Platz 1: Zwesche Salzjebäck Un Bier (1984)

Ein Umbruch musste kommen. Nach "Vun Drinne Noh Drusse" war er dann auch unvermeidbar.
Nach zwei Hitalben legen BAP 1984 mit "Zwesche Salzjebäck Un Bier" ein mal düster-klaustrophobisches, mal verzweifelt-restoptimistisches Album vor, bei dem jeder Song eine andere, teils konträre Geschichte erzählt.
Gleich zu Beginn duelliert sich etwa "Bahnhofskino" schon mit "Kristallnaach" um das metaphorischste, bedrückendste und undurchdringlichste Stück Lyrik, das Niedecken jemals geschrieben hat.
"Einstein, der im Schatten der Bombe
Rotz und Wasser flennt, weil selbst jetzt keiner ihm näher kommt
Und ihm beim Kreuzworträtsel hilft, beim letzten Wort:
'Afrikanischer Fluss mit drei Buchstaben' – findet er nicht.
Vom Berg Sinai kommt über Fernschreiber gerade das Elfte Gebot,
Während Dürer die Apokalyptischen Reiter nach Zahlen buntmalt."
Politik, Religion, Geschichte, Kultur – alles ist gleichzeitig da, die Realität als billiger, zusammenhangloser Film im schäbigen Bahnhofskino. Keine Einordnung, keine Lösungsansätze, einfach nur Überforderung. Sowas einem mitklatschwütigen Massenpublikum als Albumopener vorzusetzen, zwei Jahre nach "Vun Drinne Noh Drusse", das ist schon ein Statement.
Ähnliche Aufsätze ließen sich über die Livefavoriten "Diss Naach Ess Alles Drinn" und "Alexandra, Nit Nur Do" schreiben, doch die größte Aufmerksamkeit gebührt dem beklemmenden "Sendeschluss".
Genau wie die "Diss Naach", "Bahnhofskino" und auch das für die geplatzte DDR-Tournee konfektionierte "Deshalv Spill 'Mer He" erzählt "Sendeschluss" eine Geschichte von Perspektivlosigkeit und Unzugehörigkeit – eingerahmt in die Erlebnisse der 14-jährigen Kerstin, die ihr Zuhause verlässt, um der Band nachzutrampen.
In keinem Track zeigt sich deutlicher, was "Zwesche Salzjebäck Un Bier" zum wirklich besten BAP-Album macht: Es ist die cineastische Einheit aus Text und Musik. Akustikgitarre und Cello kreieren hier keinen Prog-Pop-Schmalz wie auf späteren Platten, sondern zeichnen exakt den zweiten besungenen Handlungsstrang einer verregneten Nacht nach, in der "Papa [...] zwesche Salzjebäck und Bier" schläft.
Die einsame Stockhausen-Trompete auf "Diss Naach" ist noch so ein lautmalerisches Beispiel, das entrückte Delay-Drumming von Neu-Schlagzeuger Jan Dix, das die klaustrophobische Atmosphäre von "Bahnhofskino" über den Text hinauswachsen lässt, ein weiteres.
Klar, heutzutage hört man allen 80er-BAP-Alben ihr Alter an: Das heißt nicht immer etwas Positives – "Zwesche Salzjebäck Un Bier" schon. Denn das Album ist ein Gesamtkunstwerk. Nicht immer ein homogenes, aber gerade die A-Seite bündelt die besten 23 Minuten Musik, die BAP jemals auf Band gelegt hat. Nix Kölsch-Rock, nix Politrock, nix Folkschnulze: sondern ungezwungene Komposition mit – vielleicht unfreiwilligem – künstlerischen Anspruch.
Wolfgang Niedecken:
"Und mein liebstes Album der ersten BAP-Phase. Leider hatte es nicht denselben Erfolg wie seine beiden Vorgänger. Und dann ging es los: 'Was machen wir jetzt, wie steuern wir da jetzt musikalisch mit 'Ahl Männer' gegen?'' Aber 'Salzjebäck' war wirklich fantastisch, so, wie es war."
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5-Sterne-Album