Lil' Kim - "Hard Core"
Erst dieser Tage meldete sich Lil' Kim zu Wort. Sie habe das Biggie-Biopic "Notorious" zwar nicht gesehen, sagte sie in einem Interview, es sei zu schmerzhaft. Die Ausschnitte, die sie damals habe anschauen müssen, zeigten jedoch nicht die ganze Wahrheit. Zumindest nicht ihre Version davon. Die wolle sie nun demnächst in ihrer eigenen Biografie auf die große Leinwand bringen.
Man darf darauf gespannt sein, wie sie sich in Szene setzen wird, wenn sie selbst am Ruder steht. Zu "Hard Core"-Zeiten war sie davon ja noch weit entfernt. Auch wenn rückblickend manche*r versucht, sie zu einer Vorreiterin für Frauenrechte und Selbstbestimmung hochzujazzen (was irgendwie sogar stimmt): Viel mitzureden hatte Lil' Kim damals noch nicht, schon gar nicht, wenn es darum ging, sie zu vermarkten. Sie durfte noch nicht einmal mitentscheiden, mit welchen Bildern ihr Album beworben werden sollte. "Ich war damals nur ein kleines Mädchen und hatte keinerlei Kontrolle, über nichts", erzählt sie. "Biggie nahm den ganzen Packen Fotos und blätterte sie durch, er fand, ich sei das sexieste Mädchen, das er je getroffen habe. Er hat niemanden sonst auch nur einen Blick auf die Bilder werfen lassen. Er nahm sie, setzte sich in eine Ecke und ging sie alle durch. Dann stand er auf, steckte sich einen Blunt an, warf die Negative auf den Tisch, deutete auf ein Bild und sagte: 'Dieses, das ist das richtige.' Das wurde dann benutzt. Ich hatte nichts zu melden. Ich habe noch nicht einmal alle Bilder zu sehen bekommen."
Biggie hat außerdem ihren Rapstyle beeinflusst, hat ihr das Harsche, Aggressive ausgetrieben, sie angehalten, sich weicher, femininer, sexier zu artikulieren. Stets gewehrt hat sich Lil' Kim aber gegen die Unterstellung, ihr Lover habe ihr auch die Texte geschrieben. Noch nicht einmal, dass sie ihre Diskografie nach dem Tod ihres angeblichen Ghostwriters nahtlos fortsetzte, brachte die böswilligen Gerüchte zum Verstummen. Es ging wohl einfach über den Verstand mancher Männer, dass sich da eine Frau von winziger Statur, obendrein eine Schwarze, erdreistet, außer über Klunker und Designerklamotten auch ausgiebig über Sex zu rappen, und das keineswegs nur in einer Weise, wie sehr sie sich doch nach irgendeinem Typen verzehre.
Nö: Lange bevor irgendjemand das Wort "sexpositivity" im Munde führte, praktizierte Lil' Kim selbige schon und formulierte knallhart, unverblümt und schambefreit ihre Wünsche, Phantasien und Ansprüche. Im Jahr 1996: noch wahrlich unerhört. Eine Rapperin wie Lil' Kim hat es vor ihr nicht gegeben. Nach ihr gab (und gibt) es von dieser Sorte eine ganze Menge, und jede Wette, haben die alle "Hard Core" studiert. Das wiederum bleibt, auch ganz unabhängig von seiner Wirkung auf die Wahrnehmung und die Selbstinszenierung von Frauen im Hip Hop, eine kommerziell megaerfolgreiche, elend unterhaltsame, stellenweise saukomische und nicht zuletzt eine brachial gut gerappte Angelegenheit.
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