieblingsort, wo du abschalten kannst oder vielleicht sogar Texte schreibst?

Ich mag natürlich den Kölner Süden, den Rhein dort. Ich bin in der Südstadt aufgewachsen. Ich mag auch die Kulisse in Rodenkirchen. Da gibt es diesen kleinen Strand. Köllefornia. (lacht) Ich bin aber auch oft im Belgischen Viertel, weil es da ein paar Bars gibt, wo ich gerne abhänge. Das Café Central hat jetzt auch neu geöffnet.

Das hat mir eben euer Manager erzählt. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass das Central zu war. Da findet eure Release-Party statt?

Genau. Wir machen eine DJ-Performance, also werden auflegen.

Das erinnert mich an frühere Zeiten in Köln. Da gab es eine Indie-Szene und sehr viele Konzerte und solche Aktionen. Alle kannten sich und haben in verschimmelten Kellerräumen geprobt. Wie sieht euer Proberaum aus?

Früher haben wir auch in so einer Punk-Bude geprobt, aber mittlerweile haben wir einen besseren Raum. Da gibt es jetzt keine großartige Technik oder fancy stuff. Das braucht es nicht, aber wir haben mittlerweile schon einen anderen Anspruch ans Musikmachen und deshalb bestücken wir den Raum mit unseren eigenen Sachen. Punk ist ja eine Haltung, dass man sich nichts sagen, sich nicht beeinflussen oder programmieren lässt. Aber wir haben schon auch den Anspruch, besser zu werden. Wir arbeiten an unseren Sounds und gehen mit unserer Zeit.

Wie oft trefft ihr euch im Proberaum?

Wir spielen minimum dreimal die Woche. Manchmal auch öfter, je nachdem wie alle Zeit haben. Ich bin jeden Tag dabei und schreibe Texte und es wird individuell geübt. Wir haben eine Verantwortung und die nehmen wir schon ernst.

Und habt aber auch noch Spaß dabei?

Auf jeden Fall. Der Spaß ist schon der Motor, ansonsten würden wir das nicht machen. Das ist ja alles auch kräftezerrend und zeitintensiv und ohne Spaß wären wir längst nicht mehr dabei.

Das ist vielen gar nicht so bewusst, was da an Arbeit drinnen steckt, vor allem wenn man als Band oder Künstler alles selbst auf die Beine stellt: eigenes Label, Videoproduktionen, Auftritte organisieren und dann heute den ganzen Tag Interviews geben, auch anstrengend.

Es ist immer was los. Ab September sind wir auf Tour und da sind wir auch schon gespannt, wie das wird und was bis dahin noch passiert.

"Man sollte alles hinterfragen"

Hast du vor der Grenzkontrolle auch schon Musik gemacht?

Ich habe als DJ aufgelegt. Und sonst war ich eher als Schauspieler unterwegs und mache das auch immer noch gerne. Und das Schreiben begleitet mich schon lange. Ich habe immer Wege gesucht, um mich auszudrücken.

Deine Lust am Schauspielern und Verkleiden sieht man in euren Videos. Da legt ihr großen Wert auf Style und kunstvolle Umsetzung. Man merkt richtig, dass sich alle Beteiligten richtig viel Mühe geben. Wer hat Regie geführt?

Felix Aaron und Jan Schünke. Das sind alles Freunde von uns. Roza ist Producerin und sie ist sonst auch mit elektronischer Musik unterwegs. Kodia, unser Gitarrist, ist zeitgenössischer Tänzer und hat das auch in Köln studiert. Er ist ein bisschen später zu uns gestoßen. Es sind viele verschiedene Einflüsse, die da zusammentreffen. Man weiß nie, was als nächstes passiert.

Eure erste EP heißt "Edelweiß" und jetzt feiert ihr den Release der "Piraten"-EP. Ihr erinnert damit an die Edelweißpiraten. Es gibt ja tatsächlich auch ein Edelweißpiratenfestival in Köln.

Das kenne ich gar nicht.

Das fand immer im Friedenspark statt und da gab es auch Konzerte von Kölner Bands oder Musikern, die man kannte. Harald "Sack" Ziegler, Werle & Stankowski, Veedel Kaztro und Klaus der Geiger waren zum Beispiel dabei.

Klaus der Geiger kenne ich noch.

Laut Google scheint es das immer noch zu geben.

Krass. Das wusste ich nicht. Das gucken wir uns mal an. Und mit Edelweißpiraten wollten wir einfach zeigen, dass man nicht zu jung ist, um Widerstand zu leisten oder um wenigstens Dinge anzusprechen. Auf Missstände hinzuweisen. Man sollte einen Zugang dazu bekommen, was man jeden Tag erlebt oder sieht. Man sollte alles hinterfragen und ob sich das jetzt richtig anfühlt. Wir wollen damit sagen: Hey, es lohnt sich mutig zu sein, auch wenn es am Ende einen hohen Preis dafür zu zahlen gibt.

13 Edelweißpiraten haben 1944 mit ihrem Leben bezahlt. Einer von ihnen war der erst 16-jährige Bartholomäus Schink. Nach ihm wurde eine Straße in Köln-Ehrenfeld benannt. Sehr wichtig, dass man immer daran erinnert.

Auf jeden Fall.

Ich glaube nämlich nicht, dass alle noch wissen, wer die Edelweißpiraten sind.

Nee, auch nicht alle Kölner.

Mode ist auch Haltung. Kleidung bewusst tragen als Botschaft für die Persönlichkeit oder auch als eine Art der Rebellion. Bei euch musste ich zuerst an die Mods-Szene in England denken. 1960s Style mit smarten Anzügen. Oder auch Dandy-mäßig wie bei David Bowie. Die Ästhetik spiegelt sich auch in euren Videos wider. Ich habe gelesen, dass du inspiriert bist von einem bestimmten afrikanischen Modestil.

Sapeur-Culture. Das kommt aus dem Kongo. Es ist ein Einfluss, aber steht auch nicht besonders im Vordergrund. Es geht primär um das Bewusstsein, wie man sich kleidet. Es war früher, als wir klein waren, immer schon wichtig, was man anzog, wenn man sonntags zur Kirche ging oder auf einem Geburtstag eingeladen war. Da hat man sich immer Gedanken gemacht, gut angezogen zu sein, um dem Gast eine Freude zu machen. Gute Kleidung spielt auch bei Roza und ihren türkischen Wurzeln eine große Rolle. Zeige nie einem Fremden, wie schlecht es dir geht. Egal wie schlimm die Situation gerade ist, es ist immer gut ein hübsches Hemdchen anzuziehen.

Da kommen wir auch wieder auf die obdachlosen Menschen zu sprechen. Denen man nicht nur am "Neumarkt" begegnet und nicht auf den ersten Blick sieht, dass es ein Mensch ohne Wohnung ist oder jemand, der Flaschen sammelt, weil sie gepflegt aussehen. Sie achten auf ihr Äußeres, um nicht aufzufallen.

Genau. Das ist auch das Traurige daran.

Jetzt müssen wir leider schon aufhören, weil schon das nächste Interview ansteht. Ich wünsche euch viel Erfolg und eine tolle Release-Party.

Danke. Das war sehr schön.

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