laut.de-Kritik

Diese Band kann man nur an der eigenen Diskographie messen.

Review von

Was hatte ich mir nur gedacht, als ich der Redaktion voller Euphorie anbot, über das neue John Coffee-Album "Not Alone" zu schreiben? Schließlich sind Referenzen und Zuordnungen des Sounds zu anderen Bands nahezu unmöglich bzw. zu ausufernd, da gefühlt jeder Song an mindestens zwei bis vier Genres und nicht minder an verschiedene Bands erinnert, die - das lehrt die Erfahrung - jede(r) Rezipient:in je nach Sozialisierung verschieden zuordnet.

Teilweise wabern und prügeln Gitarren, Bass und Schlagzeug wie die rhythmische Dammwalze von Kvelertak, die in Richtung Death Metal-Ästhetik gehende Stimme gibt es gleich dazu. Doch allein in einem Song, "Push Push Push" erinnert eine Gesangspassage an Jonathan Davis von Korn, dann hat man plötzlich Alice in Chains und Layne Staley vor sich. Manche Synthieelemente auf dem Album erinnern an Muse, bei "Hang The Choir" kommen einem im Refrain die Foo Fighters in den Sinn, und die teilweise einfachen Harmonien erinnern an Emil Bulls, um dann aber wieder aus der Gefälligkeit auszubrechen in Richtung Grunge-Disharmonien oder Brachialität.

"It's You" startet mit biffyclyroeskem A-Capella, man wartet auf Simon Neils Stimme und die damit einhergehenden Harmonien, Sänger David Achter de Molen und die Instrumente übernehmen für Stufe zwei jedoch eine Stufe aufgeschmirgelter als die Schotten; dennoch könnte die Biffy Muttergefühle entwickeln für den Song.

"Do Not Teach" klingt wie eine von diesen Death Metal-Bands, die unter LSD Jazz und Faith No More hören und meinen, wir müssen mal was anders machen. Nur macht der John Coffey das halt alles besser als diese fiktiven Death Metaller. Ähnlich verhält es sich mit "Call Of The Bear", etwas mehr in Richtung Crossover trifft 90ies-NY-Hardcore, und es wird ein Heiligenschein zerrissen. "I Don't Care, I Won't Give Up On You" wirkt wie ein Best-Of aller Westküstenbands der USA vom Beginn der Neunziger, also zumindest für mich. Apropos Neunziger, der Hardcore von "Time Is Up Now" wechselt sich ab mit Passagen, die an L7 und ein Popcorn-College-Grunge-Punk-Bands wie Belly oder Elastica erinnern.

Noch Fragen? Genau, alle oder keine. Denn auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, die Niederländer dienen seit zwanzig Jahren jedem als Projektionsfläche für die eigenen individuellen musikalischen Assoziationen und sind dadurch ganz sie selbst und klingen deshalb nach sich selbst.

Dabei setzen sie den Weg, den sie z.B. mit "The Place Is Placeless" auf dem Vorgängeralbum "FOUR" in Richtung Pop-Appeal eingeschlagen haben, fort, jedoch weniger Grunge-Moll, deutlich mehr Stadionflair durch Opulenzelemente, man meint zuweilen gar eine Prise Def Leppard zu vernehmen. Doch noch bevor Beat und Melodie sich so entwickeln kann, dass jemand "Ausverkauf" und "Beliebigkeit" schreien kann, bekommt derjenige den Eimer Eiswasser ins Gesicht und die Stimmung des Songs kippt, nur passieren die Stilbrüche nicht künstlich, nicht mathematisch gefrickelt, sondern sehr organisch. Das Album hält jederzeit die Spannung hoch - von wie vielen Platten kann das schon behauptet werden?

Enttäuschen könnten sie mit "Not Alone" ausschließlich ihre eigenen Die-Hard-Fans aus Zeiten, als sich die Melodie-Passagen noch mehr dem Rhythmus des (Post-)Hardcore anpassten und unterordneten. Doch selbst dafür würde ich nicht die Hand ins Feuer legen.

Trackliste

  1. 1. Hang The Choir
  2. 2. Not Alone
  3. 3. Push Push Push
  4. 4. It's You
  5. 5. Do Not Teach
  6. 6. Call Of The Bear
  7. 7. I Don't Care, I Won't Give Up On You.
  8. 8. Time Is Up Now
  9. 9. Hope In - Fear Out
  10. 10. All Bark, No Bite

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