Cyndi Lauper - "True Colors"
"True Colors", wie vor nicht allzu langer Zeit geschehen, als Untermalung eines Waschpulver-Werbespots zu hören, mutet schon ein bisschen seltsam an, kennt man die Geschichte des Songs. Er entstammt den Federn von Tom Kelly und Billy Steinberg. Letzterer schrieb das Lied für seine Mutter, die ihr ganzes Leben lang nicht wagte, sie selbst zu sein. Letzten Endes geriet Steinberg der Text in der ursprünglichen aber doch zu persönlich, es sollten ja auch andere Menschen andocken können.
Die etwas zugänglichere Version hatten die beiden Songwriter eigentlich für die Country-Sängerin Anne Murray vorgesehen gehabt. Die lehnte den Song jedoch ab. Cyndi Lauper, die zweite Wahl der Herren Urheber, lehnte ebenfalls ab: Sie könne mit dem gospeligen Country-Vibe der Nummer so gar nichts anfangen, beschied sie. Losgelassen hat sie "True Colors" aber trotzdem nicht. Ihr enger Freund Gregory Natal war soeben gestorben. Das HI-Virus war erst wenige Jahre zuvor entdeckt worden, AIDS wurde als "Schwulenseuche" diffamiert, homosexuelle Menschen noch stärker diskriminiert als zuvor ohnehin schon. Kaum jemand aus der Community wagte, seine wahren Farben zu zeigen. In Cyndi Lauper fanden sie jedoch eine quietschbunte Verbündete.
Sie krallte sich "True Colors" letzten Endes doch, krempelte das Arrangement auf Links und verwandelte den Song in eine Ballade, die sie zwar zu Ehren ihres verstorbenen Freundes sang, in der sich aber eine ganze Community wiederfinden konnte, ein unüberhörbares Plädoyer für Gleichberechtigung und Sichtbarkeit: "Don't be afraid to let them show, your true colors, true colors are beautiful like a rainbow." Dieser Song war bereits pures Empowerment, bevor der Begriff inflationäre Verwendung fand ... und heute? Ja, wie gesagt: untermalt er Reklame für ein Color-Waschmittel. Seufz.
1 Kommentar mit 8 Antworten
Gab 1998 eine eher schauderhafte Cover-Version von Phil Collins.
Phil Collins’ Version ist kein Song, es ist ein pharmazeutisches Produkt. Es ist die musikalische Entsprechung eines lauwarmen Bades in einer psychiatrischen Luxusklinik. Die totale Kapitulation.
Die 90er haben angerufen. Sie hätten das Phil Collins Bashing gerne zurück.
Mir ist schon klar, dass Collins Millionen von einsamen Menschen in einer atomisierten Gesellschaft zumindest ein Minimum an Trost gespendet hat. Zudem ist es die Musik der Supermärkte und der Pendler-Autos – den wahren Schauplätzen des modernen Elends.
Halt nichts für den eingefleischten Harald Ewert Fan. Schon klar.
Wer die weichgespülte, akustische Raufasertapete von Phil Collins – diese vertonte Belanglosigkeit, die selbst in Zahnarztpraxen als Folter gilt – für seicht hält, ist also automatisch ein Fan von sächsischen Jogginganzug-Hooligans. Großartig!
"Zudem ist es die Musik der Supermärkte"
Ach, wie oft ich meinem Caramel Core Ben & Jerrys schon "you and me in paradise" an der Tiefkühltruhe entgegen gegurrt hab. ♥
PS: Wenn jemand deinen .... Musikgeschmack nicht teilt, ziehst du einfach die ganz große Nazikarte aus dem Ärmel. Na danke.
Ihr könnt aufhören. Es gibt keinen Phil Collins-Diss, den Phil Collins nicht selbst schon amüsanter gebracht hätte.